Die große Exkursion des |
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Ziel der Exkursion des 35. Fachhochschulkurses vom 6.-11.09. waren die Bundesländer Sachsen, Sachsen-Anhalt und Berlin, um die dortige Archivlandschaft kennenzulernen.
Kursmentor Herr Dr. Metzing hatte bereits über das Sommertrimester fleißig Kontakte geknüpft, so dass sich zahlreiche Archive unterschiedlicher Couleur bereitfanden, uns als Besucher zu empfangen. Er und Herr Zissel erwiesen sich auch während der Exkursion als kompetente Exkursionsleiter. Um bereits den Montag voll nutzen zu können, wurde eigenst der Sonntagnachmittag für die Anreise nach Leipzig geopfert. Am folgenden Morgen begann dann das Exkursionsprogramm. Erste Station war allerdings kein Archiv, sondern das seit Jahresbeginn als selbständige GmbH arbeitende Zentrum für Bucherhaltung. Besonders beeindruckend war die große, mit modernster Technik arbeitende Massenentsäuerungsanlage, die uns durch die sachkundige Führung von Herrn Otto näher gebracht wurde. Desweiteren wird bei Wasserschäden ein neuartiges Gefriertrocknungsverfahren angewandt. Das Zentrum sieht sich als moderne Dienstleistungseinrichtung und hat einen bundesweiten Kundenkreis.
Noch vor der Mittagspause erwartete uns Frau Grohmann im Staatsarchiv Leipzig, dessen Gebäude erst 1994 als moderner Archivzweckbau eingerichtet wurde und mitten in einem großen Gewerbegebiet liegt. Frau Grohmann wies auf Probleme hin, die bei dem Bau eines Archivs zu bedenken sind, und führte uns stolz ihre gelungenen Lösungen vor. Die Magazine sind allesamt mit modernsten Fahrregalanlagen ausgestattet und entsprechen weitestgehend den konservatorischen Anforderungen. Ebenfalls gelungen ist ein System der kurzen Wege vom Magazin in den Benutzersaal. Als weitere Besonderheit ist zu vermerken, dass im Staatsarchiv Leipzig auch zahlreiche Bestände des Hauptstaatsarchivs Dresden untergebracht sind, um dem dortigen Platzmangel abzuhelfen. Als weitere Besonderheit beherbergt das Staatsarchiv die Unterlagen der Deutschen Zentralstelle für Genealogie. Zum Abschluss warfen wir noch einen kurzen Blick in die Filmabteilung. Herr Gööck führte uns einen Film einer Amateurfilmergruppe aus einem ehemaligen DDR-Kombinat vor und machte einige Erläuterungen zur archivischen Bearbeitung von Filmen.
Am Nachmittag erreichten wir das Bergarchiv Freiberg. Hier zeigte sich uns so ziemlich das Gegenstück zu unserem vorigen Besuch. Das Bergarchiv, eine Außenstelle des Hauptstaatsarchivs Dresden, hat mit großen räumlichen Schwierigkeiten zu kämpfen. Auch die Lagerungsbedingungen, insbesondere der zahlreichen Karten, sind nicht optimal. Herr Dr. Grandke machte uns auf die schwierige Arbeit im Bergarchiv aufmerksam, die gewisse Spezialkenntnisse über den Bergbau erfordert. Reichen diese nicht aus, muss vor allem bei der Kartenverzeichnung oft Fachpersonal herangezogen werden. Nach einer kurzen Stadtführung zeigte uns Herr Dr. Grandke noch das Außenmagazin, ein weiteres Hindernis für einen geordneten Archivarsalltag.
Am darauffolgenden Morgen erwartete uns zunächst das Stadtarchiv Dresden. Hier führte uns Frau Schauer in Vertretung des Archivleiters Herrn Kübler durch das Gebäude. Besonderes Merkmal sind die Feuerschutzböden, die auch einen Blick auf die benachbarten Etagen ermöglichten. Die Benutzer erfahren hier eine besonders umfangreiche Betreuung, was sich auch nach dem bevorstehenden Umzug des Archivs in die ehemalige Heeresbäckerei sicher nicht ändern wird.
Nach einer kurzen Fahrt war die nächste Station das sächsische Hauptstaatsarchiv. Besonders beeindruckend war der Lesesaal mit Holzinterieur, nach Ansicht von Herrn Dr. Ludwig, der uns durch das Archiv führte, der schönste in ganz Deutschland. Im Anschluß an die Führung ergab sich eine rege Diskussion mit Frau Ullmann und Frau Bottin, zwei Absolventinnen der FH Potsdam u.a. über die unterschiedlichen Ausbildungskonzepte der FH Potsdam und der Archivschule Marburg.
Am Mittwoch früh erwarteten uns Frau Dr. Raddatz und ihre Mitarbeiterin Frau Schubert vom Landeskirchlichen Archiv Dresden, welches sich mitten in Umbaumaßnahmen befand. Der Kurs teilte sich in zwei Gruppen, damit die Führung durch das enge Magazin möglich wurde. Durch die verschieden gearteten und akzentuierten Führungen in den beiden Gruppen hinterließen diese jedoch recht unterschiedliche Eindrücke. Der Zustand des Archivs ist jedoch auf keinen Fall optimal, da die meisten Bestände bislang nur unzureichend nach archivischen Gesichtspunkten und bis zur Anstellung der beiden jetzigen Archivarinnen auch nicht von Fachkräften bearbeitet wurden.
Am frühen Nachmittag empfing uns dann Frau Ross vom Landesarchiv Oranienbaum, welches in einem barocken Schloss untergebracht ist. Frau Ross führte uns sogleich in eines der Schmuckstücke des Schlosses, den Kachelkeller. Hier erfuhren wir etwas über die Geschichte des Archivs und die seiner Bestände. Danach ging es dann in das wohl repräsentativste Zimmer des Gebäudes. Dieser mit kunstvoll verzierten Wänden ausgestattete Raum mit einem wunderbaren Blick auf den Schlossgarten dient als Ausstellungsraum für das Archiv. Aber auch die anderen Räumlichkeiten waren wegen der kunstvollen Ausgestaltung für uns sehr beeindruckend und ließen den teilweise unzureichenden archivtechnischen Zustand (u.a. schlecht zugängliche Räume und lange Wege vom Magazin zum Lesesaal) in den Hintergrund treten. Auch die Bestände selber sind durch die Anwendung abenteuerlicher Ordnungsprinzipien teilweise in einem bedauernswertem Zustand, der nur mit massivem Arbeitsaufwand beseitigt werden kann.
Am nächsten Morgen stand die Abteilung VII Filmarchiv des Bundesarchivs in Berlin auf dem Programm. Der Leiter, Herr Griep erläuterte uns die Rolle des Filmarchivs als echtes Sonderarchiv und wies insbesondere auf die zahlreichen Probleme der Filmarchivierung hin, die sich aus dem ständigen Fortschritt in der Filmtechnik, sowohl beim Filmmaterial selbst als auch bei der Übertragungstechnik, ergeben.
Die Zeit von Donnerstag nachmittag bis Freitag abend war dem archivwissenschaftlichen Kolloqium zum 400jährigen Bestehen des Geheimen Staatsarchivs Preußischer Kulturbesitz gewidmet. Das Spektrum der Vorträge reichte von juristischen Aspekten (rechtliche Legitimation des GStA) über preußische Diplomatie und Militärgeschichte, Archiv-leiterbiographien bis hin zur Archiv- und Bestandsgeschichte. Neben der Beschäftigung mit der wechselvollen Geschichte des Archivs und seiner Bestände wurden am Rande auch Fragen über die Zukunft des Archivs und seine Stellung innerhalb der Stiftung Preußischer Kulturbesitz erörtert. Dann hieß es Freitag abend gegen 18 Uhr aber doch, Abschied von der Hauptstadt zu nehmen und in Richtung Marburg aufzubrechen.
Insgesamt kann man sagen, dass die Exkursion neben dem Einblick in das Archivwesen der "neuen" Bundesländer vor allen den Kursteilnehmern westdeutscher Provenienz völlig neue Erfahrungen mit den "ostdeutschen Befindlichkeiten" vermittelt hat.
Romy Meyer, Mark Opalka, Olaf Piontek und Johannes Renz
URL:http://www.uni-marburg.de/archivschule/1998-35exkurs.html
e-mail an Dr. Karsten Uhde, Stand: 13.08.1999