Deutsch-russische Kant-Ausgabe

Sie haben es also getan. Darum erneut: Herzlich Willkommen!

Wir haben es uns zum Ziel gesetzt, die wichtigsten Schriften der kritischen Periode der Philosophie Immanuel Kants in einer zweisprachigen Ausgabe zunächst dem russischen Publikum zur Verfügung zu stellen. Bislang sind zwei Bände erschienen. Der erste Band enthält einige kleinere Schriften aus den 80er Jahren (so etwa Zum ewigen Frieden), der zweite Band umfaßt die Grundlegung zur Metaphysik der Sitten und die Kritik der praktischen Vernunft. Momentan arbeiten wir am Text der Kritik der Urteilskraft; der entsprechende Band soll spätestens Ende diesen Jahres in Moskau erscheinen.

Das Projekt wird seit 1999 im Rahmen des Schwerpunktes "Gemeinsame Wege nach Mittel- und Osteuropa" von der Volkswagen-Stiftung  gefördert.

Zielsetzung des Projektes

Zur Lage der Geisteswissenschaften (insb. der Philosophie) in der ehemaligen Sowjetunion

Die Situation der Kant-Forschung in Rußland

Idee einer deutsch-russischen Kant-Ausgabe; Aufgaben des Projektes

Anfänge

Gesamtplan der Ausgabe

Mitarbeiter; Adressen

Leseproben aus Bd. 3: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten / Kritik der praktischen Vernunft


Zielsetzung des Projektes einer deutsch-russischen Ausgabe der Werke Immanuel Kants

Das Vorhaben einer zweisprachigen - deutsch-russischen - Ausgabe der Werke Immanuel Kants soll beispielhaft neue Konzeptionen der Zusammenarbeit zwischen deutschen und russischen Wissenschaftlern entwickeln, diese im Arbeitsprozeß erproben und - wenn möglich - schließlich etablieren. Damit soll einerseits ein Beitrag zur Wiedereinbezie-hung der russischen Philosophie in internationale Diskussions- und Forschungszusammen-hänge geleistet werden; andererseits soll die gemeinsame Arbeit an der Ausgabe dazu dienen, den Prozeß der Konsti-tution einer neuen wissenschaftlichen Infrastruktur in Rußland selbst zu befördern. Zu diesem Zweck soll nicht nur an der Edition selbst gearbeitet, sondern auch philosophische Fachtagungen zu den zu edierenden Schriften Kants veranstaltet werden. Aufgrund des in Rußland vorhandenen, über die Fachphilosophen im engeren Sinne hinausgehenden großen Interesses an der Philosophie Kants könnte das Vorhaben als Paradigma für ähnliche Projekte gerade in den Geisteswissenschaften dienen und damit ein Anstoß für derartige Kooperationen auch in anderen Disziplinen sein.

Zur Lage der Geisteswissenschaften (insbesondere der Philosophie) in der ehemaligen Sowjet-union

Die aus den gesellschaftlichen Umbrüchen der letzten Jahre resultierenden Probleme und Fragen weisen Dimensionen auf, die sich teils aus diesen Umbrüchen selbst, teils aus Veränderungen von Bedeutung und Funktion von Wissenschaft ergeben. Zu den allgemeinen Auswirkungen gehört vor allem die veränderte ökonomische Situation, mit der sich Wissenschaftler konfrontiert sehen: so fiel z. B. der Anteil am Staatsbudget, der für die Finanzierung der Akademie der Wissenschaften, „the country’s leading scientific institution“,  vorgesehen war, in der Zeit von 1990-1993 von 7,25 % auf 3 %.  Die Akademie war nicht mehr in der Lage, die Gehälter ihrer Mitarbeiter zu bezahlen; außerdem mußte sie Räume oder ganze Gebäude vermieten, um wenigstens teilweise ihre laufenden Kosten decken zu können. Darüberhinaus zählt zu jenen Auswirkungen eine grundlegend veränderte Bedeutung von Wissenschaft überhaupt: während für die Kommunisten gegolten habe, daß sie „heralded science as an omnipotent force“  - was bei den Wissenschaftlern zu einem erhöhten Verantwortungsgefühl „for the welfare of ‘the people’“  geführt habe -, so gilt nun: „Science has been left to its own devices while political elites turn away from science to popular support as a source of political legitimacy. (...) The state no longer needs science to cultivate illusions of a better future. Post-Soviet elites view science as largely useless. (...) Incomplete assimilation of science by Rus-sia’s society becomes a crucial liability when society goes through another bout of enforced modernization.“ (Zu diesem Komplexen vgl. die Artikel von Nadezhda Gaponenko: Transformation of the Research System in a Transitional Society: The Case of Russia. - In: Social Studies of Science. 25 (1995), 685-704, 686f.; Peter Kneen: Science in Shock: Russian Science Policy in Transition. - In: Europe-Asia Studies. 47 (1995), vol. 2, 281-303; Yakov M. Rabkin/Elena Z. Mirskaya: Science and scientists in the post-Soviet disunion. - In: Social Science Information. 32 (1993), vol. 4, 553-579.)

Diese veränderte Relevanz von Wissenschaft betrifft sowohl eher anwendungsbezogene Disziplinen als auch die Grundlagenforschung  und Fächer wie die Philosophie.  Aus dieser Situation resultieren allerdings auch neue Möglichkeiten der internationalen Zusammenarbeit, des Erfahrungs- und Wissensaustauschs. So wechselten insbesondere in vielen naturwissenschaftlich-technischen Disziplinen gerade in der ersten Zeit nach dem Zerfall der Sowjetunion hervorragende russische Wissenschaftler entweder in kommerzielle russische Unternehmen oder zu westeuropäischen bzw. amerikanischen Institutionen und Firmen.  Dagegen stellt sich die Situation der Geisteswissenschaften grundlegend anders dar: sie stehen nicht nur deshalb zur Disposition, weil sie als allzu konform mit dem Sowjet-System galten. Soziologie, Geschichte und Philosophie sind besonders bedroht, da neben jenem Verdacht und den genannten ökonomischen Problemen  aufgrund der angeführten Wissenschaftsfeindlichkeit das allgemeine Interesse sich auf „daily horoscopes, advertisements for healers, interviews with witches“  (so Rabkin/Mirskaya, Science, 563) zu richten beginnt. Dabei käme diesen Fächern gerade in der aktuellen Umbruchsituation eine besondere Bedeutung zu. Sie hätten sich ihrer originären Aufgabe zu stellen, die Veränderungen in Staat und Gesellschaft zu reflektieren und Antworten auf aktuelle Fragen zu finden. Dazu bedürfen sie allerdings einer funktionierenden wissenschaftlichen Infrastruktur als Voraussetzung.

In diesem Zusammenhang kommt der Philosophie, insbesondere der Geschichte der Philosophie und hier wiederum nicht zuletzt der Philosophie Kants in der gegenwärtigen Diskussion Rußlands eine besondere Bedeutung zu. Galt der Philosoph des kategorischen Imperativs - der uns gebietet, so zu handeln, daß die Maxime unseres Handelns zugleich als ein allgemei-nes Gesetz für jedermann dienen kann -, in der Sowjetunion fast durchgängig nur als Philosoph des Subjektivismus, als eine Art defizitärer Vorgänger Marxens, so knüpft das wiedererwachte Interesse an Kant in Rußland an eine lange Tradition an, die sogar auf Kant selbst zurückgeht, der Vorlesungen auch vor russischen Offizieren gehalten hat.
Dabei existiert in Rußland gerade auf dem Gebiet der Geschichte der Philosophie ein vergleichsweise hohes Niveau: Vladimir Malachov (Gibt es eine Philosophie in Rußland? - In: Osteu-ropa. Zeitschrift für Gegenwartsfragen des Ostens. 43 (1993). H. 11, 1030-1038. 1035f.) nennt als Initiatorinnen einer ernsthaften und seriösen Behandlung der Geschichte der Philosophie Gajdenkos Heidegger-Buch von 1963 und Nelly Motroschilovas Arbeit über Husserl von 1968.  Andererseits waren russische Wissenschaftler lange Zeit hindurch von der Teilnahme an internationalen Forschungszusammenhängen nicht nur aus politischen Gründen ausgeschlossen, da viele von ihnen bis zur Öffnung des Landes Fremdsprachen nicht beherrschten, deshalb auf Übersetzungen angewiesen und dazu verdammt waren, Herausgebern und Redakteuren, die ihrerseits permanent mit der Zensur zu kämpfen hatten, zu vertrauen, oder aber mangels Übersetzungen auf die Auseinandersetzung mit der nichtrussischen Philosophie überhaupt zu verzichten.  Doch selbst wenn Übersetzungen vorhanden waren,  war eine Auseinandersetzung mit westlicher Literatur nur auf vergleichsweise bescheidenem Niveau möglich - Fachzeitschriften konnten nicht abonniert, internationale Tagungen nur selten und unter Auflagen besucht werden, wirkliche Diskussions- und Arbeitszusammenhänge konnten nicht entstehen: all das, was Thomas S. Kuhn in 'The Structure of Scientific Revolutions' 1963 als Konstitutionsbedingungen für das Entstehen einer ‘scientific community’ beschrieb, konnte sich im Falle Rußlands allenfalls ‘intern’, nicht jedoch im Verhältnis zum westlichen Ausland entwickeln. Diesen Zustand gilt es nun auch auf dem Felde der Geschichte der Philosophie durch gemeinsame Anstrengungen - und das heißt: vor allem durch die Entwicklung einer wirkliche Zusammenarbeit ermöglichenden Infrastruktur - zu überwinden.

Die Situation der Kant-Forschung in Rußland

Anfang des 19. Jahrhunderts lagen in Rußland nur wenige Schriften zu Kants Philosophie vor. Hervorzuheben sind die Briefe über die kritische Philosophie von A. S. Lubkin, die in Sankt Petersburg 1805, ein Jahr nach dem Tode Kants, veröffentlicht wurden. Kurzfassungen der kantischen Philosophie wurden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zumeist im Rahmen allgemeiner Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie vorgetragen.  Seit den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts kommt es zu einem regelrechten Aufschwung der Kantforschung in Rußland, der seinen Ausdruck vor allem in den Übersetzungen der wichtigsten Werke Kants fand. So erschien die Kritik der reinen Vernunft 1867 in Sankt Petersburg in der Übersetzung M. Vla-dislawlews und in den Jahren 1896-1897 in der Übersetzung von N. M. Sokolow.  Die Kritik der Urteilskraft wurde erstmals 1898 (von N. M. Sokolow) übersetzt; die Prolegomena (in einer Über-setzung von W. S. Solowjow) wurden 1889 und 1893 veröffentlicht. 1900 wurde die Anthropologie in pragmatischer Hinsicht (von N. M. Sokolow übersetzt) ver-legt; 1908 erschien (ebenfalls in seiner Übersetzung) Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft und 1915 (von I. K. Markow übersetzt) Kants Logik.

Ins Russische wurden aber nicht nur Kants Werke, sondern auch Abhandlungen nichtrussi-scher Kantforscher wie W. Windelbandt, H. Cohen, F. A. Lange, P. Natorp, F. Paulsen, A. Riehl, K. Vorländer oder I. Schulze übersetzt. Die im Westen formulierte Losung Zurück zu Kant! war Rußland also keineswegs fremd; sie verband sich sogar mit dem aufkommenden Neukan-tianismus, der als neue philosophische Bewegung Kant-Forscher aus allen Ländern zusammenschloß. Man reiste vorwiegend nach Marburg - so z. B. Boris Pasternak -, um bei Hermann Cohen, dem Haupt des Marburger Neukantianismus, zu studieren. So wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts das schon traditio-nell enge Verhältnis Rußlands zu Marburg - für das u. a. Michail Lomonossow steht, der Gründer der Moskauer Universität, der bei Christian Wolff studierte -, erneuert und befestigt. Nach der Oktoberrevolution galt eine der ersten ideologischen Attacken der neuen Machthaber der Philosophie Kants und der russischen Kant-forschung. Der Leninschen Schrift Materialismus und Empiriokritizismus von 1908 entlehnte Formeln erstarrten zu ideologischen Floskeln. Diese Formeln wiederzugeben und sich zu ihnen zu bekennen, sobald von Kant die Rede war, galt als unumgänglich. In der Folge war es bis in die Mitte der 50er Jahre hinein höchstens im intellektuellen Untergrund möglich, Kant zu studieren und zu interpretieren, ohne in ideologisch motivierte Einschätzungen und Denkklischees zu verfallen. Es gab im Rußland jener Zeit nur einige wenige, die dies unternahmen; viele namhafte Denker Rußlands, unter ihnen auch etliche Kant-Forscher, waren nach der Revolution emigriert, einige wurden gewaltsam des Landes verwiesen, beispielsweise mit dem sogenannten „Philosophenschiff“.  - Damals war es somit äußerst gefährlich, sich zur Kantischen Philosophie zu bekennen. Es war daher nicht erstaunlich, daß in jener Zeit Kants Werke nur äußerst selten verlegt wurden.  Die in der Stalin-Zeit zur Philosophie Kants publizierten - vorwiegend kleineren - Beiträge erschienen größtenteils in Sammelbänden.  Die nachfolgende Tauwetterperiode Ende der 50er und 60er Jahre verbesserte dagegen auch die Situation der Kant-Forschung. In den 60er Jahren erschien eine von W. F. Asmus, A. W. Gulyga und Th. I. Oiserman bearbeitete Ausgabe von Kants Gesammelten Werken in sechs Bänden; in jüngster Zeit - den 80er und 90er Jahren - gab es eine Reihe weiterer Veröffentlichungen von Schriften Kants.  Darüberhinaus nahm im Vergleich zu den vorausgegangenen Jahrzehnten die Zahl der Kant gewidmeten Bücher, Artikel und Disser-tationen in den 60er und ganz besonders in den 70er Jahren erheblich zu. In diesen Jahrzehnten entstanden außerdem dauerhafte Zentren der Kant-Forschung, so zum Beispiel an der Universität in Kants Heimatstadt Königs-berg/Kaliningrad.

Doch trotz dieses erst vor kurzem begonnenen Aufschwungs der editorisch-übersetzerischen Tätigkeit wie auch der Kant-Forschung befindet sich die russische Philosophie in der Mitte der 90er Jahre in einer äußerst problematischen Situation: die oben erwähnte sechsbändige Ausgabe ist vergriffen, die Nachfrage nach Kants Werken bleibt erstaunlich hoch. Zwar gibt es inzwischen Einzelausgaben, die aber in der Regel heutigen editorischen Anforderungen an Textgenauigkeit und Qualität der Übersetzung nicht genügen.

Idee einer deutsch-russischen Ausgabe; Aufgaben des Projekts

In dieser Situation entstand aus Diskussionen von Prof. Tuschling mit Prof. Dr. Nelly Motroschilova (Moskau) die Idee, mit russischen Philosophinnen und Philosophen an einer zweisprachigen Kant-Ausgabe zusammenzuarbeiten. Die daraus resultierende Vereinbarung zu einem solchen Unternehmen ist inzwischen von der Akademie der Wissenschaften der Russischen Föderation bzw. dem ihr angehörenden Institut für Philosophie förmlich übernommen worden. Auf deutscher Seite wird das Projekt neben der Volkswagen-Stiftung von der deutschen Kant-Gesellschaft und der Akademie der Wissenschaften und Literatur zu Mainz unterstützt; ferner wurde mehrfach der Rat von Prof. Dr. Düsing (Köln) eingeholt. Einer eigens konstituierten Forschungsgruppe gehören außer Prof. Tuschling und Prof. Motroschilova die Professoren Funke und Seebohm, Frau Dr. Funke (Mainz) sowie ursprünglich auch der inzwischen verstorbene Prof. Dr. Malter an.

Es ist das ausdrückliche Ziel aller an der Ausgabe Beteiligten, einen Beitrag zur Reintegration der russischen Philosophie in internationale Diskussions- und Forschungszusammenhänge zu leisten. Für dieses Ziel kann Kant selbst als Gewährsmann dienen: nach seinem Selbstverständnis ist es die Aufgabe eines Lehrers der Philosophie, nicht nur Fachleute zu erziehen, sondern die Angehörigen eines Nachbarvolks oder eines benachbarten Kulturkreises insgesamt in die Arbeit des Philosophen einzubeziehen und zum Selbstdenken hinzuführen. Die Herausgabe der Werke Kants im Rahmen einer zweisprachigen Edition erfüllt damit neben den oben genannten, die heutige Situation der Philosophie in Rußland betreffenden Aufgaben einen vom Klassiker der deutschen Philosophie selbst gestellten Auftrag. Die Aufgabe des kulturellen, wissenschaftlichen und philosophischen Austauschs umfaßt bzw. bedeutet dabei im konkreten Fall im einzelnen:

Anfänge

Mit dem Probelauf zur Produktion eines ersten Bandes wurde 1992 in Marburg und Moskau begonnen. Ziel dieses Probelaufs war es zu klären, unter welchen Bedingungen eine erfolgversprechende Kooperation zwischen Deutschland und Rußland auf dem Gebiete der philosophiehistorischen Forschung überhaupt möglich ist und inwieweit sich eine zweisprachige Ausgabe der Werke Kants zur Etablierung neuer Formen internationaler Zusammenarbeit eignet. Zu diesem Zweck wurden in Marburg und Moskau einige der kleineren kritischen Schriften Kants für eine Edition vorbereitet.  Obwohl alle an diesem Pilotprojekt beteiligten Institutionen um eine wirkungsvolle Unterstützung bemüht waren, zeigte sich sehr deutlich, daß der für ein Unternehmen dieser Art erforderliche hohe organisatorische Aufwand das größte zu lösende Problem darstellt. Dabei standen die Absicherung regelmäßiger Arbeitsgespräche während der Produktion der Texte, die Gewährleistung der Herstellung eines technisch wie philosophisch-philologisch fehlerfreien Datensatzes sowie die Organisation einer umfassenden, von russischen und deutschen Herausgebern gemeinsam zu leistenden Abschlußredaktion der Texte im Zentrum. Auch die Organisation der für die Edition philosophischer Texte unentbehrlichen Fachdiskurse ist in diesem Zusammenhang zu erwähnen. Ferner ist zur Gewährleistung einer einwandfreien Buchproduktion natürlich auch die Zusammenarbeit mit dem russischen Verlag von großer Bedeutung, in dem die Bände erscheinen sollen. Der für die Probenummer gewonnene Verlag KAMI - ein neues, noch relativ unerfahrenes Haus - stieß mit der Betreuung der Nullnummer schnell an seine technischen wie finanziellen Grenzen. Dies führte - neben den angesprochenen Problemen - zu einem Scheitern des ersten Probelaufes. Zwar konnte ein erster Band - sozusagen eine ‘Nullnummer’ der Ausgabe - hergestellt werden, doch mangelhafte Vertriebsstrukturen führten letztendlich dazu, daß der Verlag KAMI resignierte und sich aus der gemeinsamen Arbeit zurückzog.

Diese neue Konstellation erforderte neue Initiativen, an deren Ende Gespräche mit einem professionelleren Verlag standen. Die renommierte Moskauer philosophische Stiftung hat mit Frau Prof. Motroschilova und Prof. Tuschling einen Vertrag für zunächst nur einen weiteren Band der Ausgabe abgeschlossen, sich allerdings dazu bereiterklärt, auch weitere Bände der Ausgabe verlegerisch zu betreuen. Diese Bereitschaftserklärung war gleichsam die Initialzündung zu einer zweiten Probephase, die nach den Schwierigkeiten bei Produktion und Vertrieb des ersten Bandes notwendig wurde. Unter neuen Bedingungen sollten nun die im Rahmen der Produktion des ersten Bandes gewonnenen Erfahrungen ausgewertet werden, indem erstmals zwei größere Schriften Kants editorisch und übersetzerisch bearbeitet wurden, nämlich die Grundlegung zur Metaphysik der Sitten und die Kritik der praktischen Ver-nunft. Dieser Band liegt - gleichsam als eine zweite ‘Nullnummer’ - seit Mai 1997 in Moskau vor. Er weist editorisch wie von seiner äußeren Erscheinungsform her deutliche Verbesserun-gen ge-genüber dem ersten Band auf. Allerdings spiegelt auch er die spezifischen Probleme einer Kooperation zwischen Deutschland und Rußland wider: auch bei der Produktion dieses Bandes traten die schon im Zusammenhang des ersten Pilotprojekts beanstandeten Kommunikationsprobleme deutlich hervor. Zu einer gemeinsamen Schlußredaktion ist es auch in diesem Fall nicht gekommen, was auch darin zum Ausdruck kommt, daß im gedruckten Band das Inhaltsverzeichnis nur in russischer Sprache vorliegt. - Die an wissenschaftliche Editionen zu stellenden Anforderungen zu erfüllen, ist somit nach wie vor Desiderat; ein Desiderat, das zu beheben nunmehr (nach der Zusage der Förderung seitens der Volkswagen-Stiftung) allerdings möglich geworden ist.

An positiven Erfahrungen aus beiden Probeläufen muß - neben dem Sachverhalt, daß es überhaupt gelang, zwei Bände herzustellen - zunächst die Qualität der editorischen und übersetzerischen Arbeit überhaupt angeführt werden. Die Herstellung der Texte hat gezeigt, daß sowohl die in Moskau unter der Leitung von Prof. Nelly Motroschilova arbeitende Forschergruppe  als auch die in Marburg an der Ausgabe Beteiligten in der Lage waren, neben der bloßen Produktion der Texte alle Arbeiten zu leisten, die erforderlich sind, um die Bände mit einem erläuternden Apparat sowie - im Falle des zweiten Probebandes - auch mit einem nach dem Vorbild der Kant-Ausgaben Karl Vorländers in der Philosophischen Bibliothek erstellten Register zu versehen.  Wurden in Rußland vorhandene Übersetzungen revidiert bzw. vollständig neue Übersetzungen angefertigt, so wurden die deutschen Texte in Marburg auf der Grundlage der EDV-Version der Schriften Kants, die von Prof. Lenders vom Institut für Phonetik der Universität Bonn vorgelegt worden ist, für die zweisprachige Edition vorbereitet.

Positiv war schließlich auch die Resonanz, die die Idee einer editorisch-wissenschaftlichen Zusammenarbeit in Deutschland und Rußland erfahren hat. Diese Resonanz hat ihren Ausdruck nicht nur in der schon angesprochenen Unterstützung der Edition durch die deutsche Kant-Ge-sellschaft und die Akademie der Wissen-schaften und Literatur zu Mainz gefunden, sondern es ist darüber hinaus auch gelungen, neben der Alexander-von-Humboldt-Stiftung (für die Übernahme eventuell anfallender zusätzlicher Druckkosten) auch und vor allem die Volkswagen-Stiftung zu gewinnen, die das Projekt im Rahmen ihres Schwerpunktes Gemeinsame Wege nach Mittel- und Osteuropa ab 1998 für zunächst drei Jahre auf deutscher wie auf russischer Seite fördert.

Gesamtplan der Ausgabe

Die Edition ist nach derzeitiger Planung auf sechs Bände (wobei der Band 2, der die Kritik der reinen Vernunft umfaßt, in zwei Halbbänden erscheinen wird) angelegt. Jeder Band soll neben den Schriften Kants einen wichtige, dem russischen Publikum in der Regel unbekannte historische Informationen bringenden Apparat, ein Register sowie eine kurze Einleitung zur Editionsgeschichte der vorgelegten Schriften enthalten.
 


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