Danziger Naturforschende Gesellschaft

Geschichte der Danziger Naturforschenden Gesellschaft
Peter Letkemann: Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, Berlin

 
Die Naturforschende Gesellschaft ist nicht aus wilder Wurzel entstanden oder etwa das Werk einiger nach Profilierung strebender Müßiggänger gewesen. Um zumindest mit wenigen Sätzen das geistige Umfeld bei ihrem Entstehen charakterisieren zu können, sollen einige Bemerkungen zur allgemeinen Situation der damaligen Zeit im Hinblick auf die neuen gesellschaftlichen Interessen und die Tradition der "Gelehrtenrepubliken" vorangestellt werden, die ohne größere Einschränkung auch auf die Stadt Danzig zutreffen. 

Die Bildung von Iiterarischen, patriotischen und gelehrten Gesellschaften ist eine Begleiterscheinung der europäischen Aufklärung und zugleich Ausdruck des Emanzipationsprozesses vor allem im Bürgertum. In keinem anderen Zeitalter spielte literarische, philologische und allgemeingelehrte Beschäftigung und Auseinandersetzung eine so stark emanzipatorische Rolle wie im 18. Jahrhundert. Schon in der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts hatte sich angesichts des Aufschwungs der modernen Naturwissenschaften, der großen Entdeckungen in Mathematik, Mechanik und Astronomie sowie der neuen Erkenntnisse des Natur- und des Völkerrechts diese Entwicklung bereits nachhaltig bemerkbar gemacht. Ihre Resultate und deren Verbreitung blieben nicht einem abgeschlossenen, elitär - wissenschaftlichen Kreis vorbehalten, sondern wurden zum Diskussionsstoff - auch experimenteller Art - einer neuen sozialen Schicht, des allmählich wachsenden gebildeten Mittelstandes bürgerlichen Zuschnitts. 

Dieser Prozeß ging ohnehin recht langsam vor sich; ihm haftete nichts Aufregendes, ja Revolutionäres an, weshalb die etablierten Mächte sich auch nicht etwa mit Gewalt dagegen zu wehren gehabt hätten. Erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts geriet er zu einer "sozialen" Kraft, die die bisherige Welt unter die Gebote von Moral und Vernunft stellen wollte und dies schließlich auch erreicht hat, nicht ohne zugleich eine generelle Verschiebung des Wertesystems zu bewirken.

Dieser Emanzipationsprozeß vollzog sich über die Bildung, also über ein geistiges Gut. Für die Vermittlung bedurfte es auch neuer Kommunikationsformen, und hierzu gehörten in erster Linie die bewußten Gesellschaften und Sozietäten. Neben die älteren, zumeist literarisch ausgerichteten Freundschaftskreise traten bald gelehrte, naturphilosophisch bzw. naturwissenschaftlich orientierte Vereinigungen. Ihr Aufstieg - um das gleichfalls auf eine knappe Formel zu bringen - war eine Antwort sowohl auf das Verharren der offiziellen Universitätslehre in einem traditionellen, vielfach noch aristotelischen Wissenschaftsverständnis, das sich den neuen experimentellen Verfahren, Methoden und Instrumentarien verschloß, als auch auf die soziale Abschließung der Gelehrten in gleichsam ständischen Korporationen, in denen Neuerungen nicht akzeptiert wurden und die nicht akademisch ausgebildete, d.h. außerhalb von Universitäten wirkende Gelehrte, nicht anerkannten. Die neuen Anforderungen und Interessen verlangten neue Organisationsformen, die sich ein selbstbewußtes und sich von obrigkeitlicher Bevormundung lösendes Bürgertum auch schuf. 

Werfen wir nun den Blick auf Danzig, so ist zunächst festzuhalten, daß der politische und wirtschaftliche Niedergang der Stadt im 18. Jahrhundert sich auch ungünstig auf das Geistesschaffen ausgewirkt hatte. Besonders auf künstlerischem Gebiet fanden die großen Leistungen des 16. und 17. Jahrhunderts keine Fortsetzung. Es entsprach aber der mehr realistischen Geisteshaltung der Danziger Bürgerschaft, daß die Rechts-, Geschichts- und Naturwissenschaften ihre kontinuierliche Pflege erfuhren; Namen wie Michael Christoph Hanow (1695-1773), Gottfried Lengnich (1689-1774), Johann Jacob Mascov (1689-1761) mit seiner "Geschichte der Teutschen" oder die bahnbrechenden Neuerungen eines Daniel Gabriel Fahrenheit (1686-1736) bürgten dafür, daß auch an der Weichsel das Zeitalter der Aufklärung nicht spurlos vorüberschritt. Bei dem gebildeten Publikum suchte man daneben mit moralischen Wochenschriften, literarischen Vereinen und Geselligkeitszirkeln Verständnis für klassisches Schrifttum, Philosophie und Theologie, vor allem aber für die deutsche Sprache zu wecken. Diesen Unternehmungen war jedoch allesamt keine Dauer beschieden. 

Nur die Naturwissenschaften konnten mit der Begründung der "Naturforschenden Gesellschaft" im Jahr 1743 - zugleich eine der ältesten im deutschen Sprachraum - gleichsam einen festen Stützpunkt errichten, der für die folgenden zwei Jahrhunderte Bestand haben sollte. Bereits 1670 hatte der Arzt und Naturforscher Israel Conradi (1634-1715) den erfolglosen Versuch unternommen, eine Forschungsvereinigung in Danzig zu gründen. Im Jahr 1720 folgten ihm einige Gelehrte und riefen eine "Societas literaria" zusammen, in der sie ,,curieuse Materien aus der Historie, Jurisprudenz, Moral, Physik, Mathematik, Literatur und anderen Wissenschaften" behandeln wollten, doch nach wenigen Jahren löste sich das Unternehmen wieder auf. Erst im dritten Anlauf gab es einen dauerhaften Erfolg. Hauptinitiator war der Privatgelehrte Daniel Gralath (1708-1767), dem es gelang, im November 1742 eine Reihe gelehrter Männer seiner Vaterstadt für die Errichtung einer naturforschenden Gesellschaft zu gewinnen. Er schlug eine "Societas physicae experimentalis" vor (so der ursprüngliche, "gelehrte" Name der Gesellschaft), mit der Absicht, in einer größeren Gemeinschaft wissenschaftliche Versuche zu veranstalten, die dem einzelnen wegen der hohen Kosten für Apparate und Material versagt waren. Die Wissenschaft von der Reibungselektrizität stand damals in Blüte und hatte auch Gralath in ihren Bann gezogen, was sicher nicht ohne Einfluß auf den Sozietätsgedanken gewesen sein mag. Gralath selber war ein wohlhabender Kaufmannssohn, der nach Studien in Halle und Marburg, wo er sich dem bekannten Naturphilosophen und Mathematiker Christian Wolff angeschlossen hatte, seinen wissenschaftlichen Neigungen leben konnte; er wurde später Ratsherr und Bürgermeister und war mit der Tochter des Stadtsekretärs Jacob Theodor Klein (1685-1759) verheiratet, eines ebenfalls hochgeachteten Naturforschers, der mit dem Beinamen "Gedanensium Plinius" geehrt wurde. 

Nachdem bis Jahresende 1742 weitere Mitglieder geworben, ein Lokal gefunden, die ersten Apparate beschafft und die Statuten entworfen waren, fand am 2. Januar 1743 die konstituierende Sitzung statt, auf der neun Persönlichkeiten die ,,Naturforschende Gesellschaft zu Danzig", wie sie von Anfang an hieß, aus der Taufe hoben; im Laufe des Jahres traten fünf weitere hinzu. Nach der Satzung blieb die Zahl der ordentlichen Mitglieder auf 20 beschränkt. Sie erwuchsen aus den geistig führenden Kreisen der Stadt:  Professoren des Akademischen Gymnasiums, Ärzte, Geistliche, Juristen, Privatgelehrte und städtische Beamte. Das Ziel der Gesellschaft bestand vorrangig in der Beschäftigung mit der Experimentalphysik in der Form, daß zunächst die von anderen angestellten Versuche, die z.B. in den Schriften der konkurrierenden gelehrten Vereine beschrieben waren, nachvollzogen und auf ihre Richtigkeit geprüft werden sollten. Dabei galt es als selbstverständlich, diese Versuche zu verbessern und zu erweitern, um zu neuen Erkenntnissen zu gelangen. Die Themen waren außerordentlich vielfältig; es wurden in den Anfangsjahren Experimente durchgeführt u.a. zur Veränderung der Barometerhöhe durch Standortwechsel, zur Eichung von Waagen, zur Lichtbeugung, zum Salzgehalt der Ostsee sowie allgemein aus den Bereichen Mechanik, Meteorologie, Thermik und Arzneimittelkunde. Auch fanden in größerem Umfang Tierversuche statt. Von den Arbeiten gaben die sehr genauen Protokolle und die Abhandlungen der Sektionsleiter ("Operatoren") Auskunft. 

Als spiritus rector war Daniel Gralath zugleich einer der eifrigsten und erfolgreichsten Experimentatoren der Gesellschaft. Seine Verdienste in der Elektrizitätslehre bestanden in der Verbesserung der sog. Leidener Flasche und in Grundlagenforschungen zum Messen und Speichern der elektrischen Kraft. Zur Übernahme des Direktorats fand er sich nur einmal bereit (1755), und bezeichnend war das Thema seiner Antrittsrede: "Über die Beteiligung der Herren, welche in Danzig das Regiment geführt haben, an wissenschaftlichen Bestrebungen." In die Gesellschaft wurden nur akademisch Gebildete aufgenommen, und hohe Eintrittsgelder und laufende Jahresbeiträge lieferten die zu den Experimenten nötigen Finanzmittel. Die seit 1747 vorgenommene Publikation der wissenschaftlichen Arbeiten verursachte gleichfalls hohe Kosten, so daß die Vereinigung häufig in Geldnöte geriet und sich 1755 sogar an einer Brüsseler Lotterie (erfolglos) beteiligte. Im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts setzte ein Verfall ein, der methodisch bedingt war: Zuviel Aufwand bei den Versuchen, geringe Beteiligung, Mangel an herausragenden Köpfen und eine Verlagerung der Themen bereiteten der Gesellschaft erhebliche Schwierigkeiten. Gelegentlich nahm man Zuflucht zu spektakulären Dingen, z.B. die Präsentation anormaler Personen, eine Staroperation oder der Aufstieg eines Heißluftballons 1784 nach dem Vorbild der Pariser Brüder Montgolfier. Dagegen stießen die ständig vermehrten Sammlungen auf reges Publikumsinteresse. 

Die politisch unruhigen Zeiten vor und nach 1800 gingen denn auch an der Naturforschenden Gesellschaft nicht spurlos vorüber. Trotz Erneuerung der Statuten und Vermehrung des Personals blieben sowohl die Resonanz beim (wissenschaftlichen) Publikum als auch der Arbeitseifer der Forscher gering; wenigstens die neuesten Entdeckungen wurden vorgetragen. Im Jahre 1812 geriet die Lage so aussichtslos, daß der damalige Vorsitzende Dr. Kleefeld die Auflösung der Gesellschaft beantragte, doch lehnten die wenigen opferwilligen Mitglieder dieses Ansinnen ab. In jener Zeit hatte sich bereits ein neues Arbeitsgebiet - ohnehin mit großer Tradition in Danzig - aufgetan: die Astronomie. Zwar fanden schon im vorigen Jahrhundert astronomische Beobachtungen statt, die dann von dem aus Konitz stammenden Arzt und Naturwissenschaftler Nathanael von Wolf (1724-1784) systematisiert und, nachdem dieser auf dem Bischofsberg oberhalb Danzigs auf eigene Kosten eine Sternwarte hatte bauen lassen, entscheidend vorangebracht worden waren. Wolf vermachte die Sternwarte der Naturforschenden Gesellschaft zusammen mit einer ansehnlichen Stiftung zu ihrem Unterhalt. 1813 fiel sie den Kriegsereignissen zum Opfer. Die recht veralteten Mitglieds- und Arbeitsstrukturen ließen die Gesellschaft nur schwer den Anschluß an die neue Zeit finden. Nach 1815 schaffte man das Eintrittsgeld ab und zog dadurch viele tüchtige Gelehrte neu heran, konnte aber den Nimbus hoher Wissenschaftlichkeit nicht ablegen, der das Gremium der breiten Öffentlichkeit entfremdete. 

Erst als die Stadt Danzig sich auf ihre früheren fruchtbaren Beziehungen zur Gesellschaft besann, trat ein Wandel ein. Der neue, selbstbewußte Oberbürgermeister Leopold von Winter setzte 1862 eine Statutenänderung durch, wonach fortan jeder interessierte Bewohner Danzigs als Mitglied zugelassen war und die Gesellschaft jetzt die oberste Zweckbestimmung erhielt, "die Naturwissenschaften nach allen Richtungen hin und unter besonderer Berücksichtigung der Verhältnisse der Provinz zu fördern und zur Erweiterung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse unter den Bewohnern der Provinz beizutragen" - der bisher eng geschlossene Kreis trat aus dem Schatten elitärer Gelehrsamkeit und öffnete sich dem Publikum. Die Zahl der Mitglieder schnellte von 46 auf 382 (1882) und erreichte vor dem Ersten Weltkrieg mit 417 einheimischen und 142 auswärtigen einen vorläufigen Höchststand. Bereits 1845 hatte die Gesellschaft ihren Sitz in dem hochaufragenden Renaissancebau an der Mottlau neben dem Frauentor genommen, auf dessen Turm später eine Drehkuppel errichtet wurde. Dieses Gebäude verlieh dem weltbekannten Panorama der Danziger "Langen Brücke" einen besonderen Akzent. In der langen Liste der in- und ausländischen Gäste muß der Name Alexander von Humboldts genannt sein, der im September 1840, den neuen preußischen König Friedrich Wilhelm IV. auf dessen Huldigungsreise nach Königsberg begleitend, in Danzig als Gast der Vereinigung weilte und mit der Ehrenmitgliedschaft ausgezeichnet wurde. 

An seinem 100. Geburtstag 1869 stiftete die Gesellschaft ein Humboldt-Stipendium zur Unterstützung naturwissenschaftlicher Arbeiten, insbesondere zur Förderung des Nachwuchses. Diese "Gelehrtenrepublik" erfuhr dann mit der Errichtung der Technischen Hochschule im Jahre 1904 einen weiteren Aufschwung. Die Naturforschende Gesellschaft half für diese wichtige Institution den Boden bereiten, deren Forscherarbeit nun eine ideale Ergänzung darstellte und als Fortsetzung des ursprünglichen Zwecks der Gesellschaft anzusehen war. Ihre kostbare Bibliothek hatte, gleichsam als ein Zeichen dieser Idealverbindung, in den 20er Jahren in der TH Aufnahme gefunden, während die umfangreichen naturkundlichen Sammlungen bereits zuvor dem 1879 begründeten Westpreußischen Provinzial-Museum übergeben worden und ins Grüne Tor zurückgekehrt waren. 

Die eigenen wissenschaftlichen Leistungen finden sich festgehalten in der langen Reihe der bereits 1747 einsetzenden Schriften und Einzelwerke und künden von der intensiven Beschäftigung mit fast allen Erscheinungen der Natur, des Lebens und der geistigen Evolution. Kurz nach dem 200. Stiftungsfest endete mit der Zerstörung Danzigs 1945 das so erfolgreiche Wirken dieser mit dem Geistesleben der Stadt untrennbar verbundenen Körperschaft. Viele unschätzbare Werte gingen dabei verloren. Das zerstörte Haus am Mottlau-Ufer wurde nach Kriegsende wieder aufgebaut und beherbergt heute das Danziger Archäologische Museum.