Die große Exkursion des
32. Wissenschaftlichen Kurses

Die diesjährige große Exkursion führte den 32. WK unter Leitung von Frau PD Dr. Menne-Haritz und Herrn Prof. Dr. Polley nach Polen. Dank der Vermittlung von Frau Dr. Irena Mamczak-Gadkowska vom Fachbereich Archivwissenschaft der Universität Posen kam ein interessantes Programm zustande, das trotz der Kürze der Zeit einen aufschlußreichen Einblick in das polnische Archiv-wesen ermöglichte.

Erste Station der Exkursion war das Staatsarchiv Posen, dessen stellvertretender Direktor, Dr. K. Stryjkowski, zunächst eine Einführung in das staatliche polnische Archivwesen gab. Es ressortiert beim Kulturministerium und wird vom Generaldirektor der nationalen Archivdirektion in Warschau geleitet. Dem Generaldirektor unterstehen drei Zentralarchive und 29 Staatsarchive in der Provinz, die für eine oder mehrere Woiwodschaften zuständig sind. Unabhängig von der Archivdirektion existieren die Archive des Außen-, Verteidigungs- und Innenministeriums sowie das Archiv des Büros des Präsidenten der polnischen Republik.

Das Staatsarchiv Posen, gegründet 1869, verwahrt ca. 11.000 lfd. m Archivalien vom 13. Jahrhundert bis heute, wovon ein großer Teil die ehemalige preußische Provinz Posen und ihre Landkreise betrifft. Auffallend war, daß Archivgut aus der preußischen Zeit durch Repertorien erschlossen ist (auch von polnischen Archivaren), während für Archivalien aus der polnischen Zeit Karteikarten verwendet werden.

An den Besuch im Staatsarchiv schloß sich eine Einladung zum Mittagessen an der Adam-Mickiewicz-Universität an, wo der Dekan und einige Professoren der Historischen Fakultät das Ausbildungsprogramm des Lehrstuhls für Archivwissenschaften vorstellten (1972 errichtet).

Die Route des zweiten Tages führte nach Gnesen und Thorn. Für die Besichtigung des Bistumsarchivs in Gnesen stand allerdings nur wenig Zeit zur Verfügung, was leider nur Platz zur Präsentation besonders wertvoller Archivalien und zur Besichtigung des Doms ließ.

Es folgte der Besuch der Nikolaus-Kopernikus-Universität in Thorn, der ältesten Ausbildungsstätte für Archivare in Polen, der Lehrstuhl wurde 1951 errichtet. Das Studium gliedert sich in ein geschichtswissenschaftliches Grund-studium und eine anschließende Spezialisierung auf das Fach Archivwissenschaft und wird mit Magistergrad abgeschlossen. Die Magisterarbeit besteht in der Verzeichnung eines Bestandes, an deren Ende ein nach wissenschaftlichen Kriterien erstelltes Findbuch mit ausführlicher Einleitung und Register steht. Zu diesem Zweck wurde an der Universität ein eigenes Verzeichnungsprogramm entwickelt, das allerdings nur von den Studenten, nicht aber von Archiven verwendet wird.

Anschließend hatten unsere Gastgeber eine Führung durch das Staatsarchiv vorgesehen, dessen Direktor eine Ausstellung der Prachtstücke seines Hauses und der Produktpalette der Restaurierungsabteilung von der Pergament- über die Siegelrestaurierung bis zur Papieranfaserung vorbereitet hatte.

Erstes Ziel des folgenden Tages war das südlich von Posen gelegene Schloß Kurnik, im 19. Jahrhundert nach Entwürfen von K. F. Schinkel für den Fürsten Tytus Dzialiynski erbaut, einen leidenschaftlichen Sammler alter Handschriften und Drucke. Schloß und Bibliothek wurden 1935 von einem seiner Nachfahren dem polnischen Staat vermacht. Seither bildet die Sammlung den Grundstock der Bibliothek der polnischen Akademie der Wissenschaften. Im Rahmen einer Führung wurden einige ausgewählte Stücke gezeigt.

Danach führte der Weg nach Zielona Gora/Grünberg, wo Direktor Prof. Dr. J. P. Majchrzak mit viel Engagement sein Haus vorstellte und eine plastische Darstellung der derzeitigen Situation des polnischen Archivwesens gab. Wie ein roter Faden durchzogen die finanziellen Probleme seine Ausführungen. Besonders forderte er eine auf gesetzlicher Grundlage beruhende Kommerzialisierung der Archive ein, um gewerblich genutzte Informationen mit entsprechenden Gebühren belegen und die Einkünfte für Anschaffungen im technischen Bereich, Maßnahmen der Konservierung und die Aufbesserung der Bezüge seiner Mitarbeiter verwenden zu können. Die Offenheit, mit der Herr Majchrzak auch auf entsprechende Nachfragen reagierte, trug sehr zur Abrundung der Eindrücke bei.

Der nächste Morgen stand im Zeichen des Besuchs der Viadrina-Universität in Frankfurt/Oder, die durch ihre intensive Zusammenarbeit mit Polen, vor allem der Universität Posen, eine besondere Stellung in der deutschen Bildungslandschaft einnimmt.

Die letzten eineinhalb Tage waren einem Symposion aus Anlaß der vierhundertjährigen archivischen Tätigkeit des Geheimen Staatsarchivs Preußischer Kulturbesitz in Berlin gewidmet. Dort wurden zwei Themenkreise behandelt: zum einen das Geheime Staatsarchiv, seine rechtliche Situation innerhalb der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, seine Baugeschichte und seine Beständestruktur, zum anderen die durch das methodische und politische Umfeld bedingten Probleme bei verschiedenen Archivalien-editionen zur preußischen Geschichte.

Trotz des umfangreichen Vortragsprogramms in Berlin sind mit der Studienreise vor allem die Eindrücke aus Polen verbunden, einem Land, dessen Archiv-wesen, sicher auch bedingt durch die sprachliche Barriere, in (West-)Europa nur wenig Beachtung findet. So war denn auch seitens unserer polnischen Gastgeber deutlich der Wunsch spürbar, die Verbindung zur Archivschule aufrecht zu erhalten und weitere Kontakte zu knüpfen.

Wolfgang Stetter

URL:http://www.uni-marburg.de/archivschule/1998-32exkurs.html
e-mail an Dr. Karsten Uhde, Stand: 13.08.1999