Die Universität verliert in Carl Hermann einen Forscher von internationalem Rang und einen Lehrer, der durchdrungen war von der Aufgabe, sein umfassendes Wissen und mehr noch die von ihm selbst erarbeiteten Erkenntnisse an seine Schüler weiterzugeben. Carl Hermann entstammt sowohl väterlicher- wie mütterlicherseits bis in die Reformationszeit zurückreichenden alten Pfarrerfamilien. Er wurde am 17. 6. 1898 in Wesermünde geboren. Seine akademische Ausbildung prägte die große Forscherpersönlichkeit des Physikers Max Born, bei dem er 1923 in Göttingen promovierte, ungefähr gleichzeitig und in vielfachem Studienkontakt mit Werner Heisenberg. Das Göttingen jener Jahre gewährte in jeder Hinsicht die befruchtende Atmosphäre, die geeignet war, in einem angehenden Mathematiker Begeisterung für die theoretische Physik zu wecken. Entscheidend für die Weiterentwicklung des jungen Wissenschaftlers wurden die Assistentenjahre in Stuttgart bei P. P. Ewald, von 1925 bis 1935. Sie brachten die erste nähere Berührung mit der nach der Laue'schen Entdeckung der Röntgenstrahl-Interferenzen in mächtigem Aufschwung befindlichen Kristallstrukturforschung. In Stuttgart habilitierte er sich im Jahr 1931, und dort entstand die nach ganz neuen Gesichtspunkten hergeleitete Systematik, „Genealogie“ und Nomenklatur für die „Raumgruppen“, die 230 verschiedenen Möglichkeiten für periodische Symmetrieanordnung von Bauelementen im Raum. Diese Nomenklatur wird für alle Zeit mit seinem Namen verknüpft sein und ist jetzt bei den Strukturforschern der ganzen Welt in ausschließlichem Gebrauch. Eine weitere Frucht der Stuttgarter Jahre ist der zusammen mit Ewald initiierte „Strukturbericht“, eine heute zu einem unentbehrlichen Hilfsmittel aller sich mit dem festen Körper befassenden Wissenschaft gewordene, inzwischen zu einem vielbändigen Nachschlagewerk angewachsene Darstellung und Beschreibung aller erforschten Strukturen.
Das „Dritte Reich“ machte 1935 dem weiteren Verbleib Carl Hermanns an der Hochschule ein Ende, da sich das kompromißlose Wesen des Verstorbenen der in zunehmendem Maß den Hochschullehrern abgeforderten, „politischen Betätigung“ und dem politischen „Bekenntnis“ versagen mußte. Er nahm - wohl als erster „Theoretiker“ der Industrie - eine Stellung als Physiker bei der IG-Farbenindustrie Ludwigshafen an. Dort entstand eine seinen Namen wiederum in alle Welt tragende Veröffentlichungsreihe, zusammen mit Brill, Grimm und Peters, über den Feinbau aller kristallinen Materie und damit über die verschiedenen Arten und Möglichkeiten chemischer Bindung. Doch auch dort sollte ihn der Terror erreichen, ausgelöst allerdings durch ihn selbst, durch zwei seiner hervorstechendsten Eigenschaften, seine unbegrenzte Hilfsbereitschaft gegenüber allen Menschen und seine gelassene Furchtlosigkeit für die eigene Person: Nachdem er zahllosen jüdischen Mitbürgern Schutz vor der Deportation gewährt und vielen zur Flucht verholfen hatte, wurde er verhaftet und zu langjähriger Freiheitsstrafe verurteilt. Befreiung und Rehabilitierung brachte erst das Kriegsende.
Nach kurzem Wirken als Dozent an der TH Darmstadt erreichte ihn 1947 die Berufung unserer Universität auf den neugeschaffenen Lehrstuhl für Kristallographie, den er bis zuletzt innehatte. In dem zugleich eingerichteten Kristallographischen Institut reifte unter seiner Leitung eine Reihe von weiteren vielbeachteten Untersuchungsreihen. Im theoretischen Bereich drang das phänomenale räumliche Vorstellungsvermögen des Verstorbenen hinaus über den vertrauten dreidimensionalen Raum zu den Symmetrie-Möglichkeiten in Räumen aller Dimensionen.
Carl Hermann war ein Mensch von ganz seltener, absoluter Lauterkeit der Gesinnung, von einer kein Opfer scheuenden Güte für jedermann. Seit Jahren gehörte er dem Disziplinargericht der Universität an, und stets war er es, der für alles Versagen der Betroffenen verstehende und entschuldigende Worte, sowie Gründe für eine Milderung der Urteile suchte.
Alle Liebhabereien, die Carl Hermann betrieb, trugen einen Zug von Genialität und erweckten oft den Eindruck, als könnten sie, wenn bevorzugt, ohne weiteres zur Haupt-Berufung werden. So war er sprachlich und philologisch hochbegabt, lernte z. B. spielend innerhalb kürzester Zeiten jeweils eine ihn gerade reizende neue Sprache bis zur Konversationsreife.
Seinem humanitären Denken und seiner religiösen Überzeugung, die sich im Dritten Reich so glänzend bewährt hatten, blieb er auch nach dem Zusammenbruch treu: Bei den Quäkern und in der christlichen Friedensbewegung war er stets aktiv tätig. In ständigem Kontakt mit ihren führenden Männern, gleichgültig welcher theologischen Richtung, war ein großer Teil seines Denkens dem Ringen um die Erhaltung des Weltfriedens gewidmet.
Die Welt ist um einen bedeutenden Gelehrten und wahrhaft guten Menschen ärmer. Kollegen, Schülern, Freunden und Bekannten wird sein Andenken in hohen Ehren bleiben.
Nachruf des Rektors der Philipps-Universität, Marburg, 18.9.1961
Prof. Carl Hermann, director of the Crystallographic Institute at the University of Marburg died unexpectedly in his sleep on September 12 at the age of sixty-three. He was a pupil of Max Born and a fellow research student with Werner Heisenberg, at Göttingen. Later he became a lecturer at Stuttgart, where he and Paul Ewald initiated the Strukturberichte which (with its successor Structure Reports) gives a detailed abstract of every known crystal structure determination, and which is a valued work of reference in every modern scientific library. He also developed, with Prof. C. Mauguin, a systematic nomenclature (now known as the Hermann-Mauguin notation) for the 230 space groups, from which the symmetry can be derived at a glance; and he travelled widely in the early 1930's, gathering material for the two volumes of the Internationale Tabellen zur Bestimmung von Kristallstrukturen.
Hermann and his wife Eva were guests in my home at the time when the National Socialist party doubled its strength in the General Election of June 1932, which later brought Hitler to power; and I can well remember their dismay, for they realized even then what would follow. Later, Carl Hermann refused to conform to the political conditions imposed on academic staff and he took a position as physicist at the I.G. Farbenwerke at Ludwigshafen, where he continued crystallographic research of high quality on the nature of chemical bonds and on symmetry in n-dimensional space. He and his wife were imprisoned throughout much of the Second World War for their increasing activities in hiding and helping innumerable Jews to escape from the terrors of Nazi persecution. Only his eminence as a scientist and the intervention of his friends saved him from the carrying out of a death sentence; but these years left their mark on him.
In 1947 he was appointed to the new chair of crystallography in the University of Marburg and he threw himself with great energy into the teaching of the subject and into the building-up of an active research school. But he also gave much of his time to the work of the Society of Friends, of which he and his wife were members, and to efforts to promote international understanding. His presence at conferences was the more valued because of his great gift for languages; if a new language interested him, he learnt it.
The statement put out by the Rector and Senate of the University of Marburg says of him: "Carl Hermann was a man of absolute integrity, and of kindness to others which had no limit. For many years he was a member of the Disciplinary Court of the University and it was always he who tried to understand and to excuse the defendant . . .".
He is not likely to be forgotten, for he has left many friends.
Nachruf von Kathleen Lonsdale in Nature 192, 1961
| Mathematische Kristallographie in Marburg | Elke Koch | Werner Fischer |
Stand: Mai 2001