Der Kalbträger von der Akropolis in Athen

1. RESTAURATION UND FUNDUMSTÄNDE
Der sogenannte "Kalbträger von der Akropolis" oder auch "Moschophoros", heute Inv.- Nr. 624 im athenischen Akropolismuseum, wurde seit 1864 nach und nach in einzelnen Stücken im Südosten der Burganlage gefunden, als man begann, daß Fundament für das Museum in den Schichten des Perserschutts zu verlegen.
Das Material wird übereinstimmend als leicht bläulicher, lokaler Hymettischer Marmor bezeichnet, nur Wolters, Gipsabgüsse wertet ihn fälschlich als Parischen Marmor von Nausa.
Im Sommer 1887 wurde nordöstlich des heutigen Museums ein Gebiet freigelegt, zwischen dessen Fundamenten Mauern aus Bruchstein mit Lehm verschmiert zum Vorschein kamen. Sie bildeten zum Teil zusammenhängende Kammern, in denen Stücke von vorpersichen Bauten und Monumenten eingemauert worden waren. Darunter befand sich auch ein Porosblock, der 94,6 cm Länge, 44,5 cm Höhe und 91 cm Tiefe mißt. Erkennbar war noch anhand der durch starken Bleiverguß befestigten Plinthe (45 cm Länge, 21 cm Breite), daß die dazugehörige Statue aus blaugrauem Marmor bestand. Der vordere und hintere Teil eines zurückgesetzten Fußes war erhalten geblieben. Da kein herabhängendes Gewand am Fuß zu erkennen war, ordnete Winter die Basis einer Männerstatue zu. Einzig auf der Akropolis gefundene Schreiberstatuetten und ein kleiner weiblicher Kopf und der Kalbträger bestanden aus dem blaugrauen, breitgeschichteten Marmor. Dies in Verbindung mit der etwas Überlebensgröße der Statue, sowie einiger weniger stilistischer Merkmale und der passenden Schrittstellung veranlaßten Winter, die Basis dem Kalbträger zuzuordnen, was bisher auch nicht mehr in Frage gestellt worden ist. Ein Jahr später wurde sie mit der Statuengruppe zu einer Gesamtkomposition zusammengefügt. Winter schreibt, daß die Statue schon 1862 bekannt war, jedoch kann ich nicht nachvollziehen, worauf diese Angabe basiert.
Der Erhaltungszustand ist wie folgt:
an der Statuengruppe fehlen:
- das rechte Ohr des Kalbes und die Schwanzspitze
- die Hände des Mannes
- das rechte Bein unterhalb des Oberschenkels bis auf den abgebrochenen
- das linke Schienbein
an der Statuengruppe bestoßen sind:
- die linke Augenbraue des Kalbes
- Nasenbein und Nasenflügel des Mannes
- die rechte Wange des Mannes
- beide Arme des Mannes an mehreren Stellen
- die Leiste rechts unterhalb des Nabels
- der linke Oberschenkel
- das linke Knie
- das linke erhaltene Schienbein
- die linke Gesäßhälfte am Mann
- der rechte, auf der Plinthe erhaltene Fuß
an der Statuengruppe ergänzt sind:
- ein handgroßes Stück des Unterarms
- die freilaufenden Säume zwischen den Ellbogen und Oberschenkeln
- der Hals des Kalbes (?, eine Aufnahme vom Fundort zeigt ihn jedoch erhalten)
- Teile vom Mantel des Kalbträgers
- rechts Teile der Hüfte des Mannes
- abgestoßene Teile der Arme
- abgestoßene Teile des rechten Oberschenkels
- dicht unter seiner Schulter ein dreieckiges Stück in Gips.
Eine Bruchlinie beginnt unterhalb der rechten Schulter und verläuft dann schräg über den Brustkorb zum linken Ellenbogen, den herabhängenden Mantelsaum schneidend.
Die Oberfläche ist unbehandelt und gut erhalten.
2. MAßE UND ERHALTUNGSZUSTAND
Er mißt 164,9 cm Höhe, hat einer Schulterbreite von 45,5 cm und eine maximale Tiefenausdehnung von 31,2 cm. Der Kopf mißt 23,4 cm und die gesamte Statuengruppe in ihrer maximalen Breite 53,7 cm.
An Farben lassen sich für die Gruppe folgend nachweisen:
blau: Haarband
grün: hinter den Beinen des Kalbes vor der Brust
rot: Lippen des Mannes, Augen des Tieres
rotblond: Haare des Mannes
schwarz: Augenbrauen des Mannes
Der Kalbträger war zuerst Hermes Kriophoros oder Apollon Nomios benannt worden, und nach der endgültigen Anbringung des Kalbes Hermes Moschophoros. Auch ein Theseus mit dem marathonischen Stier war in Betracht gezogen worden.
Bei seiner Aufstellung wurde der Körper des Kalbträgers zuerst mit der Basis durch Metallstäbe, bei der Wiederaufstellung nach dem Krieg durch zwei kräftige Pfeiler verbunden.
4.1 ALLGEMEINE BESCHREIBUNG
Dargestellt ist ein bärtiger Mann, in fast symmetrischer Haltung, der auf den Schultern ein Kalb trägt. Er steht frontal und aufrecht zum Betrachter. Seine beiden Hände umfassen die Beine des Tieres, indem er die Ellenbogen verhältnismäßig spitz anwinkelt und die Arme dicht an den Rumpf nimmt. Er stellt sein linkes barfußes Bein etwas vor, womit er den Darstellungen der anderen Kuroi folgt. Sein perlschnurartig gebildetes Haar rahmt die Stirn ein und fällt in jeweils drei Locken auf die Schultern nach vorn. Iris und Pupille der Augen waren eingesetzt. Der Bärtige trägt einen eng am Körper anliegenden Mantel, der Schultern, Rücken und Oberarme bedeckt, und dessen Säume vorn den entblößten Mittelteil des Rumpfes begrenzen, indem sie auf den Oberschenkeln zusammenlaufen. Der Kopf des Kalbes erscheint neben dem Haupt des Mannes in gleicher Front. Die linken Beine des Tieres überdecken dessen Rechte soweit, daß fast nur der Kontur sichtbar bleibt. Der Schwanz fällt mit leichter Krümmung herab und liegt seitlich am linken Oberarm des Mannes. Die Figurengruppe war bemalt. An Haaren, der Binde und dem Bartwuchs des Mannes waren noch Farbspuren bei der Auffindung zu erkennen, am Tierkörper verblieben blaue Farbreste.
4.2 AUFBAU DER STATUE (Kopf und Frisur, Hals, Schulter und Brust, Leiste, Unterkörper soweit erhalten, Füße)
Die Schädelform des Kalbträgers ist im Vergleich zu den anderen bisher besprochenen Kuroifiguren nicht mehr oval, sondern vielmehr frontal in die Breite gezogen. Der Hinterkopf springt nicht besonders hervor und wird zum Teil vom Kalb verdeckt.
Vom Kopf ausgehend, wo die Statue auf dem Wirbel ein Loch mit Resten von Bleiverguß aufweist, wo einst wohl der Meniskos saß, dessen runder Stift etwa 1 cm dick war, wird das Haar auf der Schädelkalotte bis zu einem Stirnband hin nicht ausgeführt; die Fläche ist lediglich aufgerauht.
Dieses Band - vorne mißt es 1,2 cm, hinten 1,5 cm Dicke - zieht sich beinahe an der Rundung des Kopfes herum; darunter kommen drei Reihen einer perlschnurartigen Frisur zum Vorschein, die das Gesicht in einem fast Halbkreis einrahmt. Diese Frisur besteht aus kleinen, verschieden großen Rechtecken, die fest voneinander abgeschnürt die Musterung des Haares ausmachen. Die Haare verlaufen von der Mittelachse des Gesichts ausgehend nach links und rechts symmetrisch zum Körper abwärts, bleiben eng am Schädel anliegend und fallen dann hinter den Ohren in jeweils drei Strähnen vorne auf die Schultern. Die unterste voll entwickelte senkt sich zum Ansatz des Bartes, verschwindet hinter der Ohrmuschel und bildet die mittlere der drei Schulterlocken. Die zweite wird in der Stirnmitte von der Binde überschnitten, verläuft oberhalb des Ohres und biegt dahinter als äußere Schulterlocke senkrecht um. Die dritte, oberste tritt nur seitlich unter der Binde hervor. Sie fallen jedoch nicht steil und symmetrisch, sondern den Formen und der Haltung des Tieres nachgebend, dessen Vorderbeine die Enden der rechten Schulterlocken sogar ganz bedecken.
Jedes abgebundene Rechteck der Perlschnurfrisur ist gewölbt und gibt gerade im gesträhnten Teil der herabfallenden Haare ein geschwungenes Bild, weil die Locken nicht durch gerade Kerben voneinander, sondern in Form einer gewundenen Linie getrennt sind.
Die Stirn ist frei und, von den Seiten gut erkennbar, flach gewölbt. Das Nasenbein und die Nasenflügel sind kräftig. Jeder Flügel ist von einer fest eingegrabenen Furche umzogen. Sie dehnen sich beinahe zur Länge des breiten Mundes aus. Selbst im zerstörten Zustand sind die eingebohrten Nasenlöcher noch abzulesen.
Die Wangenknochen zeichnen sich rund, aber deutlich unter dem Fleisch ab und ziehen sich bis zum Bartansatz in Richtung der Ohren in einer geschwungenen Linie durch. Die Wangen werden dadurch großflächig und treten weit im Gesicht hervor. In einem deutlichen Winkel klappen sie etwa in Höhe des Augapfelrandes um und laufen sich verbreiternd zu den Ohren hin aus.
Die Augen treten aus den tiefer gelegenen Höhlen hervor und deuten eine leichte Schrägstellung an, die dadurch erzielt wurde, das Anfangs- und Endpunkte der Höhlen von den Schläfen zur Nasenspitze hin abfallen. Der innere Augenwinkel liegt, vor allem am rechten Augen sehr deutlich erkennbar, etwas tiefer als der äußere. Der Blick ist geradeaus in die Weite gerichtet.
Pupille und Iris waren eingesetzt, erstere in Form eines Metallstifts, und sind heute als kreisrunde Vertiefungen erhalten. Sie messen im Durchmesser 1,5 cm und sind 0,6 cm tief.
Die Lider sind schwach ausgearbeitet, sie lassen sich vielmehr nur aus der scharf abgegrenzten, geschwungenen Form der Augen erahnen. Sie ergeben sich aus dem Freiraum zwischen dem hervorspringenden Orbital, das in das Nasenbein übergeht, und der Begrenzung der Augen, die diese scheinbar plastisch hervortreten läßt. Die Augenbrauen sind schwungvoll durchgezeichnet, jedoch nur durch als feiner Grat gearbeitet.
Der Mund lächelt, er ist in einer nach oben geschwungenen Furche geformt, die oben und unten durch erhaben gearbeitete Lippen abgeschlossen wird. Über und unter diesen sind Mittelfurchen. Die Mundwinkel haben somit sichelförmige Gruben, die Haut zwischen Mund und Kinn wölbt sich zur Mittelachse des Kopfes hin, was ein Indiz dafür sein könnte, daß das fehlende Kinn vorsprang.
Die Ohren liegen ein klein wenig zu tief, um naturalistisch zu wirken und sind noch weitgehend ornamental angegeben; besonders auffällig ist das beinahe schmuckähnliche Ohrläppchen - falls es nicht tatsächlich durch ein Schmuckstück verhängt sein sollte.
Das Gesicht ist von einem scharf abgegrenzten, sich zum Kinn hin verbreiternden und erhaben gearbeiteten Vollbart umschlossen, der bis kurz über den Kieferknochen reicht und diesen durch seine scharfe Trennung stark und kantig formt. Der Bart verläuft schmal vor dem Ohr, von dem er sich in plastischer Stufung abhebt, leicht hochgewölbt schräg über die Wangen, zieht in einem Bogen die Unterlippe nach und trifft sich über dem Kinn. Er bildet eine abgehobene Gegenfläche zu den Wangen.
Der Kopf - er mißt vom Wirbel bis zum Ansatz des Kinns 22 cm - scheint durch seine Breite in der Front weniger in die Tiefe zu greifen, zumal das Kalb den Tiefenfixpunkt im oberen Bereich der Statuengruppe einnimmt, doch besitzt der Kalbträger allein schon eine sehr große plastische Form, die viel Raum einnimmt, im Gegensatz etwa zu den widdertragenden Hermesen. Besonders zeichnet sich die Figur durch ihre Verbreiterung im Gesicht aus, die durch verstärkte Rundungen der Augen- und Wangenpartie auf gegeneinanderstoßende Formen verzichtet. Die Plastizität und die Formgebung, die Erhöhungen bzw. Vertiefungen der Statuengruppe sind durch schärfere Begrenzungen klar gegeben, wodurch einzelne Teilbereiche deutlicher gekennzeichnet sind. Nur der Kinnbart ist kantig, hat aber auch die funktionelle Aufgabe, den Kopf vom Oberkörper zu trennen, um mehr Raumwirkung zu erreichen. Er ist quasi als Trennlinie gearbeitet, aber immer geschwungen, wodurch die Kreis- bzw. Bogenform des Gesichts ungestört bleibt.
Die Senkrechte, im Kopf die Mittelachse, wird durch die Nase angegeben und durch die fast symmetrische Form der Körperteile, während die Waagerechte nur durch die Anfangs- und Endpunkte der geschwungenen Linien der Haare, der Augenbrauen, der Augen selbst, des Mundes und des Bartes, sowie der sich zum Hinterkopf hin ausladenden Wangenknochen, in der Funktion einer indirekten Horizontalen in Verbindung mit der Krümmung des Schädels, gebildet worden ist.
Wie bei den vorangegangenen archaischen Kuroi ist die Symmetrie des Kalbträgers nur scheinbar: das linke Auge steht etwas höher als das rechte und dabei nicht so schräg; der Bart ist links ebenfalls höher gezogen als auf der gegenüberliegenden Seite; das Ohr rechts liegt höher als links, die linke Gesichtspartie ist mehr nach hinten zurückgenommen als ihr Gegenpart. Besonders deutlich wird die Ungleichheit der Gesichtshälften bei der Betrachtung des Halses. Dieser zeigt keinerlei Muskelspiel, etwa des Nickers, aber die Halsgrube und das Schlüsselbein sind kräftig herausgetrieben. Er läuft allerdings ungleichmäßig in den Schädel über: Während er auf der rechten Seite fast mit dem Bart und der Wange zu verschmelzen scheint, ist er links weit vom Kieferknochen entfernt und durch den kantigen Bart besonders deutlich abgetrennt.
Die Arme des Kalbträgers fallen von den Schulter;n, die in der Breite 45,5 cm messen, gerade etwas nach vorn genommen ab, sind im Ellenbogen eingeknickt und werden dann nach vorne auf die Brust geführt, wo die Hände die Beine des Kalbes fassen. Dort bildet das Motiv der Tierbeine und das der Arme des Mannes fast regelmäßige, auf die Symmetrieachse bezogene Dreiecksfiguren.
Die Oberarme sind mit dem Oberkörper ganz geschlossen und sehr muskulös modelliert; es ist kein weiches Fleisch, sondern die pralle, gleichförmige Rundung eines angespannten Oberarmmuskels, und sie liegen auch auf der Frontalseite kaum vom Körper ab. Eine tiefe Kerbe, in Höhe der Brust als Spitze der Mittelachse hin abgeknickt, trennt Arme und Körper. Ein eventuelles Abrücken der Arme vom Körper ist in jedem Falle durch den Mantel verdeckt. Die Ellenbogen sind nach vorne geführt, weichen aber nicht nach außen ab und bewahren so die Geschlossenheit der Statuengruppe. Der linke Oberarm reicht etwas tiefer herunter als dies rechts der Fall ist.
Ebenso kräftig modelliert sind die Unterarme; die Handknöchel treten scharf heraus. Sie sind nahezu parallel zu seinem plastisch markierten Rippenrand angeordnet, dessen Spitze auf den linken Hinterhuf des Tieres trifft.
Die Brust des Mannes ist ganz durch das Kalb bzw. durch den Mantel verdeckt. Doch zeigen sich hier noch Rundungen der Muskulatur und, von den Armen wiederum durch eine Furche getrennt, die Umrisse des Oberkörpers. Seitlich des linken Hinterhufs des Kalbes wird die kräftige Absetzung als flachplastische Kurve deutlich. In der Mitte verläuft als Strich die erste Inskription; 3,5 cm tiefer die zweite. Die unterste verläuft quer durch den Nabel, der als plastischer Ring angegeben ist.
Die vertikal eingetiefte Bauchmuskelfurche (linea alba) ist die nach unten verlängerte Mittellinie des Rumpfes, die hier an dem Mann sichtbar wird.
Die Partie des Brustkorbes der Statuengruppe erscheint durch das Motiv der Arme gleichsam rahmend hervorgehoben und mit deutlicher Zäsur von der Bauchpartie abgegrenzt.
Die Hüften sind stark hervortretend, rechts erscheinen sie mir restauriert und daher flacher. Die Leiste ist weniger stark eingefurcht, aber dennoch klar erkennbar.
Durch die Schrittstellung wird die linke Seite bis zum Becken hinauf vorgeschoben. Dem entspricht eine stärkere Bewegung des rechten Arms: Er schiebt sich etwas weiter zum Betrachter vor als der linke und dessen Ellenbogen ist freier vom Körper gelöst, so daß der rechte Unterarm weniger steil ansteigt als der linke.
Die Schenkel sind langgestreckt und reichen, im Vergleich zu den übrigen Körperproportionen, sehr weit in die Tiefe. Die Schenkelstreckermuskeln an den Seiten treten angespannt wie Taue heraus. Sie sind durch breite Furchen von oben schräg zum Knie hin angegeben (in einer späteren Entwicklungsstufe wird von einer Ponderation gesprochen, wobei die Hauptlast auf dem Standbein ruht, während das vorangestellte linke als Spielbein gilt).
Beide Füße standen, wie man der Plinthe entnehmen kann, mit ganzer Fläche auf dem Boden. Nur der rechte Fuß ist im Bereich der Zehen erhalten geblieben. Man kann erkennen, wie die Gelenke und Sehnen sich unter der Haut abzeichnen. Die Nägel sind nur knapp umrissen, deren angespannte, sich etwas schräg gegen den Boden stemmende Haltung den festen Schritt zeigt. Die Fußnägel der kleineren Zehen sind ein wenig schräg in die Zehenkuppen eingetragen. Sie verbreitern sich nach vorne und sind abgebogen. So entsteht der Eindruck, die Zehen seien ein klein wenig nach außen gekippt und die Kuppen ruhten stärker mit ihrer Außenkante auf dem Boden. Der Spann ist einheitlich gewölbt und die Sehne flach angelegt. Der gesamte Fuß maß 24 cm Länge und 9 cm Breite.
Der Rücken ist vom Mantel bedeckt und daher weniger klar gearbeitet, doch scheinen unter dem Stoff die Schulterblätter, die Oberarme und über den Schenkeln ein klarer Einschnitt fein durch.
Auch diese Statue hat das schon häufig beobachtete Hohlkreuz. Die Mulde zwischen den Schulterblättern ist vom Kopf aus leicht nach links verschoben.
4.3 BESCHREIBUNG DES KALBES
Die in sich geschlossen wirkende Gestalt des Mannes ist mit dem Kalb zu einer dichten Einheit zusammengefaßt, indem ihre Köpfe in den Vertikalachsen parallel aufeinander ausgerichtet und in die gleiche Bildebene gerückt sind.
Das Tier liegt mit seinem Kopf über der rechten Schulter des Trägers, wobei sich der Tierleib zum Hinterteil über der linken Schulter leicht abneigt.
Der Kalbskopf - er ist 18,7 cm hoch - liegt streng frontal zum Betrachter. Die Mittelachse des Tierschädels neigt sich ein wenig zum Haupt des Mannes, während das Gesicht etwas von ihm wegschaut. Kleine, weiche Haaransätze treten unter der breiten einheitlichen Masse des Stirnhaares hervor. Der Schädel ist nach oben durch den Hörnerknochen abgeschlossen, der sich von den Hörneransätzen in einem Bogen nach unten wendet, dadurch das noch nicht ausgebildete Gehorn andeutet und von dort in einer geschwungenen Linie wiederum aufsteigt. Dieser Knochen ist von der Stirn durch seine erhabene Ausarbeitung, deren Rand umgekehrt zum Hornaufsatz verläuft, weich getrennt.
Die Augäpfel sind als kräftige Halbkugeln, die Lidränder doppelt umrandet mit der schrägen Tränenfalte, der Rand des Felles als parabelförmiger Absatz gegeben. Auch die Nüstern sind plastisch gerändert und erscheinen somit eingetieft. Das Gebiß ist deutlich unter dem Fell abgezeichnet und reicht in seiner Breite bis zu den Innenwinkeln der Augäpfel. Es ist in der hinteren Kieferpartie vom übrigen Teil des Kopfes durch eine sehr viel spitzere Linie getrennt, die so zu erklären wäre, daß einmal die Rundung des Kiefers, zum anderen der mit Muskeln durchzogene Hals aufeinanderstoßen.
Das linke, erhaltene Ohr liegt am Kopf des Kalbträgers an und schafft so eine Überbrückung des tiefen Einschnitts und erhält die Geschlossenheit der Einheit Kalb=Mensch. Das rechte Ohr war angesetzt (anderenfalls hätte der wohl rechteckige Marnorblock in ganzer Breite des Ohres in Höhe des Kalbträgers abgearbeitet werden müssen). In der runden Höhlung von 3 cm Durchmesser steckt ein Rest des Marmorzapfens, von einer Bleischicht umhüllt. In ihm dringt von oben ein mit Blei gefülltes Vergußloch ein.
Die beiden linken Beine des Kalbes erscheinen in voller Seitenansicht, die Knöchel sind zur Brust des Mannes gebogen, so daß der vordere Oberschenkel des Tieres beinahe parallel zum Tierleib verläuft; die beiden rechten sind gegen die Mittelachse der Figur verschoben. Der linke Hinterhuf mit Köthe tritt beinahe waagerecht leicht zur Mittelachse des Mannes hin abfallend unter den Händen des Trägers hervor. Das linke Vorder- und das rechte Hinterbein deckt sich so mit dem entsprechenden sichtbaren Bein, daß jeweils nur der Kontur erscheint, der den Winkel der Beine auf der Brust des Trägers verkleinert. Die Verdrehung der Vorderhufe ist auf der Rückseite durch das Herausspringen des Schulterblattes mit dem spitzen Gelenkknochen verdeutlicht.
Die Beine sind ebenso muskulös gearbeitet wie die des Kalbträgers. Sehnen und Knorpel sind wie sonst überall an den Figuren auch durch gerundete Mulden abgesetzt und gewölbt. Wie auf einem bewegten Reliefgrund erheben sich die Beine des Tieres auf der Brust des Menschen. Der Schwanz fällt zur linken Schulter des Mannes und wird straff an dieser herabgeführt. Das Ende wird spiralförmig von scharf eingekerbten Furchen umzogen. Schenkel und Hinterbacken sind kräftig modelliert. Die weichen Schiebungen des Fells, die sehnige Straffheit der Beine kommt wie bei einem lebendigen Wesen zur Wirkung. Der über dem Hinterbein aufragende Gelenkknochen soll die Verdrehung der Beine wieder aufnehmen. Er schiebt das Fell anscheinend nach oben. Die Hoden des Bullenkalb liegen flach auf der rechten Schulter des Trägers. Nach beiden Seiten hin überragt das Kalb den Umriß der menschlichen Figur nur wenig.
Betrachtet man den Rücken des Tieres, so fällt auf, daß hinter der Stirn des Kalbes die Wirbelsäule mit dem Hals ein wenig aufsteigt, sich leicht wendet und dann zum knochigen Hinterteil abfällt. Der Kalbkörper ist vom Kopf des Trägers so nicht unterbrochen, sondern fließt förmlich hinter ihm vorbei. Das Kalb liegt also nicht nur in der Seiten- und Rückenansicht, sondern auch von vorn gesehen. Es ist quasi der Kragen des dargestellten Mannes. Es bildet für die gesamte Gruppe einen rundenden oberen Abschluß.
4.4 BESCHREIBUNG DES MANTELS
Der Mantel ist eng an dem Körper des Kalbträgers modelliert. Er liegt um dessen Schultern und fällt über den Rücken und vorn in zwei senkrechten Säumen seitlich der Mittelachse des Körpers herab; zwei weitere Säume ziehen sich über die Arme an den Ellenbogen hin und enden seitlich am Oberschenkel. Auf der Brust halten die Hände des Kalbträgers gemeinsam mit den Stierbeinen beide Mittelsäume des Mantels. Alle vier Ecken, je zwei dicht nebeneinander auf jedem Oberschenkel, tragen kleine Quasten. Die Säume heben sich als plastische, durch eine Furche abgesetzte Ränder von der Mantelfläche ab.
Der Mantel läßt sich nach Berechnungen Schraders als ein Rechteck von etwa 1,20 m auf 1,70 m abmessen.
Über Rücken und Gesäß spannt sich der Mantel einheitlich und schließt in Höhe der Oberschenkel mit dem waagerechten Saum ab. Vielleicht bestand das Kleidungsstück aus Leder, was fehlende Wurffalten erklären würde und für einen Landedelmann, der hier wohl abgebildet ist, nicht unpassend wäre.
4.5 BESCHREIBUNG DER BASIS
Der Kalksteinblock ist aus Poros und in der Aufsicht ein wenig trapezförmig. Die Maße sind 94,6 cm auf 44,5 cm auf 91 cm. Der untere Bereich und die Seiten sind roh behauen, der obere Bereich mit der Inschrift wurde geglättet (Text: RHOMBOS ANETHEKEN HO PALOS: Rhombos weihte ´dieses Bild`, der Sohn des Palos). In die große Basis ist eine ovale Plinthe von nur 45,5 cm auf 21 cm etwa in der Mitte so eingelassen, daß sie 2,0 cm - 2,5 cm über die Oberfläche der Basis hinausragt. Die Einlassung ist beträchtlich größer, so daß, besonders hinten und an der rechten Seite, der Bleiverguß eine Breite von bis zu 4 cm einnimmt. Die Plinthe ist scharf neben dem rechten Fuß abgeschnitten; der linke war ebenso an Rand und Ecke vorgeschoben. In der vom Betrachter aus gesehenen rechten hinteren Ecke der Basisoberfläche sitzt ein senkrechtes Dübelloch, 4,5 cm auf 3 cm groß und 3,5 cm tief.
5.1 BEMERKUNGEN ZU DER BASIS
Der beträchtliche Umfang, die schmucklose Form und der gänzliche Mangel von Befestigungsspuren an der unteren Fläche und an den Seiten des Blockes lassen vermuten, daß der Stein nicht den oberen Abschluß einer größeren Basis bildete, sondern unmittelbar auf dem Boden auflag, wahrscheinlicher sogar, daß die untere roher belassene Fläche in die Erde eingelassen war.
Die großflächige Kalbträgerbasis erweckt den Eindruck einer sicheren Standfläche. Dieser Eindruck wird durch die geringe Größe der Statue noch erhöht. Es ergibt sich zwischen dem Kalbträger und dem über den Erdboden herausragenden Teil der Basis ein Verhältnis von 8 1/4 : 1.
Das erwähnte kleine Dübelloch, daß auch schon Winter bemerkte, aber nicht zweckbestimmen konnte, hat Schuchardt als antik eingestuft und vermutet, daß dort auf der freien Fläche des Porosblockes später ein sehr viel kleineres Weihgeschenk zugefügt wurde.
Die Inschrift zum Kalbträger ist die älteste Weihinschrift, die auf der Akropolis von Athen gefunden wurde. Ihre Schreibweise von rechts nach links war zu der Zeit geläufig und wurde mit Lineal, Zirkel und spitzem Meißel in den Stein geschrieben. Nur der erste Buchstabe an der rechten Kante ist ganz weggebrochen, das "Rh" von Rhombos also ergänzt und eventuell durch einen anderen Buchstaben zu ersetzen.
"Rhombos" bezeichnet im Griechischen unter anderen den Rochen. Im "Menon" des Platon wird der Kopf des Sokrates spaßhaft mit der Narke - einer Rochenunterart - verglichen. Ohne Zusammenhang wären die anderen Namensformen wie "Kombos" oder "Bombos" (gänzlich auszuschließen ist eine Namensform mit ..onb.., die zu keiner Zeit zu belegen ist; bei dem "n" in dem Namen handelt es sich sicher um eine Verschreibung für "m").
5.2 BEMERKUNGEN ZU DEN AUGEN UND EINER BEMALUNG
Das vielfach am Körper des Kalbes erhaltene blau weist Schuchardt dem Stier der jüngeren Löwengruppe ebenfalls so zu.
Außer der Behaarung des Mannes wird auch der Mantel bemalt gewesen sein. Nur Iris und Pupille waren als Augen eingesetzt, wobei letztere vermutlich aus Metall gleichzeitig auch die Funktion der Befestigung für den Iriseinsatz aus Glas oder Edelstein übernahm. Der Blick des Mannes dürfte neben den auf der Brust gekreuzten Händen ein Fixpunkt des Betrachters gewesen sein.
5.3 INTERPRETATION DES GESAMTWERKES
Der Eindruck des Werkes ist bei aller Geschlossenheit und weitgehender Symmetrie ein doch weitgehend lebendiger; besonders im Gesicht scheint sich, vielleicht auch durch die klaren Formen und die besonders qualitätvoll gearbeiteten Augen, mehr Lebendigkeit zu zeigen als an anderen Figuren dieser Zeit. In dem Körper, besonders den muskulösen Armen, zeigt sich Naturbeobachtung.
Die Statue geht insofern auf Traditionen der älteren archaischen Kunst zurück, da sie die Stellung der Füße wieder aufnimmt und die Oberarme am Körper anliegen läßt. Die Ellenbogen sind weitgehend symmetrisch gebogen. Das Haar ist perlschnurartig behandelt.
Eine relative Freiheit erlangt die Statue dadurch, daß der hintere Teil des Tieres auf die Seite gelegt ist, während Hals und Kopf in aufrechter Lage sind.
Auffallend, jedoch nicht störend, ist die Verschiebung der Mittelachse des Kopfes zur rechten Seite hin gegenüber der Mittelachse des Rumpfes. Wahrscheinlich war das Anlegen des linken Kalbohres an den Kopf des Trägers eine Grundidee des Meisters gewesen, was er, wenn er das Menschenhaupt nicht verschob, nur hätte erreichen können, daß er das Hinterteil des Tieres weiter über die linke Schulter des Mannes hätte ragen lassen. Dadurch wäre aber der fließende Umriß des Standbildes verzerrt worden. Um jetzt zu vermeiden, daß die Verschiebung des Kopfes störend auffällt, hat der Meister der Statuengruppe auch die Körpermittelachse leicht nach der rechten Körperhälfte verschoben, so daß sich die Mittellinie des Gesichts, abwärts verlängert, mit der des Rumpfes etwas unterhalb des Nabels trifft. Diese Verschiebung wird durch den etwas weiteren Abstand des rechten Oberarmes wieder ausgeglichen.
In das Schema läßt sich auch die Verkreuzung der Hände und Hufe einpassen. Sie bilden für den Betrachter einen Schwerpunkt, der die Bewegung, die aus dem nackten Mittelband des Leibes und aus den schrägen Unterarmen aufsteigt, aufnimmt, dann durch die Fäuste mitten im Winkel der Tierbeine weiterführt und dadurch die Schultern und den Tierleib mit dem Kopf des Kalbträgers ins Gleichgewicht rückt.
Das etwas tiefere Herabfallen des linken Oberarms - was sich aus der leichten Asymmetrie ergibt - drückt gleichzeitig wohl auch noch die Schwere der Last des Tieres auf dieser Seite aus.
Deutlicher als in der Vorderansicht wird die Diskrepanz zwischen Kopf- und Körperachse auf der Rückseite des Kalbträgers. Die weiche Mulde zwischen den Schulterblättern ist, in Verbindung zur Mittellinie vorn, vom Kopf nach links verschoben.
Zur Technik wäre zu bemerken, daß die tiefen Aushöhlungen zwischen den Köpfen, am Hinterteil des Kalbes und unter den Ellenbogen sehr viel Kunstgeschick verlangen. Sie sind ohne Bohrer, sondern nur mit einem Spitzmeißel herausgearbeitet worden. Mit der Raspel wurde die Schädelkalotte, der Bart des Mannes und der Tierleib bearbeitet. Schiering spricht von einer von ihm so benannten "Schnitztechnik". Alle die im Gesicht so scharf umrissenen Einzelformen verleiten ihn dazu anzunehmen, daß der Meister des Kalbträgers früher mit Porosblöcken gearbeitet hat und diese Technik auf den Marmor übertrug. Die Problematik dabei liegt in der unterschiedlichen Resistenz beider Materialien, denn der Marmor ist sehr viel härter als Kalkstein. Diese "Schnitztechnik" sieht Schiering in keinem weiteren Werk dieser Zeit in Marmor nochmals belegt. Aber der frei ausgehauene Mantelsaum zwischen Ellenbogen und Oberschenkel wie die sichere Modellierung der schmalen Mantelsäume zeigen bereits die Kunstfertigkeit, mit dem neuen Material kompliziert zu arbeiten.
Aus der in der Beschreibung ausgeführten Asymmetrie der beiden Gesichtshälften, der unterschiedlich gearbeiteten Augen, der voller gerundeten Lidbögen, der rechts weiter ausladenden Seitenpartien, der unterschiedlichen Anbringung der Ohren und der unterschiedlichen Nasen- Lippenfurche bezeugt sich eine schräge Hauptansicht für diese . Die plastisch vollere Hälfte ist die dem Betrachter zugewandte, während die abgewandte durch die flachere Wölbung der Wangen etwas weiter auslädt- also minder steil in die Tiefe leitet.
Für die Kalbträgergruppe sollte eine linksschräge Hauptansicht eingenommen werden. So zeichnen sich die Formen tiefer in den Raum ab und stellen die raumverdrängende Kraft des Körpers dar. Diese Schrägstellung bestätigt sich schon in den frühzeitlichen Kuroi, wie in der leichten Schräghaltung der Füße.
5.4 DEUTUNGSVERSUCH DER FIGURENGRUPPE
Eine Deutung des Werkes ist schwer zu geben. In ähnlicher Haltung hatte Kalamis seinen Hermes mit dem Widder gebildet, aber diese Art, ein Tier zu tragen, ist allgemeiner und wie es scheint unter anderem auch beim Opfer gebräuchlich.
Auf der Bildsäule des Biton trägt dieser einen Opferstier in gleicher Weise, so daß ein Gott als Tierträger ausscheiden mag. Hier ist wohl die monumentale Abbildung eines Opferganges behandelt. Brunn schloß noch in Anlehnung an die Idee der Götterdarstellung auf einen Hermes, der allerdings widdertragend hätte dargestellt sein müssen. Auch Apollon scheint wegen der Art des Opfertiers auszuscheiden.
Nach der allgemeinen Lehrmeinung herrscht heute kein Zweifel mehr daran, daß der Weihende und Träger des Namens mit dem Dargestellten gleichzusetzen ist. Ein bestimmter Mann ist gemeint, wie bei Kleobis und Biton und dem Jüngling von Tenea. Aber der Kalbträger ist keine individuelle, einmalige Prägung, sondern steht vielmehr als Vertreter des Typus eines Landedelmannes; es ist demnach keine Form eines Portraits.
Neu in der Plastik ist, wie man das Kalb trägt; es wird nicht horizontal in einer Linie getragen, sondern es liegt fast bequem auf dem Mann, sein Hinterteil auf der Schulter ruhend, der Kopf frei schauend, sich an den Mann anlehnend.
Unklar bleibt, wem zu welchen Anlaß geopfert wird. Langlotz geht von Athena aus, der von einem Edelmann das beste seiner Erträge zum Fest dargebracht wird. Raubitschek nimmt an, daß Rhombos nach einem Sieg in einer Art von Spiel seine Weihung machte, dessen Preis ein Ochse gewesen war, doch ist diese Deutung sehr umstritten.
Das Motiv eines Mannes, der auf den Schultern ein Tier trägt, ist in Griechenland schon längere Zeit vor dem Rhombos bekannt. Orientalische, nach Ansicht Levins ägyptische Darstellungen mögen die Aufnahme des Themas in die griechische Bildkunst angeregt haben (Darstellungen aus der Zeit des "Alten Reiches" in Ägypten zeigen Träger mit einem über die Schulter geworfenen Kalb vor einer Herde, dem das Muttertier, der wiederum die gesamte Herde folgt. Es ist denkbar, daß der Kalbträger also nicht nur das Jungtier, sondern eine ganze Herde als Opfer darbringt).
Eine Bronzestatuette, 18 cm Höhe, von der Insel Kreta - sie datiert in das 7. Jahrhundert vor Christus - mag an dieser Stelle als Beispiel angeführt sein. Das Tier ist hier ein Widder, einfach über die waagerecht ausgebreiteten Oberarme gelegt, der Kopf des Jünglings gibt der Last etwas nach vorne nach. Was nicht gelungen ist, ist die harmonische Verbindung innerhalb der Gruppe, denn der Widder scheint aufgesetzt.
Das Thema des Rhombos ist auf der Akropolis unter den bisher gefundenen Motiven einmalig. Daneben fanden sich viele Marmorstatuen bekleideter Mädchen, den sogenannten Koren, einzelne Standbilder von Männern und Jünglingen, und auch Reiterstatuen sind entdeckt worden.
Das Problem ist nun, dem Werk des Kalbträgers eine Stilbestimmung und eine Datierung zu geben, da überhaupt kein Vergleich in Marmor- oder in Bronzegruppen des 6. Jahrhunderts zu finden ist. Es scheint aber, betrachtet man die Bronzestatuette eines Kalbträgers vom Lykaion- Gebirge in Arkadien, daß in der Folgezeit unserer Statue Mensch und Tier enger miteinander verschmelzen.
6. DATIERUNG
Zeitlich ordnet man die stehende Berliner Göttin, den Kalbträger und die Kuroi von Sunion und aus dem Theseion in die Zeit 600- 570 vor Christus. Fuchs/ Floren analysieren anhand der gerundeten Körperformen und der artikulierten Brustmuskulatur eine Datierung ebenfalls um 570 noch vor den Kuros von Volomandra, also als ein Frühwerk in die zweite Generation attischer Jünglingsbilder. Payne beschreibt vor allem die zurückhaltende Ausarbeitung der kleineren Körperteile, die er einer früheren Periode zuordnet; ebenso etwa die Furchen im Gesicht, die später viel klarer ausgearbeitet werden. Auch er setzt den Kalbträger in Beziehung zu der Berliner Göttin und dem Sunion- Jüngling und schließt sich der Datierung um 570- 560 vor Christus an, mit der Sunion- Gruppe als Fixpunkt für 600 vor unserer Zeitrechnung. Bezieht man die Inschrift mit ein, so steht diese einer Datierung in die Zeit 570- 560 vor Christus ihrer Schriftform nach nicht entgegen.
Einzig Curtius setzt den Kalbträger zeitlich nach dem Kuros von Tenea. Er meint, "die zarte Modellierung der Bauchmuskulatur mit dem aufgesetzten Nabel, der fließende Umriß der Hüfte mit der sich herauswölbenden schrägen Bauchmuskulatur und das Mitgleiten des auf dem Nackten liegenden Gewandes" wären erst in dem vorchristlichen Jahrzehnt zwischen 530- 520 denkbar. Allerdings bestreitet Curtius auch die attische Herkunft des Künstlers.
Der Block war in der Zeit um 570 vor unserer Zeitrechnung die gewöhnliche Form der Basis, doch gab es daneben auch reichere, zwei- und dreiteilig abgestufte Statuensockel.
Lermann sieht Formen des Kalbträgers in dem dreileibigen "Typhon" wiederholt. Alscher sieht stilistische Merkmale im attischen Kuros in New York und dem Jüngling von Sunion. Schuchardt behauptet, die Statuengruppe zeige in einzelnen Zügen Anlehnung an Werke des ersten Viertels des 6. Jahrhunderts, etwa dem Gorgokopf (Akropolis Mus. Nr. 701), der Berliner Göttin und auch des New Yorker Kuros. Er versteht unsere Gruppe als Vorläufer des Reiter Rampin und des Akropoliskopfes Nr. 654, die alle um die Jahrhundertmitte anzusetzen seien. Payne bezieht seine Datierung auf die Berliner Göttin, weist sie aber einer anderen Stilrichtung zu, der er auch die in der Themistoklesmauer gefundene Sphinx zurechnet, während er die Sphinx von Sparta mehr der Richtung der Berliner Göttin zuweist. Lermann sieht bei seinem Vergleich die Identität der Augenbildung mit der Umränderung des Augapfels. Die Pupillen sind kreisrund und auch der Verlauf des Brauenbogens stimmt überein. Ebenso ähnlich ist der Bartumriß und die Bartbehandlung. Auch die Oberarmmuskulatur, die Schultern und die Halslinie gleichen sich. Für Lermann ist der Kalbträger aber gesamt betrachtet entschieden feiner und präziser gearbeitet. Wie bei den Porosfiguren ist beim Kalbträger noch auf die Faltengebung am Gewand verzichtet, woraus er schließt, daß diese Statuengruppe eines der ersten Werke des Meisters in Marmor war. Gottfried von Lücken stellt in den AM, Band 44 den Kalbträger an die Seite der Amphora B 49 im British Museum und dem Kopf Saburoff, denn bei "allen diesen Werken sind...(die) Formen breiter und massiver geworden, so daß das etwas Dürre und Abstrakte, das den Werken der vorangehenden Epoche anhaftet, aufgehört hat".
Alscher erkennt in der Armhaltung und im Motiv des Tieres eine "Metrik der Gliederung der Formgesinnung", wie sie seines Erachtens auch bei den vorher erwähnten Vergleichsstatuen abzulesen ist. Grundverschieden sei aber die harte Zäsur der früheren Werke, die die einzelnen Teile des Gestaltsaufbaus mit deutlichem Eigengewicht hervortreten lassen, während der etwas spätere Kalbträger bemüht ist, harte Zäsuren im Gesamtumriß zu vermeiden und so einen freieren Fluß der Konturen zeigt- vormals verliefen sie straffer und bogen unvermittelter um. Kopf, Rumpf und Gliedmaßen des Mannes sind in Beziehung zueinander abgestimmt. Beispiel ist hierfür der Gewandsaum, der den hartkantigen Übergang von den Ellenbogen zur Hüfte überspielt, oder der Schwanz des Tieres, der sich der Oberarmkontur des Mannes anschmiegt und somit eine Überleitung zwischen den beiden Kompositionselementen bietet.
Der ebenfalls attische Jünglingstorso von Moschato im Athener Nationalmuseum, vielleicht nach Alscher um 580 vor Christus zu datieren, leitet in seinen Stilmerkmalen bereits zur organisch bereicherten und aufgelockerten Formensprache des Kalbträgers über. Nur die Proportionen und Maße sind noch nicht so gelungen aufeinander abgestimmt. Der Kopf ist dort proportionsmäßig zu groß und sitzt damit betont eigengewichtig über dem schmalen Rumpf. Weiterhin schreibt Alscher, daß sich der Kalbträger von dem Kuros in New York und dem Sunion- Jüngling durch eine "gewandelte Bewältigung der plastischen Substanz" unterscheidet. Darunter versteht er, daß die bis dato blockartig angelegten Körperformen und Gliedmaßen (und somit hart gegeneinander abgesetzte Ansichtsseiten aufweisen) beim Kalbträger freier abgerundet sind und mit seinen Übergängen in die Tiefe leiten. Der monumentale Formgehalt wird zugunsten einer erscheinungsbildmäßigen Wirkung, begriffen aus dem veränderten Verständnis einer neuen Körpernatur, aufgegeben. Als Beleg führt Alscher einen Vergleich der Bauchmuskulatur mit der des Kuros von Sunion an. Dort erscheinen ihm die unterteilenden Zäsuren wie graviert und weniger modelliert als an der Kalbträgerstatuengruppe. Ein Übergangsstadium wäre hierfür wiederum der Jünglingstorso von Moschato mit dessen plastischer Durchgestaltung. Der Kopf - im Vergleich zu dem Jünglingskopf von Dipylon zu Athen, dem Kopf des Kuros in New York oder dem von Sunion - hat sich von der durch Kompaktheit geprägten Modellierung sowie der streng gebundenen Gliederung der scharf eingeschnittenen Einzelorgane, so der Stirn und den Wangen, entfernt. Die Brauen, Augen und der Mund sind von biegsamen Linien umzogen und erscheinen dadurch weniger unvermittelt in die sie umgebenden Partien eingelassen. So erscheint auch das "Lächeln" breiter und voller. Die Augen, an den genannten früheren Köpfen verhältnismäßig groß und weit geöffnet, sind am Kalbträger kleiner gebildet und von gleichmäßiger gebogenen Lidern umfaßt. In der vorangegangenen Zeit schwingen die Oberlider fast immer in steilen Bögen über die straff gezogenen Unterlider. Die Gesichtsachse ist nach Alschers Ansicht beim Kalbträger schärfer, das Gerüst des Schädels tritt deutlicher hervor, da sich seine Kontur nach unten leicht zusammenzieht und so die Stirn- und Augenpartie wirksamer vom Untergesicht abhebt.
Neu ist auch die langsam enstehende Rhythmitisierung der Statuengruppe. Durch die geringfügige Formverlagerungen - der rechte, etwas höher als der linke liegende Ellenbogen, der etwas weiter vom Körper absteht - zeigt sich eine Bewegung an, die an der rechten Körperflanke des Mannes über den leicht angehobenen Ellenbogen ansteigt, während sie in dem schrägen Sitz des Tierkörpers und dem ein wenig abwärts verschobenen linken Ellenbogen zu dessem vorgestelltem linken Bein abfällt. So fallen also an der "Spielbeinseite" die Formen ab. Alscher sieht darin eine Vorstufe zur Ponderation, die erst in der Klassik augenfälliger und konsequenter den Gestaltaufbau der Statuen bestimmt.
Nach Meinung Richters folgt der geschlossene Aufbau, die kräftigen Arme, die Betonung auf das Volumen und die kräftige Kompaktheit des Kalbträgers der Berliner Kore; auch einige Gesichtsbildungen erscheinen ihr gleich: die Schrägstellung der Augen mit dem scharf angegrenzten Lidern, die Nase mit den breiten Flügeln und die Ohren mit den herunterhängenden Ohrläppchen. Den Verlauf des Mantels erkennt sie auf der Francoisvase wieder.
7. BEMERKUNGEN ZUR KÜNSTLERFRAGE UND EINER MÖGLICHEN WERKSTATT
Wolfgang Deyhle getraut sich anhand des verbliebenen Fußfragments und der Inschrift einen Vergleich der Statue des Kalbträgers mit der Plinthe des Phaidimos. Er erkennt gerade in der Bearbeitung der Zehen und der Sehnen Übereinstimmungen, an die er einen Vergleich der Schriftzeichen anschließt. Die Lettern "N", "A", "E", "L" und besonders das "K", deren Diagonalhasten sich nicht mehr treffen, sondern ein Stück voneinander entfernt auf die Vertikalhasten stoßen, sind den Lettern des Phaidimos nach Ansicht des Autors recht verwandt. Die Vertauschung des "S" kommt gleichfalls in der zweiten und dritten Zeile der Phaidimosinschrift in New York mehrfach wiederholt vor. Deyhle schließt daraus, daß der Kalbträger aus der Hand eines Künstlers stammt, der in Verbindung mit der Werkstatt des Phaidimos gestanden hat.
Im Ergebnis kommt er zu dem Schluß, daß Phaidimos, Aristion und Aristokles eine Werkstattgemeinschaft unterhielten, denen man die Gorgostele, die Stele National Museum Nr. 35, den Korentorso Akropolis Mus. Nr. 582, den Kalbträger, das Fußpaar der Phile und vielleicht auch den Anavysoskuros mit dem New Yorker Stelenfragment, sowie die Sphinx National Museum Nr. 2891, den Londoner Kopf B 473 und den Volomandrakuros zuweisen könnte.
Anhang 1
Einen Vergleich, um die landschaftlich und individuell bedingte Eigenart unseres Meisters zu konkretisieren, zieht Schiering anhand des Jünglings von Tenea in der Münchener Glyptothek. Schiering datiert den Jüngling bis zu ein Jahrzehnt nach der Kalbträgerstatuengruppe. Er schließt die Merkmale, die sich aus dem veränderten Motiv ergeben, und die Besonderheiten wie etwa Bart oder Gewand aus. Gemeinsam ist ihm zufolge die Betrachtung in der Vorderansicht. Beide setzen das linke Bein vor, richten den Kopf geradeaus und haben das archaisch markante "Lächeln". Trotz der verschiedenen Armhaltung beschreibt Schiering den Umriß beider Figuren als fest und geschlossen, weil keine Bewegung oder Kraft aus dem Körper ausbricht. Der Kontakt mit dem Rumpf wird bei dem Tenaten durch die geschlossenen Fäuste an den Oberschenkeln, bei Rhombos mit den Unterarmen und Sehnen gebildet. Ebenso ist das augenblicklich wollende Voranschreiten durch die Schrittstellung beiden Werken gleich.
Unterschiedlich sind die zartere Modellierung und die Neigung zu einer gewissen Überspitzung im Detail des Tenaten, schreibt Schiering. Vereinfacht sind hier hingegen die sonst vielfältig gegliederten Körperpartien. Am deutlichsten unterscheiden sich beide Gesichter. Die Mandelaugen, die vollen Wangen und das perlenartige Haar des Rhombos verleihen mehr Lebendigkeit; selbst sein Lächeln ist offener und ausgewogener, beinahe schon stolzer. Das Gesicht des Jünglings ist konzentrierter, enger und wirkt mehr aus der Mitte heraus, weil die Züge knapper sind, die Augen enger und die dichte Haarhaube der Locken das Gesicht zu den Seiten hin abschirmt. Straff und fest ist die Formensprache des Korinthers. Der Meister des Kalbträgers konnte seine Formen spannen und aufeinander beziehen. Soweit der Vergleich Schierings, der meines Erachtens zu wenig konkret an den Werken selbst argumentiert.
Anhang 2
Einen ägyptischen Einfluß auf die Statuengruppe des Rhombos sieht Kim Levin im American Journal of Archaeology aus dem Jahr 1964. In dem Artikel werden Gemeinsamkeiten zwischen der Statuengruppe des Kalbträgers und ägyptischer Darstellung aus der Saitenzeit gesucht. Besondere Bedeutung mißt der Autor der X- Haltung der die Tierbeine haltenden Arme des Kalbträgers bei, die a) in ägyptischen Reliefs gewöhnlich von Opfertierträgern eingenommen werden soll; b) auch in der verschränkten Haltung der Osirisstatuen wiederholt auftauchen soll. Desweiteren werden nach Aussage Levins die eingelegten Augen daher übernommen sein. Als letzten und entscheidenen Punkt führt der Autor den Saitischen Kanon zur Proportionierung der ägyptischen Rundplastik an, der am Kalbträger festzumachen sein soll. Um die Beweiskraft des Saitischen Kanons zu überprüfen, sollte die Argumentationsweise Iversens, Canon and Proportions in Egyptian Art. London, 1955, kritisch durchleuchtet werden. Für mich bleibt sie zum Teil fragwürdig. Die X- Haltung der Arme an Osirisstatuen dient der Präsentation der gleichberechtigten Machtinsignien Krummstab und Wedel, wobei sich die Unterarme überkreuzen. An der griechischen Statuengruppe liegen die Hände des Mannes nebeneinander, wobei die linke Hand des Mannes das linke Tierbein hält; die rechte entsprechend. Eine Überkreuzung der beiden Arme des Trägers oder der beiden Beine des Kalbes ist nirgens an der Statuengruppe festzumachen.
Opfertragende Personen sind häufig mit den Opfertieren auf der Schulter abgebildet, so auch in anderen, nicht aufeinander zu beziehenden Kulturen. Es handelt sich bei dem Trägerthema also vielmehr um ein praktisch entwickeltes. Eingelegte Augen wurden in ägyptischer Plastik in den Augenhöhlen verklammert, nicht zweiteilig aus einem Metallstift und einem Edelstein- oder Glaseinsatz geschaffen. Inwieweit die ägyptische Plastik die Griechen inspirierte, läßt sich gewiß schwer abschätzen und noch schwerer argumentativ begründen. Sicher aber ist, daß die griechische Plastik eine eigene Tradition aufweist, die man deutlich über mehrere Jahrhunderte hindurch verfolgen kann. Ich denke daher eher an parallel verlaufende gleiche Entwicklungen, die aus dem gleichen Bedürfnis nach einer besonderen Ausdrucksweise entstanden.
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