Beschreibung des Projekts

RALF LAGING

Die Konzeption des Modellversuchs

Vorbemerkung

Der Modellversuch "Schule als Bewegungsraum" wird vom Institut für Sportwissenschaft (Strukturbereich Sportpädagogik/Sportdidaktik) der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg mit Unterstützung des Kultusministeriums Sachsen-Anhalt durchgeführt. Mit Beginn des Schuljahres 1998/1999 wurde die Umsetzung der vorausgegangene Konzeptionsarbeit an vier Schulen begonnen. Bis Ende 1999 haben die Schulen an der Umsetzung der entwickelten schuleigenen Konzeption einer bewegten Schule gearbeitet. Im Jahr 2000 erfolgt die Konsolidierung der bewährten Elemente einer bewegten Schule für eine dauerhafte Etablierung. Im folgenden wird nun die übergreifende Konzeption für den Modellversuch vorgestellt, die Ausgangspunkt für die Entwicklung der schuleigenen Profile gewesen ist. Sie dient gleichzeitig als Folie für Eigenentwicklungen interessierter Schulen. In den Folgebeiträgen der einzelnen Schulen werden die jeweils entwickelten Arbeitsschwerpunkte vorgestellt.

1 Ausgangslage: Gesellschaftlicher Wandel und Schulentwicklung

Die Schule befindet sich in einer Umbruchsituation. Sie soll autonomer werden und sich je ein eigenes spezifisches pädagogisches Profil geben. Diese an die Schulen herangetragene Anforderung ist eingebunden in einen gesellschaftlichen Wandlungsprozeß, der auf der einen Seite durch knapper werdende finanzielle Ressourcen bei gleichzeitig steigendem Bedarf an Modernisierung der Schule durch materielle und personelle Erneuerung gekennzeichnet ist und auf der anderen Seite sich dadurch auszeichnet, daß sich die Bedingungen des Aufwachsens für Kinder und Jugendliche verändert haben: durch neue Lebensverhältnisse, durch sich wandelnde Lebensstile, durch eine Pluralisierung der Jugendkultur in einer auf Erlebnis und Risiko basierenden Gesellschaft bei gleichzeitiger Suche nach Orientierung. Der Lebensalltag ist mehr und mehr mit Technik und visualisierter Informationsübermittlung durchzogen. Die über Bewegung, Spiel und Sport und mit dem eigenen Körper vermittelten originären Erfahrungen von Kindern und Jugendlichen nehmen vor diesem Hintergrund scheinbar mehr und mehr ab. Auch die Schule kann sich diesem gesellschaftlichen Trend kaum entziehen - sie muß sich mit dem Wandel auseinander setzen. Der offensichtlich unumgängliche Entwicklungsprozeß in die technologische Informationsgesellschaft kann nicht ohne Folgen für die Lebens- und Bewegungswelt, auch nicht im Hinblick auf Gesundheit und Wohlbefinden der Menschen bleiben. Der Wandel der Lebens-, Bewegungs- und Sportwelt in den vergangenen 40 Jahren zeigt Tendenzen zur "Verhäuslichung", zur "Verinselung" aber auch zur "Versportlichung" des Kinderspiels, ohne daß bereits das "Draußen-Spielen" gänzlich dabei verschwunden wäre, ja teilweise lebt es als neue "Asphaltkultur" (Wopp 1991) wieder auf (im Überblick Schmidt 1998, 67 ff, 115 ff; Hasenberg/Zinnecker 1996, Fuhs 1996). Nach allen derzeitigen Interpretationen werden diese Tendenzen und Entwicklungslinien mitverantwortlich für den Bewegungsmangel und daraus folgend für die Gesundheit, vor allem im Hinblick auf das Herz-Kreislaufsystem, die körperliche Haltung und Geschicklichkeit sowie Auffälligkeiten im Lernverhalten gemacht. Bewegung gewinnt innerhalb dieser Debatte eine wichtige Aufgabe.

Die öffentliche und wissenschaftliche Diskussion über Schule in den letzten Jahren kreist daher immer wieder um Problemfelder wie "Aggression und Gewalt", "Bewegung und Gesundheit", "Schulkultur und Schulklima", "Unruhe und Unkonzentriertheit", "Unfall und Sicherheit". In allen Problemfeldern sind Lösungsvorschläge mit der Einsicht verbunden, ganzheitlich-sinnliche Erfahrungen sowohl als Kompensation als auch als Gegenwelt zum elektronisierten Alltag stärken zu wollen. Dabei kommt dem körperlichen und bewegungsbezogenen Umgang mit sich, den anderen und den schulischen Aufgaben eine Schlüsselfunktion zu.

Die Bedeutung von Bewegung soll in diesem Zusammenhang in dreierlei Hinsicht in die Gestaltung von Schule und Unterricht einfließen: Zum ersten soll die Förderung des Bewegungslebens in der Schule zur Verbesserung des Schulklimas dienen: Schule soll zu einem Lebensort werden, an dem sich Kinder und Jugendliche gern aufhalten und Möglichkeiten für Aktivitäten und Selbstgestaltung finden können. Mit der Bewegungsaktivierung ist ein zweiter wesentlicher Punkt verbunden, der die Mitte der drei hier erwähnten Aspekte bildet: die Gesundheitsförderung. In allen Konzepten zur Gesundheitsförderung spielt Bewegung eine wesentliche Rolle, wobei mitbedacht werden muß, daß Bewegung allein noch nicht eine gute Gesundheit hervorbringt. Dazu gehören eine gesunde Ernährung ebenso wie entwicklungsfördernde Lebensbedingungen oder ein bewältigbarer Umgang mit psychischen Belastungen. Zum dritten wissen wir heute, daß sich das Unfallrisiko durch mehr Bewegung minimieren läßt. Durch vielfältige Bewegungsaktivitäten können Kinder und Jugendliche zu einem geschickten Umgang mit dem eigenen Körper geführt werden.

Die dominierende Praxis der sitzenden und verkopften Aneignung des Lernstoffs muß durch ein gesundheitsförderndes und bewegteres Schulleben erneuert werden. Die körperdisziplinierende Schule bedarf einer Überführung in eine bewegte Schulkultur und ist in diesem Sinne als Bewegungsraum zu verstehen. Sie muß daran interessiert sein, Kompetenzen zum selbsttätigen und selbstorganisierten Bewegen durch die Öffnung von Schule und Unterricht für mehr eigenverantwortete Bewegungsmöglichkeiten zu vermitteln. Viele Schulen sind auf dem Weg, eigene Profile in Richtung Gesundheit und Bewegung zu entwickeln. Allerdings scheint es einerseits ungeheuer schwierig zu sein, die häufig vorfindbare mangelnde Infrastruktur der Bewegungsräume so zu verbessern, daß schnell ein anregender Bewegungsort entstehen kann. Andererseits werden bereits vorhandene Freiräume einer Schule für selbständige Bewegungsaktivitäten und mögliche Bewegungsangebote nur unzureichend genutzt. Dies ist umso bedauerlicher, je mehr die Klagen über Bewegungsmangel, Gesundheitsstörungen, Verletzungsgefahr durch Ungeschicklichkeit und Unruhe der Kinder und Jugendlichen im Unterricht zunehmen.

Der Schule ist hier im Hinblick auf die Bewegungsaktivitäten eine neue Aufgabe zugewachsen, die sie allein nicht mehr über den klassischen (Sport-) Unterricht lösen kann. Die Schule selbst braucht ein neues Profil mit mehr Freiräumen, um die anstehenden Fragen und Probleme lösen zu können. Schule als Bewegungsraum ist eine Antwort auf die neuen Herausforderungen, die darin besteht, der Reduktion des Körpers entgegenzuwirken und mehr Erfahrung über den Körper durch Bewegung, Spiel und Sport zu ermöglichen. Eine Schule, die auch den leiblichen Bildungsauftrag ernst nimmt, muß weit über die Kompensation von Defiziten hinausgehen. Bewegung, Spiel und Sport in der Schule beinhalten deshalb mehr als die unterrichtliche Vermittlung von Bewegungskönnen. Wichtiger wird die generelle Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Realität im Hinblick auf das Bewegungsleben von Kindern und Jugendlichen, auch mit Blick auf in der Zukunft liegende physische und psychische Beanspruchungen. Das aktive Bewegungsleben von Kindern und Jugendlichen beginnt sich neu zu strukturieren und mit veränderten Formen auf die gesellschaftlichen Herausforderungen zu antworten, wie wir dies etwa an Kursen zu Körperthemen und an den neuen Sportarten und der neuen Bewegungspraxis ablesen können.

Die aus dieser Sicht zu geringe Präsenz von Bewegung im Schulalltag verweist auf längst noch nicht hinreichend erkannte Folgeprobleme, vor allem in gesundheitlicher Hinsicht, aber auch für das Lernen im engeren Sinne und für die gesellschaftliche Erfahrungsaneignung generell.

Mit der Einrichtung eines Modellversuchs soll die Umbruchsituation der Schule dafür genutzt werden, ein zukunftsweisendes Schulkonzept auch aus der Sicht einer Bewegungserziehung zu entwickeln. Die Konzentration auf den "Bewegungsaspekt" soll damit die schulkonzeptionelle Diskussion um eine wesentliche Perspektive erweitern.

Der Modellversuch findet an Sekundarschulen statt. Insgesamt nehmen vier Schulen (drei Sekundarschulen, darunter eine Ganztagsschule und eine Schule für Lernbehinderte) aus dem Schulamtsbezirk Magdeburg teil.

In den Schulen des Modellversuchs wird die vorhandene Ausstattung mit Bewegungsgeräten und -materialien aus Projektmitteln in der Weise erweitert, daß das Anliegen einer Schule als Bewegungsraum realisiert werden kann. Weiterhin wird die intensive Mitarbeit des Schulkollegiums vorausgesetzt. Dafür ist für die Koordination jeweils eine Entlastungsstunde in der Unterrichtsverpflichtung pro beteiligter Schule vorgesehen. Gleichzeitig wird über die Universität wissenschaftliche Unterstützung in Form von Beratung und Begleitung für die Modellschulen geleistet.

2 Ziele und Schwerpunkte des Modellversuchs

Der Modellversuch konzentriert sich auf ausgewählte Schwerpunkte aus der engen Verbindung von Bewegung und Schulentwicklung. So gibt es einige prägnante Themen der Schulentwicklung, die zwingend eine Berücksichtigung von Bewegungsanteilen erforderlich machen, oder deren Ausgangspunkt und Kern in der Bewegungsförderung liegen. Dazu gehören die Themen "Gesundheit", "Schulleben/Schulklima" und "Unfallprophylaxe". Alle drei Themen sind eng miteinander verknüpft. Das sich in allen drei Themen spiegelnde Gesundheitsverständnis zielt auf ein physisches, psychisches und soziales Wohlbefinden.

Zur Gesundheit gehört insbesondere auch der Schutz vor Unfällen, der durch eine Bewegungsaktivierung erreicht werden kann, denn ein vielseitiges Bewegungsleben und eine anregungsreiche Umgebung fördern die Wahrnehmungsfähigkeit und Bewegungssicherheit.

Wieviel Bewegungs- und Wahrnehmungsmöglichkeiten sich für Schülerinnen und Schüler innerhalb der Schule entwickeln, hängt weitgehend vom gestalteten Schulleben ab. Die sich dabei entwickelnde "Bewegungskultur" einer Schule ist maßgeblich an dem Zustandekommen eines positiven Schulklimas beteiligt. In den Begriffen Schulklima, Schulleben und Schulkultur drückt sich das Atmosphärische einer Schule aus. Wird Schule als Bewegungsraum verstanden, so wird deutlich, daß dieser soziale Raum auch eine Bewegungsperspektive hat. Die je spezifische Konfiguration des Raumes ermöglicht oder verhindert eine lebendige und bewegte Schule und damit ein über Bewegung beeinflußtes Schulklima.

Die hier ausgewählten Themen "Gesundheit", "Schulleben" und "Sicherheit" müssen in ihrem inhaltlichen Zusammenhang gesehen werden. Der verbindende und für das Projekt leitende Gedanke ist der Bewegungsaspekt, aus dem heraus Schule als Bewegungsraum erscheint. Mögliche Verknüpfungen zu anderen Aspekten (Ernährung, Gesprächskultur, Aufklärung, Medienkultur ...) bleiben hier ausgeblendet, wären aber im Prinzip ebenfalls zu thematisieren. Im folgenden werden die drei gewählten Schwerpunkte in ihrer inhaltlichen Auslegung dargestellt (vgl. Abb. 1).

Abb 1: Schwerpunkte im Modellversuch "Schule als Bewegungsraum"

2.1 Bewegungsorientierte Gesundheitsförderung

Das Verständnis von Gesundheit umfaßt heute körperliches, psychisches und soziales Wohlbefinden. Gesundheit ist zudem ein dynamischer Prozeß. In der Gesundheitsförderung wird dementsprechend von einem engen Zusammenwirken psychischer, sozial-ökologischer und körperlich-physiologischer Prozesse ausgegangen. Die je subjektive Sicht der eigenen ganzheitlich erlebten Gesundheit ist in diesem Verständnis eine bedeutende Größe der gesundheitlichen Förderung. So muß ein von Erwachsenen oder Dritten diagnostiziertes mangelndes Bewegungsverhalten von den Jugendlichen selbst gar nicht als Defizit wahrgenommen werden. Vielmehr ist gesundheitsrelevantes Verhalten in einer im Kontext unterschiedlicher Lebenslagen und Lebensphasen variierenden Funktionalität zu betrachten. Demnach dient auch ein aus unserer Sicht gesundheitsabträgliches Verhalten "der subjektiv befriedigenden Bewältigung von Aufgaben und Aufforderungen, die im Jugendalter eng mit dem Prozeß der Individuation und Integration, also Sozialisation, verbunden ist" (Palentien/Hurrelmann 1995, 193). Hinter diesem Verständnis von Gesundheit steht die Auffassung, daß sich gesundheitsrelevantes Verhalten in der Auseinandersetzung mit den entwicklungsbedingten Anforderungen ausbildet, die sich für Kinder und Jugendliche als mehr oder weniger große Belastungsfaktoren zeigen.

Ein gesundheitsunterstützendes und angemessenes Bewegungsverhalten muß im Kontext dieser komplexen entwicklungsbedingen Anforderungen gesehen werden. Zu viel oder zu wenig Bewegung ist also jeweils individuell als subjektiv befriedigende und funktionelle Bewältigungsstrategie zu betrachten. Dieser komplexen Betrachtungsweise müssen schulische Lösungsansätze gerecht werden. Einseitige Bewegungsübungsangebote aus rein objektiv notwendiger Erwachsenensicht sind dabei ebenso falsch wie Verdrängung des Problems in den außerschulischen Bereich. Gefordert wird der Verzicht auf eine Orientierung an Krankheiten, an Abschreckung und an Risikofaktoren zugunsten der Erlebnisse und Lebensfreude von Kindern und Jugendlichen unter Einbeziehung alltäglicher Lebensstile und lebensweltlicher Konzepte. Statt um Risikofaktoren sollte es um die Schutzfaktoren gehen, also um die Frage, was Menschen gesund bleiben läßt, obwohl sie einer Vielzahl von Risikofaktoren ausgesetzt sind. Dieses im salutogenetische Modell von Antonovsky (1979) ausgeführte Verständnis sucht nach den Fähigkeiten zum Ausbalancieren von Belastungen (vgl. hierzu Brodtmann 1998).

Die Frage nach einer regelmäßigen und angemessen dosierten Bewegung gewinnt im Rahmen eines schulpädagogischen Konzepts zwar dadurch an Bedeutung, weil der Mangel an Bewegung zu den Hauptursachen der sogenannten Zivilisationskrankheiten, wie "Regulationsstörungen des Herz-Kreislaufsystems, Arteriosklerose, Koronarinsuffizienz, Einschränkungen des Bewegungsapparates und funktionelle Organschwächen" (Palentien/Hurrelmann 1995, 191; mit Bezug auf Mellerowicz/Dürrwächter 1985) zählt. Das schulische Ziel kann jedoch nicht die Behebung dieser Zivilisationskrankheiten sein, sondern die Förderung der Bewegungspotentiale eines jeden Schülers/einer jeden Schülerin. Daher sollte Schule sich zu einer bewegungsfreudigen Schule wandeln, ohne daß dieser Prozeß direkt als gesundheitsfördernde Maßnahme für Kinder und Jugendliche etikettiert wird. Vielmehr sind die Gesundheitspotentiale der bewegungsbezogenen Aktivitäten dadurch zu stärken, daß das Sich-Bewegen gefördert wird. Bewegung stellt für Kinder und Jugendliche eine der bedeutendsten Aktivitätsformen im Rahmen ihrer Freizeitgestaltung dar. Nicht eine Gesundheitsförderung, sondern eine Bewegungsförderung durch eine Ausweitung des Aktivitätsspektrums, der Angebotsformen und der Einbettung in den gesamten Schulalltag trägt daher zur gesundheitlichen Prävention bei. Damit wird auch dem neueren schulischen Verständnis von Gesundheitsförderung entsprochen, das nicht von einem Fach "Gesundheit" ausgeht, sondern von einem Prinzip, das alle Fächer einbezieht (Priebe/Israel/Hurrelmann 1993; Küpper/Kottmann 1991; Kottmann/Küpper 1996). Dies widerspricht nicht der Möglichkeit, auch im Sportunterricht und im außerunterrichtlichen Schulsport trainingsorientierte Fitneßangebote zu verfolgen - sie sind aber nur Teil einer umfassenden Bewegungsförderung zur Stützung der Gesundheit.

2.2 Bewegung im Schulleben - bewegte Schulkultur

Wenn der Wandel von Schule beschrieben wird, dann ist dies oft mit dem Begriff "Kultur", "Schulleben" oder "Profil" einer einzelnen Schule verbunden. Wir treffen auf Aktivitäten, die eher am Rande des klassischen Unterrichtens liegen. Es werden Fahrradwerkstätten, Kanufreizeiten, Schulgärten, Theaterwochen und Schülercafes unterstützt oder das Schulgelände neu gestaltet. Frei bewegliche Spielgeräte wie Rollbretter, Schläger, Bälle, Seile, Stelzen, Reifen stehen zur Verfügung, fest installierte Basketballkörbe oder Korbballständer ermöglichen Spielaktivitäten, Entsiegelungen und Anpflanzungen strukturieren das Gelände neu.

Dahinter steht die Vorstellung, daß jede Schule ihr eigenes unverwechselbares Profil erreichen soll, mit dem sich LehrerInnen, SchülerInnen und Eltern identifizieren können und mit dem die Schule in ihrer Nachbarschaft als Teil des kulturellen Lebens wahrgenommen wird oder gar ein Teil des kulturellen Nachbarschaftslebens in der Schule selbst stattfindet. Dieser Wandlungsprozeß läßt sich verstehen als ein Wechsel der Perspektive von der Schulstruktur zur Schulkultur.

Die "kulturelle Wende" der Pädagogik (Liebau 1992, 142) ist nun im Kontext der Auseinandersetzung mit den Modernisierungsfolgen in der Lebenswelt heutiger Kinder und Jugendlicher zu sehen. Schule wird zunehmend zu einem Ort kultureller Begegnung und Auseinandersetzung mit dem Anderen des Anderen. Multikulturalität, Pluralisierung der Lebensformen, Technisierung der Fortbewegung und Elektronisierung der Informationsbearbeitung bestimmen zunehmend den Schulalltag. Eine pädagogische Kultur schulischen Lebens muß nun versuchen, Differenzen aus dem Alltag im integrativen Verständnis einer Schule fruchtbar werden zu lassen.

Fauser (1989) schlägt nun für den hier gemeinten Zusammenhang das folgende Verständnis von pädagogischer Kultur vor. "Der Begriff der pädagogischen Kultur will hervorheben, daß Schule mehr ist als eine anstaltsförmige Bündelung oder Addition voneinander unabhängiger Funktionen und Angebote. Solche Funktionen werden vielmehr als Aspekte eines praktischen Gesamtzusammenhangs und seiner rationalen Qualität betrachtet. Dieser Zusammenhang ist es, der die pädagogische Kultur einer Schule ausmacht und den Kontext bildet, in dem einzelne Funktionen und Aspekte ihren Sinn erst gewinnen" (Fauser 1989, 7). Diese pädagogische Auslegung versteht Kultur als Ausdruck gemeinsam gestalteter und mit Sinn versehener Praktiken und geteilter Symbole. Kultur ist in diesem Sinne ein vermittelnder Begriff: in sie wird nicht nur eingeführt, sondern sie entsteht durch den Umgang mit dem Bestehenden immer wieder neu. Hierdurch erlangt Kultur etwas Wesentliches, nämlich Gestaltung.

Das Schulleben hängt also weitgehend von seiner Gestaltung ab. Gefordert ist in dem Zusammenhang einer "Bewegten Schule" eine Ausweitung des Bewegungslebens in der Schule. Sich über Bewegung auszudrücken, sich in der Bewegung zu erproben, sich über Bewegung darzustellen und sich im bewegten Miteinander zu erleben sind wesentliche Möglichkeiten zur Gestaltung des Schullebens. Körperlichkeit und Bewegung sollen in der ansonsten verkopften Schule stärker zur Geltung kommen. Bewegung wird somit zum bedeutenden Teil einer pädagogisch orientierten Schulkultur. Insofern wird es für eine Schule zunehmend wichtiger, das eigene Profil dadurch zu bilden, daß Schulhöfe umgestaltet werden, neue Aktivitätszonen im Schulgebäude entstehen, Feste auch den Charakter von Bewegungsfesten erhalten und der Unterricht im Klassenraum bewegter wird. Gerade letzteres verlangt eine Veränderung unserer Unterrichtsauffassung. Die gängige Ausstattung mit Möbeln und die vorhandene Sitzordnung ist zu hinterfragen. Bewegt wird ein Unterricht nur, wenn die SchülerInnen aufstehen und sich bewegen dürfen (vgl. Laging 1995, 1997).

Solche "Belebungsversuche" (Rumpf 1987) sind bisher noch nicht flächendeckend auszumachen. Zur Realisierung muß jede einzelne Schule mit den vorhandenen Ressourcen das Bewegungsleben als Teil der Schulkultur anregen. Jede Schule hat durch Kollegium, Eltern und SchülerInnen ein Potential, mit dem die Schule in Bewegung gebracht werden kann. Sie ist immer eingebettet in ein spezifisches kulturelles Umfeld des Stadtteils oder der Gemeinde, sie hat spezifische räumliche/bauliche und landschaftliche Gegebenheiten, die zur Entwicklung einer bewegten Schulkultur herangezogen werden müssen. Zudem braucht jede Schule auf dem Weg zur autonomen Schule ein Schulkonzept, das für Bewegung, Spiel und Sport ausreichend Raum und Zeit vorsieht.

2.3 Bewegung und Sicherheit

Bewegung, Spiel und Sport fördern auf vielfältige Weise die motorische Geschicklichkeit, die Kraft und die Ausdauer. Über Bewegung gewinnen Kinder und Jugendliche im Verlauf ihrer Entwicklung Selbständigkeit und Sicherheit im Umgang mit ihren körperlichen Möglichkeiten. Bewegung ist eine wesentliche Form der Auseinandersetzung mit der sozialen und materialen Welt.

"Wahrnehmung ist leibgebunden, und das heißt, sie wird über alle Sinne ganzheitlich erfahren und gewinnt dadurch ihre Intensität" (Baacke 1984, 133). Grundlage dafür ist die enge Beziehung von Wahrnehmen und Bewegen. Deutlich wird dieser Zusammenhang dort, wo die Möglichkeiten zur körperlichen Bewegung eingeschränkt sind. "Bewegungsbehinderte Kinder sind von Bewegungsspielen weitgehend ausgeschlossen, die einen wichtigen Beitrag leisten, für das Vorstellungs-, Gefühls-, Phantasie- und Willensleben des Kindes ..." (Baacke 1984, 136). Auf den Erkenntnischarakter von Bewegung im Zusammenhang mit der Wahrnehmung verweist auch der Entwicklungspsychologe Oerter (1989, 49): "Zum einen zeigt sich, daß Kinder zumindest im Vorschulalter ausgiebig Motorik zur Exploration von Gegenständen oder von Welt überhaupt einsetzen, ja daß motorische Erfahrungen mindestens so wichtig sind wie Bewegungsfreude auch." Oerter ist weiterhin der Meinung, daß die "Motorik diese Funktion beibehält" (1989, 49). Es geht also darum, im Zusammenspiel von Bewegung und Wahrnehmung den eigenen Körper zu erproben. Hierbei entwickeln sich auch elementare Fertigkeiten wie Balancieren, Klettern oder auch das Fallen-Können. Diese grundlegenden Bewegungsfertigkeiten werden in zahlreichen Alltagssituationen gebraucht. Eine gute Ausbildung im geschickten und wahrnehmungssensiblen Umgang mit dem Körper kommt vor allem der Unfallprophylaxe im Sport, auf dem Schulhof, im Straßenverkehr oder beim Spielen zugute. Die über Bewegung ausgebildeten Fähigkeiten und Fertigkeiten wirken wie aktive Sicherheitsfaktoren. Ein sicheres Bewegungsverhalten hat eine wesentliche Bedeutung für den Aufbau des Selbst. Seine eigenen Stärken und auch Schwächen einschätzen zu lernen, hängt weitgehend von den Möglichkeiten zur Körpererfahrung durch Bewegung ab. Zudem lernen Kinder und Jugendliche sich in bewegungsbezogenen Situationen auseinander zu setzen, Regeln auszuhandeln und einzuhalten. Bewegung, Spiel und Sport sind Lerngelegenheiten für ein verantwortungsbewußtes Handeln sich selbst und anderen gegenüber.

Durch Unfallstudien (Kunz 1993) kann gut belegt werden, daß sich durch eine bewegungsanregende und strukturierte Umgebung sowie durch eine spezielle psychomotorisch orientierte Bewegungsförderung das Unfallgeschehen in der Schule, vor allem während der Pause verringern läßt. Die große Unfallgefahr in den Pausen hängt auch mit der geforderten Körperdisziplin im Klassenunterricht zusammen. Hierdurch bedingt stürmen Kinder oft völlig unkontrolliert auf bewegungsarme Schulhöfe, um ihren Bewegungsdrang auszuleben. Zusammenstöße, Raufereien und unglückliches Hinfallen sind oft die Folgen. Der Pausenhof bekommt durch dieses Verhältnis von Unterricht und Nichtunterricht eine zu starke kompensatorische Funktion. Im Sinne einer Schule als Bewegungsraum muß daher der Anteil des bewegungsaktiven Handelns auf alle schulischen Bereiche ausgedehnt werden: auf den Unterricht im Klassenraum genauso wie auf das Schulgebäude und den Schulhof. Hier bekommt das Anliegen einer Sicherheitserziehung zur Vermeidung von Unfallrisiken eine Verbindung zu den beiden anderen Schwerpunkten: ein sicheres, häufig geübtes und erprobtes Bewegungshandeln trägt genauso zur Gesundheitsförderung bei wie umgekehrt eine Bewegungsaktivierung zur Förderung der Gesundheit das Unfallrisiko vermeiden hilft. Beides muß eingebettet sein in ein Konzept zur Bereicherung des Schullebens. Dabei geht es letztlich nicht um eine funktional orientierte Verbesserung individueller Möglichkeiten, sondern um die Schule als Ganzes, in der für die einzelnen ein Ort zum Leben entsteht. Bewegung ist ein Teil dieses schulischen Lebens und Lernens.

Diese drei Schwerpunkte gehören eng zusammen und sollen daher im Rahmen dieses Modellversuchs im Verbund realisiert werden.

3 Praktische Umsetzungsmöglichkeiten im Schulalltag

Nach den oben beschriebenen Grundlagen und Schwerpunkten geht es in diesem Modellversuch um ein Projekt zur Schulentwicklung mittels einer Stärkung von Bewegungsaktivitäten. Insofern ist auch deutlich, daß es nicht um die Ausweitung des Schulsports oder Sportunterrichts gehen kann, dies zwar auch, sondern in erster Linie um die Berücksichtigung von Bewegung in allen schulischen Aktivitätsbereichen. Der Modellversuch will Schulen anregen, auch in den Bereichen, in denen Bewegung bisher eher vermieden wird (vor allem im Klassenraum und im Schulgebäude) über eine Bewegungsaktivierung nachzudenken. So muß im Sinne einer schuleigenen bewegten Schulkonzeption überlegt werden, inwieweit Bewegung im Klassenraum oder ein Lernen mit Bewegung das unterrichtliche Anliegen fördern kann. Weiterhin ist mit dem Konzept der Bewegten Schule auch die Förderung von Bewegungsaktivitäten im Schulgebäude verbunden. Zu überlegen ist, ob sich für die Pausen in den Fluren Bewegungsnischen für Bewegungskünste (z. B. Jonglieren), Tischtennis, Billard, Zielwurfstationen, horizontales Klettern oder andere weniger großräumige Bewegungsaktivitäten einrichten lassen. Schließlich ließen sich auch dort, wo das Schulgebäude dafür Möglichkeiten bietet, gesonderte Räume für Bewegungsaktivitäten einrichten. Solche Bewegungsräume können als "Klettergarten", Entspannungsräume, Bewegungsbaustellen oder Fitnessräume gestaltet werden, die während der Pausen oder in Freistunden selbstorganisiert oder unter Anleitung von Lehrerinnen und Lehrern zu nutzen sind. Der bedeutendste Aktivitätsbereich zur Förderung von Bewegung in der Schule ist sicherlich der Schulhof, vor allem zur Gestaltung der Pausen oder auch zur Nutzung für außerschulische Nachmittagsaktivitäten. Hier lassen sich über eine Modellierung des Geländes in verschiedene Zonen (Ruhe, Sitzen, Ballspiele, Klettern, Spielplatz, Skaten ...), durch Schaffung von Hügeln, Nischen, unterschiedlichen Ebenen oder strukturierende Bepflanzungen vielfältige nebeneinander betriebene Bewegungsaktivitäten anregen. Dies kann durch entsprechend installierte Geräte oder auch durch eine Ausleihe für mobile Spiel- und Sportgeräte unterstützt werden. Parallel kann während der Pause oder auch im Nachmittagsbereich die Sporthalle oder der Sportplatz für zusätzliche Sportangebote zur selbständigen Nutzung geöffnet werden, wobei die Organisationsform und Verantwortlichkeit genau geklärt werden muß. Die Aktivitätsbereiche einer Schule als Bewegungsraum beziehen sich also neben dem Sportunterricht und Schulsport, einschließlich Arbeitsgemeinschaften, auf den Klassenraum-Unterricht, das Schulgebäude mit gesonderten Bewegungsräumen, den Schulhof für die Pausen und die Nachmittagsgestaltung sowie die offenen Sporthallen und -plätze. Diese Aktivitätsmöglichkeiten zur Förderung von Bewegung sind in der Abb. 2 noch einmal zusammenfassend dargestellt.

4 Struktur und Zeitplanung des Modellversuchs

Die Realisierung des Modellversuchs erfolgt in erster Linie als Innovationsprojekt einzelner Schulen. Über die Entwicklung eines Rahmenkonzepts und die Konkretisierung mit einzelnen Bausteinen (die im nächsten Beitrag vorgestellt werden), sollen Schulen in die Lage versetzt werden, ein innovatives bewegtes Schulprofil aufzubauen. Die Struktur des Modellversuchs ist daher so beschaffen, daß die Ausgangskonzeption mit den Bausteinen in einer ersten Annäherung in den Schulen diskutiert, konkretisiert und erprobt wird. Dieser Prozeß wirkt auf die Ausgangskonzeption im Sinne einer Modifikation zurück, diese führt dann erneut zu modifizierten praktischen Erprobungen. Dieser zirkuläre Prozeß zwischen praktischer Umsetzung und Reflexion, zwischen konzeptionellem Anspruch und realisierter Wirklichkeit sowie zwischen wissenschaftlicher Beratung der Universität und den Bemühungen der Lehrenden in der Schulpraxis soll schließlich in der Auswertung des Modellversuchs zu einem für viele Schulen praktikablen Modell einer bewegungsfreundlicheren Schule führen. Die hier vorgestellte Struktur des Modellversuchs (Abb. 3) will daher einen Innovationsprozeß in der Schule unter begleitender wissenschaftlicher Beratung fördern.

Der so angelegte Modellversuch beinhaltet keine wissenschaftliche Begleitung zur Evaluation des Konzepts. Hierfür sind die ursprünglich beantragten finanziellen Mittel nicht bereit gestellt worden. Daher muß der Modellversuch ohne wissenschaftliche Evaluation auskommen und sich auf die wissenschaftliche Beratung und den Diskurs zwischen Konzept und praktischer Umsetzung mit anschließenden Empfehlungen aus der konkreten Erfahrung heraus beschränken.

Dieser Innovationsprozeß ist für die beteiligten Schulen auf drei Jahre begrenzt, von denen etwa zwei Jahre für die konkrete praktische Umsetzung vorgesehen sind. Vorausgegangen ist die Entwicklungs- und Beantragungszeit durch die Projektmitarbeiter der Universität. Derzeit befinden wir uns mit den Schulen in der Phase der Konsolidierung der erprobten und schließlich modifizierten Elemente des Modellversuchs. Die bis zu diesem Zeitpunkt entwickelten schuleigenen Profile sind in den Beiträgen der Schulen nachzulesen. Am Ende des Schuljahres 1999/2000 beginnt die Auswertung der Erfahrung und die Entwicklung eines Praxismaterials. Der zeitliche Verlauf des Modellversuchs ist in Abb. 4 dargestellt.

Literatur

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Rumpf, H.: Belebungsversuche. Ausgrabungen gegen die Verödung dem Kultur. Weinheim 1987.

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