Die Beziehungen zwischen Afghanistan und der Bundesrepublik Deutschland 1945-1978
dargestellt anhand der wichtigsten entwicklungspolitischen Projekte der Bundesrepublik in Afghanistan
Frankfurt/M., Berlin, Bern, New York, Paris, Wien,
1996.
XIX, 690 S., zahlr. Abb. u. Tab.
Europäische Hochschulschriften: Reihe 31,
Politikwissenschaft.
Bd. 299
Vorwort von Prof. Dr. Norman Paech:
Afghanistan ist wieder aus dem Fadenkreuz der Medien verschwunden.
Nur
selten noch, bei spektakulären Kampfereignissen findet es die
Aufmerksamkeit
zurück, die es so plötzlich im April 1978 mit dem Sturz der
Regierung
Daud erhalten hatte. Seit diesem Ereignis und verstärkt noch seit
dem Einmarsch sowjetischer Truppen zur Jahreswende 1979/80 galt das
öffentliche
Interesse der Restauration der alten Ordnung. Es wurden von den
westlichen
Staaten nicht nur die Entwicklungshilfe und die ökonomischen
Beziehungen
eingefroren, um dem sozial-revolutionären Ansatz der Reformen der
neuen Regierung keine Unterstützung zu bieten. Es wurde zudem der
afghanische Widerstand, der sich im benachbarten Pakistan unter den
Flüchtlingen
organisierte, aktiv unterstützt, um den „Geländegewinn“ der
Sowjets
rückgängig zu machen. Afghanistan spielte nach der
Beseitigung
des traditionell westorientierten Schah-Regimes im Iran eine jetzt
wichtigere
geostrategische Rolle an der Südgrenze der Sowjetunion.
Das Interesse des Westens an diesem entlegenen Land ist nie über
seine strategische Rolle im Ost-West-Konflikt hinausgegangen. Seit dem
gescheiterten Versuch Großbritanniens, Afghanistan seinem
indischen
Kolonialimperium anzugliedern, war es seiner Unwegsamkeit zwischen den
rivalisierenden Mächten überlassen worden. Bis weit in die
zweite
Hälfte dieses Jahrhunderts verstanden es die wechselnden
Regierungen
der Monarchie in diesem toten Winkel der Weltpolitik eine
selbständige
Politik zu führen, die unabhängig von den Blockbildungen
blieb.
Die Vorteile lagen vor allem bei der Monarchie und ihrer agrarischen
Klientel,
den Großgrundbesitzern, die sich bis in die siebziger Jahre einer
nahezu ungestörten Herrschaft über das Land erfreuen konnten.
Reformversuche, sei es in den 20er Jahren unter König Amanullah
oder
in den 60er Jahren unter den Regierungen Daud und Jossof, wurden
entweder
mit dem Sturz des Königs beendet oder mit der Abberufung der
Regierungschefs
entschärft. Die Nachteile lagen bei der zu 90% auf dem Lande
lebenden
Bevölkerung, die die Stabilität der Monarchie mit
außerordentlicher
sozialer und wirtschaftlicher Rückständigkeit und feudaler
Abhängigkeit
von den Landlords bezahlen mußte. Die Friedlichkeit dieser
Stabilität
war nur scheinbar. Die verschiedenen Formen feudaler Herrschaft und
Abhängigkeit
waren hier nicht weniger gewaltsam als die in Europa aus der Geschichte
bekannten Feudalverhältnisse. Als sich Anfang der fünfziger
Jahre
die ersten Oppositionskräfte regten und die soziale Frage auf die
Tagesordnung setzen wollten sowie ihre politischen Rechte einforderten,
wurden sie rigoros ohne Gerichtsverfahren hinter Gitter gebracht und
für
lange Jahre in die Illegalität verbannt. Die Krise der
afghanischen
Gesellschaft, die selbst in der Abgeschiedenheit zwischen Amu Darja,
Hindukusch
und Belutschistan nicht mehr übersehen werden konnte, wurde lange
Zeit mit den Mitteln der Polizei und der Armee vor dem Umschlagen in
soziale
Revolten bewahrt. Als sie dann mit der Saur-Revolution von 1978 dennoch
ausbrach, war die allgemeine Überraschung und das Erstaunen
darüber
im Westen letztlich nur der Beweis für das mangelnde Interesse an
diesem Land und an seinem sozialen und ökonomischen Fortschritt.
Denn
die offensichtliche Unkenntnis der gesellschaftlichen Probleme ist
letztlich
nur aus der Gleichgültigkeit gegenüber den realen
Entwicklungsmöglichkeiten
und -perspektiven zu erklären. Die Tatsache, daß sich die
westlichen
Regierungen sofort und ganz eindeutig nach dem Sturz der Regierung Daud
auf die Seite der Opposition geschlagen haben, widerlegt das mangelnde
Interesse an dem Land nicht, sondern zeigt nur, daß Afghanistan
allenfalls
in der west-östlichen Machtkonfrontation eine Rolle gespielt hat.
Die Unkenntnis der Sowjetunion über die gesellschaftliche
Realität
bei ihrem südlichen Nachbarn war offensichtlich nicht geringer,
was
ihr Versuch dokumentiert, mittels militärischer Intervention den
mangelnden
Rückhalt der neuen sozial-reformerischen Kräfte zu sichern.
Ihr
Interesse an dem Schicksal Afghanistans war zweifellos
größer.
Es bezog sich nicht nur auf die strategische Lage Afghanistans an der
langen
Grenze im Süden, sondern auch auf die gesellschaftlichen Reformen,
die in ihrer Zielsetzung ganz den eigenen Reformvorstellungen
entsprachen.
Die Sowjetunion hatte trotz so ganz unterschiedlicher
gesellschaftspolitischer
Entwürfe ein gutes und unproblematisches Verhältnis zu
Afghanistan
gehabt. Die Entwicklungshilfe war vorwiegend auf den Norden
konzentriert,
wohlweislich getrennt von der der USA, die im Süden des Landes
(z.B.
das große Hilmand-Valley-Projekt) angesiedelt war.
Auch Deutschland hatte traditionell gute und freundschaftliche
Beziehungen
zu Afghanistan, die bis auf die Reformzeit des Königs Amanullah
zurückgingen.
Der Freundschaftsvertrag von 1926 war nur die völkerrechtliche
Bestätigung
der bereits 1923 mit der Gründung der „Deutsch-Orientalischen
Handelsgesellschaft“
(seit 1925 Deutsch-Afghanische Compagnie AG) angebahnten
Wirtschaftsbeziehungen.
Das Interesse des um seine Kolonien gebrachten Deutschland lag vor
allem
in den Rohstoffen des asiatischen Landes, ohne daß sie allerdings
die in sie gesetzten Hoffnungen erfüllen konnten. Die
Auseinandersetzungen
Afghanistans mit England begünstigten den Einstieg Deutschlands,
dessen
Einfluß und Engagement auch nicht mit dem Sturz Amanullahs Ende
1928
geschmälert wurde. Es verstärkte sich vielmehr in den
dreißiger
Jahren, als Afghanistan ein fester Bestandteil in der
militärischen
Konzeption des faschistischen Deutschland wurde.
Schon bald nach dem 2. Weltkrieg Anfang der fünfziger Jahre konnte
die BRD das Erbe des Deutschen Reiches antreten und wieder Beziehungen
zu Afghanistan auf wirtschaftlicher und politischer Ebene
anknüpfen.
Seitdem wurde die BRD neben der UdSSR und den USA zu einem der
wichtigsten
Partner Afghanistans. Wie gesagt das Interesse des Westens und auch der
Bundesrepublik war vor allem auf die strategische Position
gegenüber
der Sowjetunion und dem Kommunismus gerichtet. Afghanistan war in
diesem
Zusammenhang durchaus ein geostrategischer Eckpunkt im Kalten Krieg.
Unter
dem Gesichtspunkt effektiv ausbeutbarer Rohstoffe oder eines
aufnahmefähigen
Marktes spielte dieses Land niemals eine nennenswerte Rolle.
Vor diesem historischen Hintergrund, den Matin Baraki im ersten Drittel
seines Buches darlegt, ist das Trauerspiel - man kann es auch Desaster
nennen - der deutschen Entwicklungshilfe zu betrachten. Der Autor
zerlegt
es detailliert in all seine Kooperations- und Projektteile. Keine
lustvolle
aber notwendige Lektüre. Die Archäologie der
entwicklungspolitischen
Aktivitäten bringt wie im richtigen Leben der Ausgrabungen nur
noch
Schutt und Ruinen zum Vorschein. Diese Trümmer rühren nicht
etwa
daher, daß die Katastrophe der Finanzierungseinstellung und des
Abzugs
aller Experten bis 1979 wie ein Vulkanausbruch über die
Entwicklungshilfe
hereingebrochen wäre. Wer etwas über die inneren Gründe
des Scheiterns von Entwicklungshilfe lernen möchte, sollte diese
Analysen
von 9 der wichtigsten deutsche Entwicklungsprojekte in Afghanistan
lesen.
Die Summe aus Konzeptionslosigkeit, Planungsfehlern, mangelnder
Kooperation,
Desinteresse, Verschwendung von Geldern und Korruption verdichtet sich
in hunderten von dokumentarischen Nachweisen und persönlichen
Interviews
mit Projektbeteiligten und Repräsentanten der westdeutschen
Entwicklungspolitik
zu einem äußerst nüchternen, aber zwingenden
Verriß
der Entwicklungshilfe. Dies ist keine Denunziation, die Fülle der
Fakten macht eine derartige Kritik überflüssig. Es ist
schlicht
eine Exekution, die nur von einem wirklich unabhängigen
Wissenschaftler
geleistet werden konnte, der weder in das institutionelle und
finanzielle
Netz der zwischen Auswärtigem Amt (AA), Bundesministerium für
wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ), Gesellschaft für Technische
Zusammenarbeit (GTZ) und Deutschem Entwicklungsdienst (DED)
aufgehängten
„Entwicklungsländerforschung“ verwoben ist, noch dem verbreiteten
Syndrom entwicklungshelfenden Einverständnisses verpflichtet ist.
Matin Baraki kommt dabei zweifellos zugute, daß er in dem Land
geboren
ist, welches Opfer dieser Politik wurde.
Nicht nur die an Afghanistan Interessierten sollten dieses Buch lesen,
wichtiger noch ist es für die Akteure der Entwicklungshilfe, die
hier
einen Spiegel ihres Scheiterns vorgehalten bekommen.
Hamburg, den 26. Juni 1995
Norman Paech
Vorbemerkung des Verfassers:
Noch Anfang des 20. Jahrhunderts waren die Kenntnisse in Deutschland
was Afghanistan betraf so ungenau, daß für das Herder
Konversationslexikon
"Afghanistan, der nordöstliche Teil Irans" bildete. Diese
Informationslücke
hatte ihre Ursachen darin, daß Afghanistan bis dahin weder in
ökonomischer
noch in militärisch-strategischer Hinsicht für Deutschland
von
großer Bedeutung gewesen war. Dies änderte sich dann rasch,
als durch den Ersten Weltkrieg deutscherseits das Interesse an
Afghanistan
zu wachsen begann. Wegen seiner geostrategischen Lage, vor allem zu
Britisch-Indien,
wurde Afghanistan fester Bestandteil der Außen- und
Militärpolitik
des deutschen Imperialismus. Mit der Hentig/Niedermayer-Expedition
1914/15
nach Afghanistan, deren Ziel es war, Afghanistan auf Seiten
Deutschlands
gegen Britisch-Indien in den Ersten Weltkrieg einzubeziehen, wurden
Bedingungen
für die weiteren Beziehungen zwischen Afghanistan und Deutschland
geschaffen. Diese wurden dann kontinuierlich über beide Weltkriege
und Faschismus hinaus zu einer „Liebesbeziehung“ wie man in der BRD so
zu sagen pflegte, um den Afghanen zu schmeicheln und bis 1978
ständig
fortentwickelt. Allerdings: "Die Geschichte der deutsch-afghanischen
Beziehungen
harrt noch ihrer Beschreibung", wie Prof. Jentsch feststellte.
Bemerkenswert
ist, daß weder von bundesdeutscher noch von afghanischer Seite
bis
heute jemand es gewagt hat, diese über 60jährige
„Liebesbeziehung“
wissenschaftlich zu untersuchen. Das liegt m.E. daran, daß die
bundesdeutsche
Seite, die im Besitz des gesamten Materials war, kein Interesse an der
Offenlegung dieser Beziehungen hatte und eventuell interessierte
Afghanen
keinen Zugang zu den relevanten Quellen bekamen.
Während selbst Wissenschaftler wie Prof. Albrecht (Univ.
Hohenheim)
sowie Dr. W. Küpper (GTZ) es kategorisch ablehnten, dem Verfasser
dieser Untersuchung Materialien zur Einsichtnahme zur Verfügung zu
stellen, machten Dr. Bürger (Afghanistanreferat im AA) und J.
Kiefer
(Otto-Benecke-Stiftung) es zur Bedingung, über die Zeit vor dem
Zweiten
Weltkrieg zu schreiben bzw. die Gliederung der Arbeit vorzulegen und
die
Änderungsvorschläge J. Kiefers zu berücksichtigen, um
zensiertes
Material zu erhalten.
Der DAAD hielt es nicht einmal für nötig, auf meine
spätere
Anfrage überhaupt zu antworten, obwohl man mir vorher schriftlich
zugesagt hatte, Statistiken über afghanische Studenten, die vom
DAAD
gefördert worden waren, zur Verfügung zu stellen.
Die bis heute zum Thema vorgelegten Arbeiten gehen nicht über
den Rahmen einer allgemeinen behutsamen Beschreibung hinaus, oder sind
nur auf Teilaspekte bestimmter Projekte beschränkt.
Die vorliegende Arbeit stellt den ersten Versuch dar, die Beziehungen
zwischen Afghanistan und der Bundesrepublik Deutschland anhand von neun
verschiedenen Entwicklungsprojekten der Bundesrepublik unter
Einbeziehung
der politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen zu untersuchen.
Der erste Teil der Arbeit ist den deutsch-afghanischen Beziehungen
vom Beginn des Ersten bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges gewidmet.
Die
Untersuchung wird dann von 1945 bis 1978 fortgesetzt, so wurde ganz
bewußt
der Titel der Arbeit formuliert, ungeachtet der Tatsache, daß
1945
die Gründung der BRD noch bevorstand, um die nahtlose
Kontinuität
der Afghanistanpolitik des deutschen Imperialismus von 1914 bis 1978
aufzuzeigen.
Der Hauptteil der Arbeit handelt ausschließlich von der
Entwicklungshilfe
der BRD in Afghanistan. Ob diese eine „tödliche Hilfe“ (Brigitte
Erler)
gewesen ist, sollen die Leserinnen und Leser selbst beurteilen. In
diesem
Teil der Arbeit ist auf die Vergangenheit der Akteure, die die
Außen-
und - Entwicklungspolitik - auch bezüglich Afghanistan -
Bundesrepublik
- entscheidend mitbestimmt haben, mehrfach Bezug genommen worden. Damit
soll auch die personelle Kontinuität in der Afghanistanpolitik des
deutschen Imperialismus dokumentiert werden.
Resümee:
Die Untersuchung der Beziehungen Afghanistan-BRD erfolgte im Rahmen
einer ganzheitlichen theoretischen Sichtweise, d.h. das
Beziehungsgeflecht
wurde unter politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen
Gesichtspunkten
und vor dem Hintergrund der internationalen Rahmenbedingungen
betrachtet.
Die Herausbildung und Ausgestaltung bundesdeutscher Entwicklungshilfe
generell
wie am Beispiel Afghanistans wurde nachgezeichnet und anhand
unterschiedlicher
Varianten von Entwicklungsprojekten, von Regionalprogrammen bis hin zu
lokalen Infrastrukturprojekten, überprüft. Dabei stellte sich
heraus, daß die staatlich-ordnungspolitischen Vorgaben der
Verantwortlichen
des Auswärtigen Amtes und/oder Bundesministeriums für
Wirtschaftliche
Zusammenarbeit (BMZ) die Entwicklungsrichtung bzw. den Grad des Wandels
in den afghanisch-bundesdeutschen Beziehungen bestimmten. Sie
determinierten
den Handlungsspielraum der Akteure in soziokulturellen und
wirtschaftlichen
Bereich.
Es wurde gezeigt, daß sich die afghanisch-bundesdeutschen
Beziehungen
im Zeitraum 1945-78 insgesamt verhältnismäßig
gleichförmig
entwickelten abgesehen von zwei Einschränkungen. Zu einer
zeitweiligen
Intensivierung des BRD-Engagements in Afghanistan kam es zur Zeit der
Monarchie
mit dem Amtsantritt der Regierung Dr. M. Jossof im Jahre 1963. Eine
Abkühlung
des bilateralen Verhältnisses erfolgte seit Beginn der Republik
1973,
als nationalreformerische Kräfte zunehmend an Einfluß
gewannen.
Die entwicklungspolitische Zusammenarbeit Afghanistan-BRD gestaltete
sich, ungeachtet der internen Veränderungen der kooperierenden
Regierungen,
Ministerien, bzw. Funktionsträger, vergleichsweise stabil. Dies
lag
zum einen darin begründet, daß die meisten bilateralen
Projekte
eine Laufzeit über Jahrzehnte hinweg hatten. Zum anderen trug dazu
der entwicklungspolitische Konsens zwischen den etablierten Bonner
Parteien
bei, der durch die große Koalition (1966-1969) gefestigt wurde
und
auch unter den sozialdemokratischen Entwicklungshilfeministern, trotz
aller
Akzentverschiebungen, fortdauerte.
Die Bonner Entscheidungsträger des Auswärtigen Amtes und
des 1961 gegründeten BMZ räumten Asien die Spitzenposition
unter
den Empfängerregionen der BRD-Entwicklungshilfe und insbesondere
Afghanistan
einen Stellenwert ein, der die reale wirtschaftliche und
regionalpolitische
Bedeutung dieses extrem unterentwickelten, an attraktiven Ressourcen
armen
zentralasiatischen Binnenlandes weit überstieg. Von den bis 1977
für
asiatische Entwicklungsländer, die den Schwerpunkt der
BRD-Entwicklungshilfe
bildeten, insgesamt vergebenen 17,2 Mrd. DM an Entwicklungshilfe (mehr
als ein Drittel ging alleine an die Vormacht Indien) entfielen auf
Afghanistan
nominell 456,1 Mio DM, womit es einen der größten
Einzelposten
in der Region darstellte. Umgerechnet pro Kopf der Bevölkerung
erhielt
Israel 408,4, Jordanien 116,2, Afghanistan 26,8, Sri Lanka 23,7,
Pakistan
21,8, Republik Korea 11,1, Indonesien 8,7, Bangladesch 8,5, und Indien
5,6 Mio. DM Entwicklungshilfe aus der BRD.
Wie in keinem anderen Land des Halbkontinents, ausgenommen die
Türkei,
hatte die Bundesrepublik in Afghanistan eine nahezu gleichgewichtige
Position
neben den USA und der UdSSR inne. Vor dem Hintergrund der allgemeinen
Konzeption
und Praxis der bundesdeutschen Entwicklungspolitik betrachtet, ergaben
sich für das BRD-Engagement im Entwicklungsland Afghanistan
folgende
spezifische Leitlinien:
- Der Ost-West-Blockgegensatz war für die bundesdeutsche
Afghanistanpolitik
durchgängig der dominante Faktor. Bonn blieb darauf bedacht, mit
dem
Einsatz der eigenen Entwicklungshilfe dem südlichen Anrainerstaat
der sozialistischen Weltmacht UdSSR zu einem möglichst
ausgedehnten
politischen Handlungsspielraum gegenüber den RGW-Staaten zu
verhelfen
und eine Stärkung der westlichen Position in Mittel/Südasien
zu bewirken. Dieser politischen Option sind einige Projekte im engeren
Sinne zuzuordnen, voran die sicherheitspolitisch geprägte
Polizeiausbildung.
Kulturelle und Infrastruktur-Projekte wurden davon nur indirekt
tangiert,
so daß hier die objektiven Spielräume größer
ausfielen.
Den Annäherungsprozeß der republikanischen Regierung
Afghanistans
seit 1973 an die UdSSR konterkarierte Bonn folgerichtig mit einer
Distanzierungspolitik,
obgleich der afghanische Reformwille der von der nunmehr
SPD-geführten
Entwicklungspolitik eigentlich zu begrüßen gewesen wäre
und honoriert hätte werden müssen.
- Zugleich ging es den offiziellen bundesdeutschen
Entwicklungsträgern
beim Afghanistan-Engagement darum, damit - in Abgrenzung zur DDR - die
außenpolitische Reputation und Einflußnahme sowie die - vor
allem langfristigen - wirtschaftlichen Interessen der BRD zu wahren.
- Die bundesdeutschen Projekte waren großteils als
Präinvestition
für künftige größere Kapitalinvestitionen in einem
Land, das sich noch in der industriellen Entwicklungsphase befand mit
dann
zu erwartenden lukrativen Geschäften bzw. Gewinntransfers
angelegt,
wofür allerdings erst einmal im Berichtszeitraum eine
infrastrukturelle
Grundlage geschaffen werden mußte. Die geringe wirtschaftliche
Attraktivität
des Landes für private deutsche Investoren erklärt den hohen
Anteil der öffentlichen Kreditvergaben, die teilweise bis
über
90 % projektgebunden und BRD-liefergebunden waren. Neben der
antisozialistischen
Instrumentalisierung dürfte die vergleichsweise geringe
Profitabilität
des Afghanistangeschäfts ein zweiter maßgeblicher
Ursachenfaktor
für die geringe Effizienz der BRD-Entwicklungshilfeprojekte in
Afghanistan
sein, ergänzt durch eine verbreitete eurozentristische
Befangenheit
oder Arroganz deutscher Experten vor Ort gegenüber den
einheimischen
Partnern.
Dies zusammengenommen führte dazu, daß das Gros der
bundesdeutschen
Entwickungsprojekte scheiterte, sei es im Bildungswesen, in der
Produktion
oder im Sicherheitsbereich. Schon die Bilanzierung des regionalen
Entwicklungsprogramms
Paktia oder von lokalen Projekten wie der Wasserkraftanlage Mahipar
zeigt
an, daß dabei Schäden in Millionenhöhe verursacht bzw.
ansehnliche bundesdeutsche und afghanische Mittel, erstere
überwiegend
als Kredite, verschleudert wurden. Die geschätzte Schadenssumme
allein
für die untersuchten Projekte betrug ca. 300 Mio DM.
Der Fall Afghanistan ist allerdings keine Ausnahmeerscheinung bzw.
„Betriebsunfall“ bundesdeutscher Nord-Süd- und
Entwicklungspolitik.
Vielmehr stehen die Beziehungen Afghanistan-BRD als ein Beispiel unter
vielen, als Ausdruck eines generellen großen Defizits
bundesdeutscher
Entwicklungshilfe. Darauf haben u.a. die Kritiken von
entwicklungspolitischen
Insidern wie Brigitte Erler (Tödliche Hilfe : Bericht von meiner
letzten
Dienstreise in Sachen Entwicklungshilfe, Freiburg i.Br. 1985) oder Paul
Alexander (Heimat oder Asyl? Ein Beitrag zur Entwicklungspolitik, Ulm
1992)
eindringlich hingewiesen. Auch in anderen Dritte-Welt-Ländern
wurden
reihenweise Pleiten von Entwicklungsprojekten registriert, die die
entwicklungspolitische
Grundkonzeption damit in Frage gestellt haben. Die Untersuchung der
afghanisch-bundesdeutschen
Beziehungen fügt dem ein weiteres signifikantes Beispiel hinzu.
Eine
Revision der gängigen Entwicklungspolitik erscheint daher
unumgänglich.
Der Verfasser hofft, mit seinen Analysen der strukturellen Defizite der
westdeutschen Entwicklungspolitik - am Beispiel Afghanistan - einen
kleinen
Beitrag zur Neubestimmung der Nord-Süd-Perspektive in der
bundesdeutschen
Außenpolitik beigetragen zu haben.