10 Jahre Jugendreport
Natur 1996 bis 2006
Empirische Erhebungen zur jugendlichen
Naturbeziehung in der Hightechwelt
(Bezugshinweis s.u.)
Mit der beschleunigten Veränderung
unserer Lebensverhältnisse als Folge rasanter technisch-ökonomischer
Umwälzungen ändert sich auch unser Verhältnis zur natürlichen Umwelt. Schon
lange nicht mehr unser alltägliches Biotop, wird sie immer mehr an den Rand
unserer subjektiven Lebenswelt gedrängt. Dass wir die aufsuchen, ist weit mehr
die Ausnahme als die Regel. Wir fühlen uns in ihr eher wie ein Gast als zu
Hause. Einher geht diese Entnaturierung unseres Lebens mit einer auffällig
zwiespältigen Bewertung von Natur, die zugleich eine mentale Hochachtung und
faktische Missachtung erfährt.
Besonders deutlich lässt sich dieser
Prozess der Naturentfremdung am Beispiel der jungen Generation
veranschaulichen. Zwei umfangreiche Studien, der "Jugendreport Natur
'97" und sein Nachfolgereport aus dem Jahre 2003, haben ihn auf der Basis
empirischer Erhebungen exemplarisch dokumentiert und in ihren Titeln "Das
Bambi-Syndrom" und "Nachhaltige Entfremdung" auf den Begriff zu
bringen versucht. Die dabei gewonnenen Einsichten lieferten ein teilweise ganz
anderes Bild vom Verhältnis junger Menschen zur Natur, als es von der
einschlägigen Umwelt- und Naturpädagogik unterstellt wird.
Anders als Kinder treten Jugendliche der Natur demzufolge
nicht etwa unbefangen und aufgeschlossen gegenüber, sondern legen eine Haltung
an den Tag, die durch auffällige Brüche gekennzeichnet ist. Sie kann stark
vereinfacht durch folgende Schlagworte beschrieben werden:
·
Naturdistanz: Das
Wissen junger Menschen über alltägliche Naturerscheinungen ist in hohem Maße
lücken- und fehlerhaft. Ihr Interesse an natürlichen Zusammenhängen nimmt
kontinuierlich ab. Ihr Bedarf an Naturnähe und Natürlichkeit fällt deutlich
schwächer aus bei Erwachsenen. Vielen erscheint alles, was mit Natur zu tun
hat, einfach langweilig.
·
Bambi-Syndrom:
Explizit darauf angesprochen, messen Jugendliche der Natur jedoch einen hohen Wert
zu. Sie erscheint ihnen außerordentlich wichtig, gut, schön und harmonisch,
aber auch verletzlich, bedroht und hilfsbedürftig. Daraus resultiert die
nachdrückliche Aufforderung, sie zu schützen, sauber zu halten und nicht zu
stören, sondern ihr zu helfen. Tiere und Pflanzen müssen gehegt werden. Das
Jagen von Tieren und das Fällen von Bäume schaden aus jugendlicher Sicht der
Natur.
·
Wirtschafts-Tabu:
Die Notwendigkeit einer massenhaften Nutzung der Natur zur Sicherung unserer
materiellen Lebensbedingungen ist den meisten Jugendlichen nicht hinreichend
bewusst. Man weiß eher wenig über die Herstellung von Konsumprodukten,
interessiert sich kaum für Nutztiere und -pflanzen und übersieht weitgehend den
wirtschaftlichen Zusammenhang von schöner Natur und schönen Produkten
("Schlachthaus-Paradox"). Die individuelle, besonders die eigene
Naturnutzung bereitet ihnen dagegen keine Probleme.
·
Nachhaltigkeits-Falle:
Das auf die Art der wirtschaftlichen Naturnutzung gemünzte
Nachhaltigkeits-Postulat ist ihnen von daher kaum zugänglich. Die Forderung
nach einem nachhaltigen Umgang mit Natur begreifen sie statt dessen als
moralisches Gebot nach Art des Bambi-Syndroms.
·
Weltbild-Parzellierung:
Das Naturbild junger Menschen zerfällt in weitgehend unzusammenhängende Parzellen.
Die Korrelationen zwischen Kenntnissen und Bekenntnissen, Naturerfahrungen und
-einstellungen, Einstellungen und Handlungen, Naturmoral und Freizeitvorlieben
fallen gering aus. Das gilt besonders für den hoch aufgeladenen Wertehorizont
einerseits und den alltäglichen Naturumgang andererseits, die in kaum einem
Bezug zueinander zu stehen scheinen.
Der dritte "Jugendreport Natur" greift diese
widersprüchlichen Befunde und hypothetischen Interpretationen auf und versucht,
sie anhand weiterer empirischer Erkundungen zu präzisieren. Statt um eine
pädagogisch inspirierte Erhebung naturwissenschaftlicher und ökologischer
Bewusstseinslagen geht es also erneut um die soziologische Erfassung
alltäglicher Natur-Bedeutungen. Im Mittelpunkt stehen dabei Art und Umfang der
Naturerfahrungen sowie das Verhältnis von Naturmoral und
Nachhaltigkeitsverständnis, welches nach der überraschenden Erkenntnis ihrer
partiellen Inkompatibilität einer methodischen Überprüfung bedarf.
Darüber hinaus gehen zwei relativ umfangreiche
Fragenbatterien lange gehegten, aber bislang noch nicht überprüften Vermutungen
zu Rahmenbedingungen und Hintergründen der jugendlichen Naturentfremdung nach.
Sie betreffen zum einen die Verkünstlichung des Alltagslebens gerade junger
Menschen, welche in der Regel spontan als Hauptgrund für ihren augenfälligen
Rückzug aus der Natur genannt wird. Dabei sind es vor allem die Medien, denen
eine besondere Anziehungs- und Ablenkungskraft zugeschrieben wird. Zwar dürfte
sich eine ursächliche Verdrängung der Natur durch Cyberwelten mit Hilfe einer
Befragung kaum stichhaltig nachweisen lassen, doch kann das Ausmaß von
Korrelationen etwa zwischen medialen Aktivitäten und Naturvorlieben womöglich
aufschlussreiche Indizien in diese Richtung liefern.
Zum anderen ist an den merkwürdig widersprüchlichen
Einstellungen der jungen Generation zur Natur womöglich das herrschende
Naturverständnis nicht ganz unbeteiligt. Denn bei genauerer Betrachtung sind in
der gängigen, historisch gewachsenen Definition von Natur bereits einige
Ungereimtheiten enthalten, die sich vor allem an der Positionsbestimmung des
Menschen entzünden. Dieser nämlich hebt sich selbst in einem solchen Maße aus
der Natur heraus, dass diese nur noch als Restgröße dessen verstanden wird, was
nicht vom Menschen geprägt ist. Da der Mensch andererseits seine natürliche
Herkunft und Gestalt nicht verleugnen kann, wird ihm gern die Doppelrolle eines
Teils und Gegenübers der Natur zugeschrieben. Das wiederum ist schon rein
logisch kaum zu halten.
Um Ausmaß und Folgewirkungen dieser Widersprüche auf das
jugendliche Naturbild einschätzen zu können, wurde in den Kanon des
Jugendreports die keineswegs nur theoretische Frage aufgenommen: Was verstehen
Jugendliche eigentlich unter Natur? Als offene Frage leitete sie bereits den
Fragebogen des '97er Reports ein. Doch diente die Aufforderung zu ihrer
lediglich stichwortartigen Beantwortung zunächst nur dem Zweck, einen Einblick
in die thematische Grundstruktur des jugendlichen Naturhorizonts zu bekommen und
so auf vordergründige Weise zu klären, wovon überhaupt die Rede ist. Dabei war
bereits aufgefallen, in welch hohem Maße der Mensch aus diesem Horizont
herausfällt. Nunmehr geht es in zwei geschlossenen Fragenbatterien gezielt um
die Grenzziehung zwischen Mensch und Natur am Beispiel alltäglicher Gegenstände
und Erscheinungen.
Bezug
Jugendreport 1996-2002 über die Reihe
TOP Natur
Jugendreport 2003 über Schutzgemeinschaft
Deutscher Wald NRW
Jugendreport 2006 "Natur obskur –
Wie Jugendliche heute Natur erfahren" über oekom Verlag München 2006