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Reinhard Brandt
John Lockes Konzept der
persönlichen
Identität. Ein Resümee[1]
(Vortrag an der Universität
Mannheim am
30. November 2004; wird publiziert im Jahrbuch „Aufklärung“, ed. Lothar
Kreimendahl, „Zur Philosophie John Lockes“)
Vorbemerkung
Locke
traf auf Selbst- und Ich- oder Personen-Vorstellungen in der
Philosophie, die
den Mangel hatten, dass sie mit meinem Ich und Selbst partout nichts zu
tun
haben. Während ich schlafe, soll ich eine identische „res cogitans“
sein, ich
bin also über mein eigenes angebliches Denken weniger gut informiert
als der
theoretische Metaphysiker René Descartes. Es soll im Folgenden kurz auf
diesen
handgreiflichen Missstand eingegangen werden. Die Lockesche Alternative
wird
meistens so dargestellt, als habe er an die Stelle der cartesischen
Denksubstanz nur das Bewusstsein gestellt, das mein Selbst und dessen
Identität
in der Zeit konstituiere; für diese Auffassung lassen sich gute Belege
beibringen, sie ist jedoch trotzdem falsch, denn Locke denkt nicht an
ein
abgehobenes Ichbewusstsein, sondern an das Bewusstsein, das die
konkrete
persönliche Sorge um sich selbst, das je eigene Gefühl der Lust und
Unlust und
der Hoffnung und der Angst begleitet – ohne diese subjektiven
Affektzustände
gibt es kein Ich. Die Grundidee zu diesem involvierten, an sich selbst
interessierten Ich fand Locke in der stoischen Philosophie. Aber des
weiteren
bedarf es konstanter machthabender Gesetze, die Lohn verheißen und
Strafe
androhen; nur durch diese Gesetze ist es möglich, dass Locke die
persönliche
Identität resümierend als forensischen Begriff bezeichnet. Durch die
Beziehung
der persönlichen Identität auf das eigene Tun wird ausgeschlossen, dass
wir für
die Erbsünde, deren wir uns nicht bewusst sind, verantwortlich gemacht
werden
können – Locke befreit die Menschen von dem jüdisch-christlichen
Inkubus, sie
litten zu Recht für den Sündenfall von Adam und Eva. Der Terminus des
„forensick term“ macht sinnfällig, dass wir uns auf dem Gebiet der
praktischen
Vernunft bewegen, des „concern“ oder Interesses an der eigenen
Gegenwart und
Zukunft und nicht eines abgehobenen Ich-Bewusstseins, das sich um sich
selbst
dreht und von dem David Hume in Übereinstimmung mit John Locke sagen
wird, er
sei ihm nie begegnet.
1. Das „Ich selbst“ und die
Person in der
rationalistischen Metaphysik
Eines
der Hauptziele der Metaphysik vor Locke ist der Nachweis, dass unsere
Seele und
damit unser eigentliches Ich nicht ein materieller Teil dieser Welt
ist, sondern
eine immaterielle Substanz, die, so Gott will, unseren physischen Tod
überleben
wird. Hierin sind sich Descartes und die Scholastik einig: Gott, Welt
und Seele
sind getrennte, wiewohl miteinander kommunizierende Entitäten, wie die
„metaphysica specialis“ zu beweisen hat und dies auch kann. Über den
wahren
Status meines Ich und meiner Person sind die Theologen und Philosophen
dabei besser
informiert als ich selbst, so wie der Mediziner meinen Körper
paradoxerweise besser
kennt als ich selbst und der Jurist u. U. meinen Vermögensstand. Der
Philosoph
weiß, dass meine Denkakte in einer zeitlosen einheitlichen
Seelensubstanz
begründet sein müssen, während mir selbst vielleicht nicht einmal klar
ist,
dass ich beim Reden Prosa spreche.
Für
Descartes war die Notwendigkeit, das Denken in einer immateriellen
Substanz zu
fundieren, noch so selbstverständlich, dass er ohne große Umstände von
dem
„cogito“ zur „res cogitans“ überging,[2]
wohl wissend, dass dieser Übergang dem geübten Metaphysiker sogleich
einleuchtet, während der Nichtphilosoph sich sowieso hüten wird,
irgendetwas verstehen
zu wollen. Bis hin zu Locke sind die Cartesianer und Metaphysiker davon
überzeugt, dass es widersprüchlich wäre, zu denken und dieses Denken
nicht
einer immateriellen Substanz zuzuordnen. Diese Auffassung läßt sich gut
in den
einschlägigen Auseinandersetzungen des 17. Jahrhunderts belegen.[3]
Immer ist das Ich oder besser: die „res cogitans“, dabei der allgemeine
Gegenstand einer ich-neutralen objektiven Erkenntnis, wodurch zwei
Aspekte
verloren gehen, die das Personalpronomen „ich“ mit sich führt: Eine
subjektive
Erkenntnis des Ich aus der privilegierten Binnenperspektive des
„Ich“-sagenden
Subjekts, und die exklusive Individualität, die gerade nicht allgemein
ist. Der
Theologe und Metaphysiker suchen dagegen die allgemeine und notwendige
Erkenntnis aus der damit unverzichtbaren Außenperspektive. Mit Locke
setzt sich
das seiner selbst bewusste Subjekt gegen die Macht der objektiven
Erkenntnis
der Metaphysiker inklusive Descartes durch.
Schlechthin
gar nichts hat die theologische Spekulation der Heiligen Dreieinigkeit
mit den
Lockeschen Problemen zu tun. Udo Thiel hat sich bemüht, das „problem of
trinity“[4]
ins Zentrum zu rücken und für die Exposition der Lockeschen „personal
identity“
zu benutzen, tatsächlich jedoch finden sich keine Überschneidungen,
sondern
getrennte Diskurse; die drei Personen Gottes (Vater, Sohn und Heiliger
Geist),
die eine substantielle Einheit bilden, haben keine Bewußtseinssorgen,
und
umgekehrt ist die menschliche Person weder trinitarisch aufgespalten
noch
argwöhnt sie, nur ein Drittel einer höheren, heiligen Einheit zu sein.
Die
Philosophiegeschichte deckt sich hier nicht mit der Wortgeschichte.
2. Die persönliche Identität:
eine reine
Bewußtseinsleistung?
Zuerst
zur kognitiven Bewusstseinsthese, also zur These, dass das pure Denken
bzw.
Bewußtsein seiner selbst die notwendige und zureichende Bedingung für
persönliche Identität ist. Die zentrale
Passage am Anfang von II 27, 9 lautet:
“This being premised to find wherein personal Identity consists, we
must
consider what Person stands for; which, I think, is a thinking
intelligent
Being, that has reason and reflection, and can consider it self, the
same
thinking thing in different times and places; which it does only by
that
consciousness, which is inseparable from thinking, and it seems to me
essential
to it.“ Das unser
Denken
begleitende Selbstbewußtsein alleine stiftet demnach die Identität der
Person
über Zeit- und Raumdifferenzen hinweg; es bedarf dazu keiner im
Zeitfluß
identischen immateriellen Substanz, auf die mein Identitätsbewußtsein
sich
beziehen muß, wie die von Locke bekämpfte Gegenthese lautet. Notwendig
und
hinreichend ist vielmehr, so scheint die Quintessenz zu lauten, das
epistemische Vermögen, sich auf sich selbst reflexiv zu beziehen, und
dies
geschehe unausweichlich durch das Begleitbewusstsein, das allen
Denkakten des
Menschen beigegeben sei.
Mit
dieser Auffassung stimmen alle Angaben im Inhaltsverzeichnis und in den
Randtiteln des Essay überein. In der Übersicht „The Contents“
heißt es
zu den einschlägigen Sektionen von II 27: “10. Consciousness
makes Personal Identity.“ “16. Consciousness makes the same Person.”
“17. Self
depends on Consciousness.” “23. Consciousness alone makes self.” Die Randnoten zu den einzelnen
Sektionen
bzw. Paragraphen stimmen mit dieser Fassung jeweils überein. Wenn diese
Titel
von Locke selbst stammen, stellen sie ein wichtiges Argument für die
kognitive
Bewusstseinsthese dar.
Sowohl
die referierende Interpretation wie auch zweitens die Kritik des
Lockeschen
Konzepts haben sich wesentlich an dieser Bewusstseinsidentität
orientiert. Sie
ermöglicht die positive Rückführung auf Vorbilder in der Theologie, man
denke
nur an die Bestimmung Gottes als der „noesis noeseos“ bei Aristoteles.[5]
Udo Thiel resümiert Lockes Auffassung: „Locke argues that loss of
consciousness
brings about the loss of personal
identity, because consciousness is what constitutes personal identity.“[6]
Der erste Satzteil ist korrekt, denn das Bewusstsein ist tatsächlich
die
conditio sine qua non der persönlichen Identität, auch im Hinblick auf
bestimmte Felder der vorgeblichen Schuld: Da wir uns keiner eigenen
Handlung
zur Zeit von Adam und Eva bewusst sind, können wir für damals begangene
Sünden
nicht gut verantwortlich sein. Umgekehrt jedoch ist der zweite Satzteil
problematisch,
denn das Bewusstsein kann nur mentale Handlungen und Gefühle und
Willensbildungen begleiten und ist keineswegs neben der notwendigen
auch die
hinreichende Bedingung. Bloße bewusste Denkakte eines göttlichen
Wesens, das
über keine weiteren psychischen Eigenschaften verfügt als nur das reine
Denken,
ist keine Basis für die Stiftung einer persönlichen Identität. Der
erste Satz,
mit dem Locke seine eigene Lehre über den menschlichen Verstand
beginnt, setzt
mit der Formulierung ein: „Every Man being conscious to himself, That
he thinks
[...].“ (II 1, 1) Aber die rein noetische Tätigkeit, der sich auch der
Aristotelische
Gott hingibt, führt zu keiner persönlichen Identität, wie sie Locke
entwickelt.
Die
Lockesche Theorie wird durch die gesamte Rezeptionsgeschichte nicht nur
fälschlich auf das Bewusstsein reduziert, sondern auch auf Grund dieser
Unterstellung kritisiert. Dafür sollen später zwei Fälle genannt werden.
Korrekt
an der rein bewußtseinstheoretischen Konzeption der persönlichen
Identität bei
Locke ist der Punkt, dass die Identität sich rein mental ausweisen muß
und auf
keine wie immer geartete substantielle Identität rekurrieren darf; was
ich
nicht selbst bewusst vergegenwärtigen kann – und dazu gehören
materielle oder
spirituelle Substanzen – , ist für meine Identitätsgestaltung
irrelevant. An
die Stelle der Prärogative der Metaphysik oder Kirche tritt jetzt das
Subjekt
selbst mit seinem privilegierten Selbstbewusstsein, in dem Substanzen
nicht
vorkommen.
In
Pflanzen und Tieren stiftet das individuelle Leben die
eigentümliche Identität des jeweiligen Organismus; es ist
eine Art innerer Handwerker, der mit eigener Kraft und Kunst nicht von
außen,
wie der menschliche Handwerker bei einer Maschine, sondern „from
within“ (II
27, 331) das Lebewesen organisiert. Locke stellt das menschliche
Bewusstsein in
eine Linie mit dem physischen Leben als Nachfolge-, aber auch
Parallelphänomen
im Mentalen. Das die einzelnen psychischen Akte begleitende Bewusstsein
verbindet diese „from within“ in einem Pool aus Vergangenheit,
Gegenwart und
Zukunft, ist dabei jedoch angewiesen auf ein originäres vorgängiges
Selbstinteresse
des Individuums. Was das Bewusstsein in einem identischen Selbst
verbindet, ist
von sich aus schon durch ein identisches Selbstinteresses auf diese
Einheit hin
angelegt.
3. Die Selbstsorge, Lust und
Unlust
Es gibt zahlreiche Äußerungen bei Locke, die besagen, dass die persönliche Identität unter bestimmten Bedingungen der vorgängigen Selbstqualifikation steht und dass sie keineswegs nur vom Bewusstsein abhängt. Die erste hier zu nennende wesentliche Bedingung der Ausbildung einer persönlichen Identität ist die Sorge („concern“, „concernment“), die die Person um sich selbst haben muß, um in einer zeitlichen Erstreckung identitätsfähig zu werden. Die Sorge ergibt sich nicht aus dem rein intellektuellen Bewusstseinsbezug, sondern bildet ein davon trennbares Fundament. Das läßt sich vielfältig dokumentieren.
In
seiner ersten Exposition der „personal identity“ in der Auflage von
1690 wird
dargelegt, daß die Seele im Schlafzustand des Individuums, z. B. des
Sokrates,
bestimmte, im Wachzustand nicht erinnerte Zuständlichkeiten hat:
„Thinking,
Enjoyments, and Concerns, its Pleasure or Pain apart, which the Man[7] is not conscious of, nor
partakes in: It
is certain, that Socrates asleep, and Socrates awake, is not the same
Person;
[...]. Since waking Socrates, has no knowledge of, or
Concernment for that
Happiness, or Misery of his Soul, which it enjoys alone by it self
whilst he
sleeps, without perceiving any thing of it. [...] For if we take wholly
away
all Consciousness of our Actions and Sensations, especially of Pleasure
and
Pain, and the concernment that accompanies it, it will be hard to know
wherein
to place personal Identity.“ (II 1, 11)
Man
sieht, dass hier die Sorge um sich selbst gleichrangig neben dem
Bewusstsein
genannt wird. Die Sorge oder das Interesse, das wir an uns nehmen, gibt
der
persönlichen Identität erst einen existenziellen Gehalt; wir sind in
unserem
Handeln um uns selbst besorgt und können in der Retrospektive des
Bewußtseins
auf diese um uns selbst intentional besorgten Ich-Akte zurückgreifen.
Die
Affizierbarkeit der menschlichen Person durch Lust oder Glück
einerseits und
Unlust oder Unglück andererseits wurde schon in dem eben zitierten Text
der 1.
Auflage genannt; wären wir gefühllos, würden wir kein weiteres
Interesse an uns
nehmen und hätten kein „concernment“ im Hinblick auf uns selbst, und
umgekehrt:
Die Sorge setzt ein Empfindungsvermögen voraus, sonst wären wir uns
gleichgültig. Locke zeigt dies höchst anschaulich: Ohne die mit Lust
oder
Unlust empfindbare Rückbindung des Denkens, Fühlens und Wollens an mich
selbst
können diese Akte die Seele durchstreifen „like unregarded shadows“,
wie
Vorstellungen „in a lazy lethargick Dream.“ (II 7, 3). Sie sind jedoch
meine
Aktivitäten, durch sie und in ihnen realisiere ich mich selbst im
Wachzustand,
und ich bin ich selbst nur und ausschließlich in dieser
selbsttransparenten,
mit Lust und Unlust begleiteten Tätigkeit. Um diese
Selbstbefindlichkeit weiß
ich als selbstbewußter und selbstbesorgter Mensch. Mein Selbst kann
entsprechend nicht in einer Substanz oder einer Zuständlichkeit
lokalisiert
werden, deren ich mir nicht unmittelbar und unverwechselbar bewußt bin
und die
nicht eingeschlossen sind in den Bereich meiner Selbstsorge und meines
Selbstgefühls von Lust und Schmerz. „Unregarded shadows“ – die Natur
hat dafür
gesorgt, dass wir uns nicht gleichgültig sind, sondern dass wir unser
intensivstes Interesse auf die Zuständlichkeit unseres Selbst
konzentrieren.
Wesen
also, die nicht über die Sorge und Lust oder Unlust und damit Angst und
Hoffnung verfügen, sind nicht fähig, eine persönliche Identität
auszubilden.
Das große Zwangsinstrument, uns für uns selbst zu interessieren, sind
nach
Locke letztlich Lust und Schmerz; ohne sie bleibt alles
Identitätsbewußtsein
chimärisch, man kann sich vielleicht als verantwortliche Person
konstituieren,
aber man kann es auch lassen, wenn es keine gefühlte Notwendigkeit
gibt.
Deshalb konnten wir einem nur denkenden Wesen, das interesselos sich
selbst zum
Gegenstand seines Denkens machte, die Bewusstheit nicht absprechen,
wohl aber
die Fähigkeit, eine persönliche Identität auszubilden.
Die
Komponente der Selbstsorge, des „concern“ oder „concernment“, wird in
fast allen
Darstellungen der Lockeschen Theorie der persönlichen Identität
fortgelassen;
sie fehlt z. B. bei Walter Jaeschke, der in dem sonst sehr informativen
Artikel
im Historischen Wörterbuch der Philosophie nicht auf die
antiken
Vorlagen und nicht auf das Konzept der Lockeschen Selbstsorge hinweist.[8]
Auch Udo Thiel geht in seinen zahlreichen Publikationen zum
Identitätsproblem
nicht auf die Rolle der Selbstsorge ein. Im Kommentar von Etienne
Balibar fehlen
im Index die genannten Stichworte.[9]
4. Die stoische Quelle
Das
im Gefühl fundierte Selbstinteresse ist eine unabdingbare Voraussetzung
für
persönliche Identität. Die Konstitution nun verläuft zunächst durch die
bewussten Akte der Selbstaneignung früherer Ichbereiche: Locke spricht
vom „appropriate“,
„einverleiben“.[10]
Wer
sich einer früheren Handlung als seiner eigenen, von Selbstsorge und
mit Lust-
oder Unlusterwartungen gesteuerten Tat bewusst wird, eignet sich diese
Tat aus
t1 in t2 als die eigene an. Eine analoge Aneignung durch einen eigenen
Akt der
Arbeit und Einverleibung ermöglicht nach Lockes Eigentumstheorie im Second
Treatise of Government die rechtliche Überführung von
ursprünglichem
Gemeinbesitz in den Privatbesitz. Während die Eigentumstheorie die
Extension
des Ich im Raum darstellt, haben wir es hier mit dem zeitlichen Pendant
zu tun;
in beiden Fällen wird mit der stoischen „oikeiosis“-Lehre die
rechtliche
Ich-Behauptung auf naturaler Grundlage konstruiert.[11]
In beiden Fällen wird diese extensionale Ich-Behauptung sorgfältig als
physische bzw. psychische Leistung des Subjekts selbst nachgewiesen und
dann
die rechtliche Konsequenz gezogen. Andere Menschen sollen das
natürliche Faktum
der Selbst-Erweiterung bzw. Einverleibung als forensische
Selbstbehauptung
anerkennen. Das durch Arbeit oder Erinnerung Einverleibte hat denselben
Status
wie die Rechtsperson selbst, ist also wie ein integrierter Teil dieser
präsenten Person anzuerkennen.
Bündeln
wir die bisher getrennten Elemente, so konnten und können wir
feststellen, dass
sie zum größten Teil der stoischen oikeiosis-Lehre entstammen. Ich
zitiere nur
folgenden Text, in dem die stoische Vorstellung der Selbstheit
angedeutet wird.
Es ist die bekannte Paraphrase der stoischen „oikeiosis“-Lehre von
Diogenes
Laertius: „Der erste Trieb, so sagen sie, der sich in einem lebenden
Wesen
regt, sei der der Selbsterhaltung; die Natur eigne es sich selbst von
Anbeginn
an zu, wie Chrysipp im ersten Buch `Über die Endziele´ sagt mit den
Worten: für
jedes lebende Wesen sei seine erste ihm von selbst zugewiesene
Angelegenheit
sein eigenes Bestehen sowie das Bewußtsein [syneidesin] davon. Denn es
war doch
nicht zu erwarten, daß die Natur das lebende Wesen sich selbst
entfremde, oder
auch, daß sie, nachdem sie das Geschöpf einmal hervorgebracht, sich
weder die
Selbstentfremdung noch die Selbstbefreundung habe angelegen sein
lassen. Es
bleibt also nur übrig zu sagen, daß sie es nach vollzogener Schöpfung
mit sich
selbst befreundet habe. Denn so wehrt es alles Schädliche ab und
verschafft
allem, was seiner Eigenart dienlich ist, freien Zutritt. Wenn aber
einige [sc.
die Epikureer] behaupten, die Lust sei der erste Trieb für die lebenden
Wesen,
so weisen sie [sc. die Stoiker] dies als falsch nach.[12] Denn wenn es überhaupt eine
Lust gibt,
so sei sie, sagen sie, nur eine Folgeerscheinung, die dann eintritt,
wenn die
Natur nach Aufsuchen des ihr Gemäßen in den Besitz des für ihren
Bestand
Erwünschten gekommen sei. Das ist, was den lebenden Wesen die heitere
Stimmung
und den Pflanzen das fröhliche Wachstum bringt. [...] Da aber den
Vernünftigen
die Vernunft zu vollkommener Führung verliehen sei, so sei das
vernunftgemäße
Leben die richtige Entwicklung des naturgemäßen Lebens; denn die
Vernunft wird
zur eigentlichen Bildnerin des Triebes.“[13]
Ein
weiterer wichtiger Referenztext der Sorgestruktur des menschlichen
Daseins ist
Senecas Brief 121 der Epistulae morales ad Lucilium. Der Mensch
habe ein
Selbstbewußtsein, „constitutionis suae sensum“, nicht in expliziter
Erkenntnis,
sondern als unmittelbares Bewußtsein, und verfüge bei allem
Lebenswechsel über
Selbstidentität, „ego tamen idem sum.“ Die Selbstsorge begleite seine
Existenz:
„Primum sibi ipsum conciliatur animal; debet enim aliquid esse, ad quod
alia
referantur. Voluptatem peto, cui? Mihi: ergo mei curam ago. Si omnia
propter curam mei facio, ante omnia est cura mei.“[14]
In diesem
vorgängigen
Selbstbewußtsein und der Selbstsorge sind die einzelnen Lebensakte
fundiert.
Es
gibt jedoch eine tiefgreifende Änderung der stoischen Vorlage. Es wurde
schon
angedeutet, dass Locke „pleasure and pain“ nicht mehr normativ an die
gesunde
Selbstbefindlichkeit des fühlenden Wesens anbindet, sondern es offen
läßt,
woher das Selbstgefühl mit seiner Lust und Unlust sich rekrutiert. Das
bedeutet
aber, daß Locke nicht mehr polemisch gegen die epikureische
Lust-Akkumulations-Theorie
argumentieren kann, im Gegenteil: Er importiert den Epikureismus in die
Selbstkonstitution des denkenden, fühlenden und sich sorgenden Ich. Ich
bin
nicht mehr wie in der Stoa primär um das Echogefühl meiner gesunden
Selbstbefindlichkeit besorgt, sondern kümmere mich um „pain and
pleasure“ als
solche, woher sie auch kommen. Die mentale Selbstanalyse führt dazu,
daß die
Lust als faktisches Lebensziel fungiert und die drohende Unlust mich zu
Vermeidungsstrategien nötigt, ob diese Unlust mich jetzt vor meiner
Haustür
erwartet oder, nach glaubwürdigen Autoritäten, in der Hölle des
Jüngsten
Gerichts mit der Lockung und Drohung von „infinite pain and pleasure“.
(II 21,
36-39)[15]
5. Das Gericht
Jetzt
fehlt noch ein Element, das spezifisch christlich und neuzeitlich ist
und
seinerseits erst die Etablierung von persönlicher Identität bei Locke
ermöglicht. Dieses Theoriestück ist das mit Straf- oder Lohnandrohung
begleitete staatliche oder auch göttliche Gesetz mit einer
gerichtlichen
Instanz: Ohne ein konstantes Gesetz, das für die Handlungen der sich
konstituierenden
Person Folgen in Form von Lohn und Strafe androht und nach einem
Gerichtsurteil
auch wirklich vollzieht, kommt das Ich nicht zustande. Erst auf Grund
dieser
Komponente kann Locke vom Begriff der persönlichen Identität sagen, es
handle
sich um einen „Forensick Term appropriating Actions and their Merit;
and so
belongs to intelligent Agents capable of a Law, and Happiness and
Misery.“ (II
27, 26) Zur Konstitution persönlicher Identität reichen also weder das
rein
kognitive Selbstbewusstsein noch die Sorge um das affektiv besetzte
Selbst hin.
Ohne die Einbettung in eine konstante, die Einzelperson übergreifende
Gesetzlichkeit gibt es keine persönliche Identität. „In this personal
Identity is founded all the Right and Justice of Reward or Punishment;
Happiness and Misery, being that, for which every one is concerned for
himself,
not mattering what becomes of any Substance, not joined to, or affected
with
that consciousness.“ (II 27, 18)
Wenn
der Mensch zwar affektive Zustände hat und sich um sich selbst sorgt,
sich für
sich selbst und seinen affektiven Zustand interessiert, dann ist also
des
weiteren zur Ausbildung einer persönlichen Identität die Beziehung auf
eine
Gesetzgebung nötig, die Handlungen befiehlt, erlaubt oder verbietet und
mit der
Ausführung Lohn und Strafe, also „pain and pleasure“ verbindet. Fehlt
eine
derartige Gesetzgebung oder wechselt sie, so dass das heute Verbotene
morgen
belohnt, das heute Erlaubte oder Gebotene morgen verboten wird, kann
ich mein
Handeln nicht mit einem konstant zu erwartenden Affektzustand verbinden
und
keine Identität der Person mit einer konstanten Einheit der Erkenntnis,
des
Fühlens und des Wollens ausbilden. Es gibt keine Person und persönliche
Identität
ohne Gesetz und Gericht, das ist die These, die ganz im Einklang mit
dem
„Second Treatise of Government“ steht. Dort untersteht der Mensch als
Person im
Naturzustand ausschließlich dem Naturgesetz und der göttlichen
Gerichtsbarkeit,
im Zivilzustand dagegen zusätzlich der staatlichen Gesetzgebung und
Justiz,
während der Essay analog mit den irdischen und den göttlichen
Gesetzen
und ihrer jeweiligen Gerichtsbarkeit rechnet.
Diese
der Person jeweils übergeordnete Gerichtsbarkeit ist also eine
Bedingung ihrer
Identitätsbildung und kohärenten Verantwortbarkeit ihrer Handlungen.
Negativ
formuliert: Wenn der Mensch unter rein naturalen Bedingungen für sein
Glück
sorgt, dann bleibt er ein in sich zerrissenes, den jeweiligen
Augenblickserwartungen unterworfenes Naturwesen, dem es verwehrt ist,
den
Sprung vom biologischen Menschen zur sittlichen Person zu tun.[16]
Erst
die komplexe Konstellation also von Bewusstsein, Selbstsorge mit Lust
und
Unlust, der Gesetzlichkeit und einer Gerichtsbarkeit ergibt die
Möglichkeit und
die Wirklichkeit einer sich mit sich selbst identifizierenden und also
sich
selbst konstituierenden verantwortlichen Person. Lockes endgültige
Formulierung findet sich in folgender Passage: “Person, as I take it,
is the
name for this self. Where-ever a Man finds, what he calls himself,
there I
think another may say is the same Person. It is a Forensick Term
appropriating
Actions and their Merit; and so belongs to intelligent Agents capable
of a Law,
and Happiness and Misery. This personality extends it self beyond
present
Existence to what is past, only by consciousness, whereby it comes
concerned
and accountable, owns and imputes to it self past Actions, just upon
the same
ground, and for the same reason, that it does the present. All which is
founded
in a concern for Happiness the unavoidable concomitant of
consciousness, that
which is conscious of Pleasure and Pain, desiring, that that self, that
is
conscious, should be happy. And therefore whatever past Actions it
cannot
reconcile or appropriate to that present self by consciousness, it can
be no
more concerned in, [...].“ (II
27, 26)
Der
letzte Satz zielt auf die Erbsündenlehre des Testaments; wir
können, so
die These von Locke, keine Sünden anderer Personen erben, sondern
müssen sie
selbst begehen. Wir jetzigen Menschen können nicht verantwortlich sein
für
Handlungen Adams und Evas, deren wir uns nicht als unserer Handlungen
erinnern
können. Die persönliche Identität, die als „Forensick Term“
charakterisiert
wird, erstreckt sich nur auf die identische Person, die sich ihre
eigenen
Taten, aber keine eindeutig fremden, nämlich die unserer Urahnen,
zuschreiben
kann. Mit dieser These ist der christliche Erlösungsgedanke
sozinianisch
gekappt: Es gibt für uns keine Erbsünde, und Christus braucht uns
entsprechend
von dieser Sünde, die wir uns nicht zuschreiben können, nicht zu
erlösen. In
der politischen Philosophie steht an der entsprechenden Stelle der
Abweis der
für uns irrwitzigen Theorie von Robert Filmer, der die
Herrschaftsansprüche der
heutigen Regenten auf angestammte Rechte aus dem Alten Testament
zurückführen will. Mit Locke stellt sich die neuzeitliche Aufklärung
mit einem
geradezu trivialen Argument gegen eine Deformation des menschlichen
Selbst- und
Schuldbewusstseins durch den christlichen Erlösungsglauben und –mythos.
Um
dieses negative Ziel des Ausschlusses von Fremdem aus meiner eigenen
Person zu
erreichen, genügt die These, dass sich meine eigene Identität nicht auf
das
erstreckt, dessen ich mir auf keine Weise als meiner selbst bewusst
werden
kann.
Aber
im Vordergrund steht die irdische Gerichtsbarkeit. Man beachte schon
bei der
näheren Bestimmung des Personbegriffs die Trennung des
Selbstbewußtseins und
der Außenbeurteilung, es hieß: „Where-ever a Man finds, what he calls
himself,
there I think another may say is the same Person.“ „Another“: Das ist
nicht
Gott, sondern ein anderer Mensch.
Das
Selbst soll, wie wir anfangs erfuhren, „capable of a Law“ sein. Was
bedeutet
das gegenüber der normfreien Selbstanalyse als eines sich um sich
selbst und
sein Glück bewußt sorgenden Lebewesens? Es ist sicher dieses: Lust und
Unlust
begleiten die eigenen Handlungen und Unterlassungen nicht nur in Form
natürlicher Wirkungen, sondern auch in Form der Erwartung von Lohn und
Strafe,
die mit den gesetzlichen Normen verbunden sind. In der ersten Ebene
wird das
unkluge Verhalten unmittelbar durch natürliche Sanktionen belegt;
ernähre ich
mich falsch, trage ich selbst den Schaden davon. In der zweiten Ebene
muß ich
in Kenntnis des Gesetzes antizipieren, wie es um meinen affektiven
Zustand
bestellt sein wird, wenn mich die im Gesetz angekündigte Strafe (oder
der Lohn)
ereilt. Zur naturalen Lust-Unlust-Verteilung: “As to my self,
I think GOD has given me assurance enough of the Existence of Things
without
me: since by their different application, I can produce in my self both
Pleasure and Pain, which is one great Concernment of my present state.“
(IV 11, 3) Der
Realitätsbeweis der
Außenwelt wird also über die Sorge um meinen Lust-Unlust-Pegel in
Abhängigkeit
von etwas, was ich nicht selbst bin, geführt! Zur
gesetzesabhängigen Glückssorge heißt es z. B. bei der Erörterung
unserer
Gotteserkenntnis: “Nor can we justly complain of our Ignorance in this
great
Point, since he has so plentifully provided us with the means to
discover, and
know him, so far as it is necessary to the end of our Being, and the
great
concernment of our Happiness.“ (IV 10, 1) Wir
können, so meint Locke, problemlos die von Gott erlassenen Gesetze
erkennen und
unser Verhalten auf kluge Weise so einrichten, daß wir auch im Jenseits
mit
einem maximalen Lustgewinn rechnen können. Aber dasselbe gilt für die
Gesetze
der bürgerlichen Gesellschaft; auch sie verkünden die mit ihnen
verbundenen
künstlichen Sanktionen von „pain and pleasure“ und ermöglichen es, die
Folgen
meines Handelns nicht auf der naturalen und religiösen, sondern der
durch
Konventionen geschaffenen Ebene zu antizipieren und entsprechend mit
Lust-Schmerz-Kalkül zu handeln. Robinson hat es nur mit den Gesetzen
der ersten
und zweiten Art zu tun, der normale Bürger eines Staats darüber hinaus
mit den
positiven Gesetzen des jeweiligen Landes und mit den Regeln der
öffentlichen
Meinung.
Für
den Menschen, nicht den Bürger, ist die Erwartung des Jüngsten Gerichts
essentiell und identitätsbildend; für Locke ist die moralische
Sicherung der
Bürger als Menschen so wichtig, dass er die Atheisten aus dem
Toleranzbereich
des Staats ausschließt.[17]
Die
Lockesche Theorie der persönlichen Identität setzt sich also aus vielen
Komponenten zusammen und ist ohne die Berücksichtigung ihrer Beziehung
zur Stoa
und zum Epikureismus und ohne Einbeziehung ihrer juridischen Dimension
nicht zu
begreifen. Das reine Bewusstsein ist eine Falle, die einen einfachen
Zugang
verspricht und im Debakel endet.
Wir
haben es einerseits mit einer affektiv besetzten Selbstbeziehung zu
tun,
andererseits ist das Ich mit seiner persönlichen Identität als Mensch
und
Bürger integriert in eine doppelte Gesetzgebung. Diese göttliche und
staatliche
Gesetzgebung kann sich in der Lockeschen Moral- und Rechtstheorie nicht
mehr
mit einem bloßen äußerlichen Subsumtionsakt von Handlungen unter ein
Gesetz
begnügen, sondern hat es mit einer Person zu tun, die sich selbst „from
within“
dazu qualifiziert, verurteilt oder freigesprochen zu werden. Die
Ausbildung von
persönlicher Identität ist also nur möglich in einem institutionell
gefassten
Raum der Öffentlichkeit. Hiervon hat die Rezeptionsgeschichte bislang
abgelenkt,
sofern sie sich nur auf das Denkbewußtsein kaprizierte. Dadurch wurde
ausgeblendet, dass die Theorie der persönlichen Identität eine
politische
Dimension hat: Der Mensch bestimmt sich selbst in seiner Identität und
läßt
sich nicht durch Metaphysiker im Dienst von Thron und Altar
dekretieren, wer er
ist, ohne es selbst zu wissen.
Es
folgen jetzt drei Nachträge.
7. Sind Tiere nicht um sich
selbst
besorgt?
Die
für die Realisierung der Selbstidentität essentielle Selbstsorge
entnimmt Locke
der stoischen Tradition, in der unter dem Stichwort der „cura“ eben
diese
unabdingbare Komponente verhandelt wird. Aber dort heißt es nicht, der
Mensch,
sondern jedes Lebewesen sei um sich selbst besorgt, es nehme an sich
selbst
durch seine eigene Natur ein Interesse.[18]
Diese Sorge um sich kann sich auf zwei Ebenen unseres Dasein beziehen,
die
naturale und die rein seelische. In der naturalen Ebene teilen wir bei
den
Stoikern die Selbstsorge um unser leibliches Wohlergehen und Glück mit
den
Tieren, können sie jedoch auch auf nur menschliche Bereiche etwa der
Sorge um
den Seelenfrieden erweitern. Die erweiterte Sorge um unser menschliches
Selbst
betrifft auch unser Nachleben nach dem Tod, so weit es von den Stoikern
eingeräumt wird.
Nun
fällt bei Locke auf, dass das „concern“ nur bei Personen konstatiert
wird,
nicht aber bei Tieren. Und wir stellen mit Erstaunen fest, dass die
Identität
des Menschen als eines nur biologischen Lebewesens dieselbe Kontinuität
des
Lebens ist, über die auch eine Eiche verfügt. An ihr exemplifiziert
Locke
ausführlich die identitätsstiftende Organisation, zu der Lebewesen über
die Anhäufung
von Materie hinaus in der Lage sind (II 27, 3-4). „The Case is not so
much
different in Brutes“, das ist die einzige Bemerkung, die den Tieren
gewidmet
ist. (II 27, 5) Aber verfügen nicht Tiere über eine Selbstsorge, die
von der
bloßen Organisationskraft der Pflanzen unterschieden ist? Fühlen sie
nicht Lust
und Schmerz wie der Mensch? Locke scheint ein gewissermaßen
strategisches
Interesse daran zu haben, die Tiere aus seiner Theorie auszuschließen.
Über den
Grund kann man nur Vermutungen anstellen wie etwa die folgende, die auf
die
Spur des Cartesianismus führt. Descartes gewann in den Meditationen
den
archimedischen Punkt einer gewissen Erkenntnis durch die These, dass
der
Zweifel selbst zweifelimmun ist; er verschlingt sich nicht, sondern
setzt sich als
ein „fundamentum inconcussum“ voraus. Der Zweifel aber ist ein Akt der
„cogitatio“, die bei einer näheren Introspektion noch folgende
Kompetenzen
unter sich begreift: „Sed quid igitur sum? Res cogitans. Quid
est hoc? Nempe dubitans, intelligens, affirmans, negans, volens,
nolens,
imaginans quoque, et sentiens.’’[19]
Die
Einbildungskraft und das
Gefühl sind somit Domänen des Denkens und können den Tieren, die über
keine
Denkfähigkeit verfügen, nicht mehr zukommen; Tiere unterscheiden sich
damit so
wenig wie die Pflanzen von komplizierten Maschinen. Hier schreitet
Locke ein,
indem er den Pflanzen und in deren Gefolge auch den Tieren ein inneres
Lebens-
und Organisationsprinzip zuspricht; aber so wenig wie Descartes
untersucht er
die psychischen Kompetenzen der Tiere für sich. Ohne viel Federlesen
wird ihnen
das Bewusstsein und Selbstbewusstsein abgesprochen auf der simplen
Grundlage
ihrer erwiesenen Unfähigkeit zu denken. Die positive
Lehre des Essay setzte mit der Feststellung ein: „Every Man
being
conscious to himself, That he thinks [...].“ Damit wird faktisch wie bei
Descartes das Bewußtsein für den
Menschen reserviert und wird nicht den bloßen Perzeptionen zugebilligt,
zu
denen die Tiere im Unterschied zu den Pflanzen fähig sind. (II 9,
11-15) So
verhindert die Bewußtseinskomponente in der persönlichen Identität, daß
die
Selbstsorge zunächst nach stoischem Vorbild auch auf das animalische
Leben
allgemein bezogen wird und dann erst eine nähere Bestimmung beim
einzigen
denkfähigen Lebewesen, dem Menschen, erfährt. Wenn Locke annimmt, dass
die
Gefühle von Lust und Schmerz selbstredend nur als bewusste möglich sind
und
diese Gefühle auch Tieren zusprechen muß, dann muß er ihnen auch eine
niedere
Form von Selbstsein „from within“ gewähren.
7. Kritik
Leibniz wirft John
Locke vor, er
setze eine substantielle Identität voraus, wenn er sich ihrer bewusst
werden
könne, also sei sein Versuch, die Identität ohne Rekurs auf eine
Seelensubstanz
zu begründen, gescheitert.[20]
Leibniz nimmt innerhalb des Kommentars der Nouveaux Essais an
der
Selbstkonstitution eines identitätsfähigen Wesens und an der
Einblendung des
„capable of a Law“ in die Selbstkonstitution der Person kein Interesse.
Um die
grundsätzliche Blickrichtung zu verstehen, aus der das Desinteresse
resultiert,
muß sich der Leser vergegenwärtigen, daß Locke und Leibniz von
diametral
entgegen gesetzten Punkten ausgehen. Lockes Essay ist ein
Traktat des
Selbstbewußtseins; er will dieses Bewußtsein aus der Binnenperspektive
der
Person begreifen, das Selbst aus dem Selbst, und er läßt sich den
Menschen und
Bürger aus eigenen Kräften rekrutieren. Locke ist Republikaner, und er
ist ein
zu gründlicher Philosoph, um diesen politisch-rechtlichen
Republikanismus nicht
in einem so zentralen Punkt wie dem der persönlichen Identität zu
artikulieren.
Leibniz ist dagegen Absolutist; er hat umgekehrt sogleich das schon
fertige
System im ganzen vor Augen, in dem wir nach dem on-dit dieses Systems
irgendwo
lokalisiert sind, ohne daß wir es vor und außerhalb der Leibnizschen
Philosophie wußten. Locke kann gegen Leibniz einwenden, er selbst, John
Locke
oder auch sein Diener und sein Schneider, kämen im System nicht vor
(wie
Kierkegaard gegen Hegel sagen wird) und damit sei es widerlegt. Leibniz
wirft
Locke umgekehrt vor, er könne den Wahrheitsanspruch seiner Schrift mit
den
Mitteln, die er offeriere, nicht rechtfertigen; er verbleibe immer nur
in den
„vérités de fait“, aber damit lasse sich keine Philosophie der
notwendigen
Wahrheit begründen. Locke und Leibniz können einander vorwerfen, sie
verstünden
sich selbst nicht und a fortiori auch nicht die Gegenposition. Das
System
besagt, daß Lockes „Every man [...]“ (II, 1, 1) eine substanzielle
Einheit in
der unendlichen Vielfalt der monadologischen Substanzen sei; jede
Substanz sei
dadurch individuiert, daß sie das Ganze aus einer bestimmten
Perspektive
wahrnehme. Während nun dieser philosophische Gedanke selbst allgemeiner
und
objektiver Natur sei, sei die positionierte Individualwahrnehmung
privater
Natur und an die Erscheinungsform von Raum und Zeit gebunden. Während
Lockes
Selbstbewußtsein sich selbst als irrtumsimmun annimmt, also als letzte
und
höchste, souveräne Wahrheitsinstanz, spricht Leibniz ihm nur einen
niederen
Grad von Gewißheit und Erkenntnis zu. Ich kann mich, so Leibniz
implizit,
selbst im Selbstbewußtsein täuschen; andere Personen wissen u. U. mehr
über
mein früheres Tun und Lassen als ich selbst. Der Fels, auf dem Locke
sein home
und sein castle erbaut, ist Treibsand, denn über die Festigkeit des
Platzes
entscheidet nach Leibniz nicht das illusionsanfällige Selbstgefühl,
sondern der
metaphysische Fachmann. Die Metaphysik hat ihre Erkenntnis apriori und
weiß um
die objektive Natur der Dinge, ihre „connaissance“ ist „physique et
reelle“;
das Selbstwissen dagegen ist „apparente et morale“[21]
Das Wort „moralisch“ hat
wie das Wort „conscience“ eine epistemische und eine praktische
Bedeutung, im
letzteren Fall: „Bewußtsein“ und „Gewissen“.
Die
zweite Kritikform setzt nicht beim Mangel der vorgängigen
Substanzialität des
Ich an, auf die sich das Ich erkennend zu beziehen habe, sondern bei
einem
Mangel in der Identitätsrelation, der Beziehung des Bewusstseins auf
vergangene
Akte des Selbst. Ein besonders schönes Beispiel ist der Fall eines
Menschen,
der sich in t3 einer bestimmten Tat im Zeitpunkt t2 erinnern kann und
so die
persönliche Identität bis t2 konstituiert; in t2 jedoch konnte sich die
Person
an bestimmte Ereignisse der Kindheit in t1 erinnern, die der Person in
t3 nicht
mehr bewusst sind – gehören sie zur identischen Person oder nicht?[22]
Diese
letztere Frage läßt sich m. E. innerhalb der Lockeschen Theorie nicht
beantworten.
7. David Hume und Immanuel
Kant als Nachfolger Lockes
David Hume, neben Kant der wichtigste
Locke-Erbe,
bestreitet im 1. Buch
seines Treatise of Human Nature
(1739) das Gegebensein eines „ich“ im bloß epistemischen Bewußtsein:
“For my
part, when I enter most intimately into what I call myself, I
always
stumble on some particular perception or other, of heat or cold, light
or
shade, love or hatred, pain or pleasure. I never catch myself
at any
time without a perception, and never can observe any thing but the
perception.
When my perceptions are remov´d for any time, as by sound sleep; so
long am I
insensible of myself, and may truly be said not to exist. […] I may
venture to
affirm of the rest of mankind, that they are nothing but a bundle or
collection
of different perceptions, which succeed each other with an
inconceivable
rapidity, and are in a perpetual flux and movement.”[23]
Und dann folgt die Rettung des Ich: “[...] we must distinguish betwixt
personal
identity, as it regards our thought or imagination, and as it regards
our
passions or the concern we take in ourselves.“[24]
Wenn unsere
Analyse zutrifft, kann Locke insgesamt mit Hume übereinstimmen, denn
das pure
Bewusstsein hat kein stabiles Objekt, auf das es sich beziehen könnte,
sondern
bliebe auch bei Locke ein bloßes „bundle of perceptions“. Hume setzt,
durch
Locke besser als die meisten späteren Interpreten belehrt, das Ich- und
Identitätsbewusstsein in Buch II und III des Treatise wieder in
Geltung.
Jetzt werden die Affekte und der Wille behandelt, und diese haben im
Ich den
konstanten Punkt der Referenz. Das Gefühl des Stolzes und der Demut,
der Liebe
und des Hasses sind so selbstbezogen und ich-verankert wie mein Wille;
sie
entspringen der Sorge um mein Wohlergehen und den Affekten von Lust und
Schmerz, dieses Selbst aber, entblößt von unseren „passions or the
concern“,
entzieht sich jeder Erkennbarkeit, weil es für sich nicht existent ist.
Bei
Kant erfahren wir wenig über den Problembereich „persönliche
Identität“; es
gibt nur hin und wieder Verweise auf diesen Komplex, jedoch kein
gesondertes
Kapitel oder gar eine eigenständige Publikation. Ich will eine
Unterscheidung
aus der Spätzeit aufgreifen, weil sie Licht auf die Intention von Locke
wirft.
Kant unterscheidet zwischen psychologischer und eigentlich persönlicher
Identität. In der „Einleitung in die Metaphysik der Sitten“ heißt es: „Person
ist dasjenige Subject, dessen Handlung einer Zurechnung fähig
ist. Die moralische
Persönlichkeit ist also nichts anders, als die Freiheit eines
vernünftigen
Wesens unter moralischen Gesetzen (die psychologische aber bloß das
Vermögen,
sich der Identität seiner selbst in den verschiedenen Zuständen seines
Daseins
bewusst zu werden), [...].“[25]
Die psychologische Identität kommt den Menschen (und vielleicht
irgendwelchen
Dämonen wie den fiktiven Teufeln aus dem Ewigen Frieden[26])
als vernünftigen Wesen zu; die moralische betrifft sie als
Vernunftwesen, denn
nur die letzteren sind zurechnungsfähig.[27]
Für Kant ist es essentiell, dass es zwischen vernünftigen Wesen mit
einer nach
neuerer Diktion nur technischen, instrumentellen Vernunft und dem
moralischen
Vernunftwesen keinen Übergang gibt. Eben dies ist jedoch Lockes
Meinung, dessen
Philosophie Kant verschiedentlich als inkonsequent bezeichnet und dabei
besonders an die empiristisch gewonnene Theologie gedacht hat;[28]
er würde jedoch in der Konzeption der persönlichen Identität denselben
Mangel
monieren, dass Locke empirisch-psychologisch mit dem Phänomen des
Selbstbewusstseins und der nur psychologischen Identität anhebt und
dann
hinüber gleitet zum Soll der Moralität, für die der Mensch als
Vernunftwesen
verantwortlich ist. Kant könnte gegen Locke einwenden, dass dieser zwar
von der
persönlichen Identität als einem forensischen Begriff spreche, aber
nicht zeige
(und nicht zeigen könne), woher die verpflichtende Kraft des Gesetzes
komme –
warum soll ich mich ihm unterwerfen? Hier ist Locke noch theologischer
und
vielleicht auch politischer Absolutist, sein Mensch und Bürger kennt
keine
Autonomie im Kantischen Sinn, sondern richtet sein Handeln letztlich
nach
Lustgewinn und Schmerzvermeidung. Die theologiefreie Begründung der
Moralität
bei Kant führt zu einer anderen Beurteilung der Toleranzfrage, als wir
sie bei
Locke fanden: „Ein Fürst, der es
seiner nicht unwürdig findet, zu sagen, dass er es für Pflicht
halte, in Religionsdingen den Menschen nichts
vorzuschreiben, sondern ihnen darin volle Freiheit zu lassen, der also
selbst
den hochmüthigen Namen der Toleranz von
sich ablehnt, ist selbst aufgeklärt […].“ (VIII 40,28-31) Locke dagegen
gelangte auf Grund seiner sensualistischen und theonomen Moral zu der
Konsequenz: „Those are not at all to be tolerated who deny the being of
God.“[29]
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[1] Die folgenden Ausführungen bringen Korrekturen und Ergänzungen zu Gäbe 1976, Brandt 1988, 2003 und besonders 2005. Der Essay Concerning Human Understanding wird in der Ausgabe von P. H. Nidditch, Oxford 1975 mit Buch-, Kapitel- und Paragraphenangabe zitiert.
[2] Vgl. Descartes 1964-76, VII 27 – Meditationes de prima philosophia II.
[3] Vgl. Thiel 1998, 873-876.
[4] Thiel 1998, 872.
[5] Vgl. Thiel 1983, 175-201 und Thiel 2001, 85-88.
[6] Thiel 1998, 880.
[7] Die Identität des „Man“ (nicht des „whole Man“ II, 1, 11) ist die seines Körpers; die Identität ist hierbei durch die auch von außen wahrnehmbare Lebenslinie gewährleistet.
[8] Vgl. Jaeschke 1995.
[9] Locke 1998, 183-261. Der Untertitel „L´invention de la conscience“ ist wohl einer durch Foucault angeregten Mode geschuldet, denn dass die Antike das Phänomen des Gewissens und des Bewusstseins kannte, ist ein Faktum, das man nur als Narr oder Genie bezweifeln kann. Im sonst nützlichen Glossar fehlen Einträge zu den entscheidenden Begriffen „forensick“, „law“, „right“ und „justice“. Zum Gesamttitel der Ausgabe „Identité et différence“: Die französische Übersetzung von Pierre Coste (1705) übersetzt den Titel von Locke „Identity and Diversity“ korrekt mit „Identité et diversité“ (Locke 1998, 104).
[10] Vgl. dazu und zum Folgenden ausführlich Brandt 2003.
[11] Zur stoischen Theorie der persönlichen Identität vgl. auch Kerferd 1972.
[12] Bei Diogenes Laertius wird der Titel der Schrift von Chrysipp angeführt: „Beweise zu dem Satz, daß die Lust nicht Endziel sei“, 4 Bücher (Diogenes Laertius 1967, II 107 – Leben und Meinungen VII 202).
[13] Diogenes Laertius 1967, II 47-48 – Leben und Meinungen VII 85-86. Vgl. Annas 1993, 263 ff. Für ihre Auffassung: „[...] it is illegitimate to contrast primitive instinctual self-concern with rationally developed impartial concern for others“ (271) fehlt m. E. die Textgrundlage; eine überzeugende Analyse liefert dagegen Striker 1983. – Eine einschlägige Textsammlung findet sich bei von Arnim (Hrsg.) 1964, III 43-45 – Fragmente 178-189.
[14] Seneca 1965, II 518-520 – Epistulae morales ad
Lucilium 121, 9-17.
[15] Es ist wohl auszuschließen, dass der Mythos eines Totengerichts, der sich noch bei Platon findet (vgl. Politeia 613e-621d und Gorgias 523a-527e), einen Einfluß auf Locke hatte.
[16]
Auch hier kann Locke noch
auf eine stoische Tradition der Zwei-Reiche-Lehre mit ihren zwei
Gesetzesformen
zurückgreifen. „Duas res publicas animo complectamur, alteram magnam et
vere
publicam, qua dii atque homines continentur, in qua non ad hunc angulum
respicimus aut ad illum sed terminos civitatis nostrae cum sole
metimur,
alteram cui nos adscripsit condicio nascendi; [...].“ (Seneca 1988, 200-201 – De otio 4)
[17] Locke 1966, LXII-LXIII; 94-96.
[18] Vgl. dazu ausführlich Brandt 2003.
[19] Descartes 1964, VII 28 – Meditationes de prima
philosophia II.
[20] Leibniz 1965, V 218 ff. – Nouveaux Essais
II 27, 9 ff.
[21] Leibniz 1965, V 218 – Nouveaux Essais II
27, 9.
[22] Zu diesem von George Berkeley und Thomas Reid entwickelten Problem vgl. Flew o. J., 161-162 und Allison 1977, 117-118.
[23] Hume 1896, 252 – A Treatise of Human Nature
I 4, 6.
[24] Hume 1896, 253 – A Treatise of Human Nature
I 4, 6.
[25] Kant 1900 ff., VI 223,24-29. Diese Bestimmung des
Personbegriffs ist Kant in der 1. Auflage der Kritik der
reinen Vernunft (1781; A 361-366) noch fremd.
[26] Kant 1900 ff., VIII 366.
[27] Kant 1900 ff., VI 26 und 418,5-23. Die Dreiteilung von Tier, vernünftigem und Vernunftwesen ist deckungsgleich mit der Dreiteilung von möglichen Freundschaften bei Aristoteles (die der Lust, des Nutzens und des Guten an sich), s. Aristoteles, Nikomachische Ethik VIII 3. Kant schließt sich also einer längeren Tradition an, ohne dass dies unmittelbar aus dem Text sichtbar wird.
[28] Vgl. Kant 1900 ff. IV 551-552 – Kritik
der reinen Vernunft A 854-855.
[29] Locke 1966, 94.