Hopper-Texte

Kurzgeschichten zu Gemälden Edward Hoppers


Inhaltsverzeichnis
Seit ungefähr 80 Jahren stehe ich hier im Park und habe schon viel mitgemacht: Krieg und Frieden, heiße Sommer und bitterkalte Winter. Aber viele Tage ähneln sich halt doch. Morgends tummeln sich hier die Frühsportler, Leute, die ihre Hunde ausführen und ganz einfach diejenigen, die den Park als Abkürzung auf dem Weg zur Arbeit oder zur Schule benutzen.

Ah, dort naht die Mutter mit den Drillingen. Sie mögen mittlerweile ungefähr 3 Jahre alt sein. Da naht wieder eine Schulklasse mit Lehrer. Gleich wird er sich vor mich stellen und über Shakespear erzählen. OH, diesmal auf französisch. Das habe ich schon lange nicht mehr gehört. Schulklassen kommen oft hierher, vor allen Dingen aus anderen Städten. Überhaupt, vieles wiederholt sich hier.

Aber mich interessieren mehr die Neuigkeiten und Entwicklungen. Wie viele Kinder habe ich schon heranwachsen sehen! Das Neueste ist ein Liebespaar, das sich hier zum ersten Mal gesehen hat, und mich nun zu ihrem Treffpunkt gemacht hat. Ein wirklich schönes Paar! Bestimmt so schön wie Romeo und Julia. Manche setzen sich auf die BAnk gegenüber und zitieren laut. Dieser Shakespear war wirklich ein ganz Großer. Und ich darf ihn repräsentieren.

Mittlerweile ist es abend geworden. Die Leute gehen nach Hause. Es war ein Tag wie immer, aber auch schön wie immer... . He, was ist das? Wer haut denn so auf meinem Sockel herum? Reden diese Leute etwa über mich?

"Ich sage Ihnen, diese Statue gehört ins Museum. Durch die Abgase, Witterung und Luftverschmutzung wird sie nur ganz zerstört!" " Na hut, wie Sie meinen. Ich spreche morgen mit dem Museumsdirektor." Abgase? Witterung? Luftverschmutzung?. Davon hat noch keiner hier gesprochen. Nur Museum, das kenne ich. Und da möchte ich auf gar keinen Fall hin. Komisch, nun sind alle weg. Wenn man mal jemanden bräuchte, dann ist keiner da!



Katrin Erdmann: Die letzten Minuten

People in the Sun

Alle Plätze waren besetzt. Auch ich befand mich unter den zehn gespannt in Richtung Meer blickenden Personen. Um meine Nervousität zu verbergen, schaute ich in die Tageszeitung. Oh Gott, hinter den Hügeln, in ca. 500 Metern Entfernung bafand sich das Meer. Die Wellen umspülten tosend die Klippen. Die Schreie der Seemöven verhallten gespenstisch in der Stille. Nein, jetzt war ich so nah am Ziel, ich muß0te unheimlich hart dafür Kämpfen, ich durfte jetzt einfach nicht aufgeben. Die Angst umschloß mich wie eine Faust. Ich bemühte mich, ruhig und gleichmäßig zu atmen. Den anderen Männern und Frauen schien es genauso zu ergehen. Je näher die Stunde 0 rückte, desto mehr verzerrten sich die zuvor entspannten Mienen.

Aber wir mußten durchhalten. Sollte denn alles umsonst gewesen sein? Also widmete ich mich wieder den Schlagzeilen. Auch das noch. Ein englisches Militärboot war gestern von der IRA versenkt worden. Panische Angst stieg in mir auf. Es dauerte ja nicht mehr lange, dann ist alles vorbei, endlich vorbei.

Zwei Männer aus meiner Gruppe waren dem Druck nicht mehr gewachsen. Sie standen auf und gingen mit Tränen in den Augen davon. Die Armen, auch das würde nichts mehr nützen. Es war Ihnen zuvor doch sooft eingeprägt worden: Versagt ihr diesmal, werdet ihr bis ans Ende Eures Lebens verfolgt. Ihr werdet niemals die Möglichkeit haben, euch wie normale Menschen zu verhalten. Es ist die letzte Chance.

Jetzt war es soweit. Ein Mann erschien und führte uns in ein flaches Gebäude, in welchem wir uns umkleiden konnten. Ich nahm die Einzelheiten des Geschehens in meiner Umgebung kaum noch wahr. Wie ich den Weg zum Meer zurückgelegt habe, vermag ich nicht mehr zu sagen. Das Kommando: " Los!" dröhnte in meinen Ohren. Ich zwang mich, dem Befehl Folge zu leisten, um endlich erlöst zu werden.

Geschafft! Ich spürte ein kühles, aber nicht unangenehmes Gefühl, das meinen Körper umfing. Jetzt fiel plötzlich die Anspannung der letzten Tage, ja sogar Jahre von mir ab. Obwohl es mich viel Mühe gekostet hatte, bestand ich die Prüfung und der Psychiater bescheinigte mir, daß ich endlich von meiner Wasserphobie geheilt sei.



Melanie Becker: Heimatglück

Second Story sunlight

"Ich kann noch garnicht glauben, daß das hier alles uns gehört, Henry. Seih doch nur, die schöne Aussicht auf das Grundstück."

"Ja, Di hast wirklich Recht, einen idyllischeren Ort kann ich mir im Moment auch nicht vorstellen. Es war wirklich zuvorkommend von den Besitzern, uns diese Haus zu überlassen. Preiswerter hätten wir es garnicht haben können, denn so ein Haus auf dem Land wird heutzutage hoch gehandelt."

"Ich bin auch froh, daß alles so glatt über die Bühne ging, und die Vorbesitzer keine Probleme gemachzt haben, was die Übernahme anbetrifft."

" Noch nicht einmal neue Möbel müssen wir uns kaufen, oder Geschirr und Töpfe, alles ist hier und das, ohne einen Pfennig dazubezahlt zu haben."

" Es war wirklich ein nettes Ehepaar, doch sie waren halt doch schon ziemlich alt und hätten sich sowieso nicht mehr um diesen herrlichen Garten kümmern können. Dabei fällt mir ein: Der Rasen könnte mal wieder gemäht werden. Weißt du zufällig, wo der Rasenmäher ist?"

"Nein, das weiß ich auch nicht, aber es ist jetzt auch zu spät, die beiden zu fragen. Das hättest du dir eher überlegen sollen. Aber ich kann immer noch die Sense nehmen. Ich muß nur noch das Blut abwaschen."



Tanja Tarbiat: Ent"Täuschung"

Hoppers Selbstportait

Der Urteilsspruch stand. Mein Mandant war freigesprochen. Und ich hatte wieder einen Prozess gewonnen! Jetzt lagen erstmal zwei Wochen absolutes Nichtstun vor mir. Ausspannen war angesagt. Staatsanwalt, Richter und Presse hatten den Gerichtssaal verlassen. Ich zog langsam meinen Mantel an, setzte meinen Hut auf und unterhielt mich zufreiden mit meinem Mandanten; wir gingen die ganze Geschichte noch einmal durch, obwohl es eigentlich sinnlos war, aber es ergab sich einfach so aus unserem Gespräch. Casey, mein Mandant, hatte am 12.10.1962 gegen 19 Uhr seine Frau NAdiß angerufen, ihre Freundin konnte dies später bezeugen. Das Gespräch war nicht gerade sehr friedlich verlaufen. Casey hatte NAdiß gedroht und dann vor Wut den Hörer auf die Gabel geknallt. Nadiß brachte dies nicht aus der Ruhe, weil er ihr öfters gedroht hatte. Er war eifersüchtig, wie jeder andere MAnn, wenn seine Frau 70 % ihres Lebens mit ihrem Arzt und die anderen 30 % mit ihrem Mann verbringen würde. Nadiß war zwar seit ihrer Geburt Diabetikerin, aber das war noch lange kein Grund jeden Tag zum Arzt zu rennen. Auch dem Doktor wurde die Bezeihung zu eng, da er selbst glücklich verheiratet war Und so wollte er am Abend des tragischen Telephonats, kurzen Prozeß machen. Er fuhr zu Nadiß und versuchte es ihr schonend beizubringen, aber sie wollte garnichts davon wissen. Sie trieb ihn zur Weißglut, ... so daß er sie erdrosselte. Casey fuhr - an genau dem selben Abend - bei Nadiß vorbei, um sich bei ihr für sein schlechtes Benehmen zu entschuldigen. Später würde er von einem Nachbarn "erwischt", als er über die Leiche gebeugt dasaß. Natürlich hielten ihn alle für schuldig, aber ich, ich habe ihn schön fein rausbekommen aus dieser Sache.

"Tja", sagte Casey, " dann danke ich Ihnen nochmals. --- Und noch etwas, Sir. Nichts für ungut, aber sie hätten genau auf die Aussage des Passanten höhren sollen, der um diese Zeit seine Runden um den Block gemacht hatte. Er sagte, daß der Mann, der an Nadias Tür klopfte... Sie beachteten diese Aussage zum Glück nicht! Dabei war ich der einzige, der wußte, daß Nadias Klingel defekt war!!!

Leben sie wohl, unsere Rechtssprechung läßt ja es bekanntlich nicht zu, daß ich zweimal wegen des gleichen Delikts angeklagt werden kann. Sir, ich liebe Amerika, seine Rechtsanwälte im Allgemeinen und Sie im Besonderen."



Cordula Habig: Warten

Hotel Window

"Guten Tag, mein Name ist Mrs. Munoz, ich habe ein Doppelzimmer reserviert."
"Guten Tag, wie war der Name noch?"
" Munoz".
" Moment bitte, hier. Sie bewohnen Zimmer Nr. 12. Bitte schön, ihre Schlüssel."
"Danke"

Die Frau, sie ist etwa Mitte 50, trägt eine hellen Mantel, der einen etwas merkwürdigen Schnitt hat und ein rotes Kleid Aber anstatt auf ihr Zimmer zu gehen, begibts ie sich in die Hotelhalle und setzt sich dort auf eine Couch, die direkt vor einem Fenster steht. Ihr Blick ist starr nach draußen gerichtet.

"Kann ich ihnen helfen, Miss, fehlt ihnen etwas?"
" Nein danke, mir geht es gut. Ich warte hier auf jemanden."
" Dann entschuldigen Sie bitte die Störung."
Sie blickt immer noch nach draußen. Mittlerweise ist es dunkel geworden. Sie sitzt so schon Stunden dort, und der Portier ist beunruhigt. Ihr Blick ist in sich gekehrt, sie scheint ihre Außenwelt nicht richtig wahrzunehmen.

" Mutter, was suchst Du hier, wir suchen dich schon überall. Ich konnte mir dann denken, daß ich dich hier finde."
" Das müssen sie verstehen", wendet sich die Tochter an den Portier, " sie kehrt jedes Jahr am 29. September in diese Hotel zurück, wo sie vor 25 Jahren genauso auf ihren Mann gewartet hat. Damals mußte sie erfahren, daß er auf dem Weg hierhin, zu ihr, bei einem Autounfall ums Leben kam."



Daniela Stratmann: Allein im Theater

Allein im Theater

Das Theater war hell erleuchtet. Noch waren die Vorhänge zu, und Menschenmassen strömten in das Theater; die Damen in feinen Kleidern, die Herren in schwarzen Anzügen. Alle waren fröhlich und gespannt auf das Stück, denn es waren schon viele Kritiken veröffentlicht worden. Sei selbst hatte einen Platz recht weit vorne, am Mittelgang. Auch sie trug ein feines Kleid, ihr erstes überhaupt, der Mann neben ihr einen schwarzen Anzug. Es war ihr Vater. Sei waren schon früh gekommen und nun beobachtete sie die Menschen und genoß die Atmosphäre. Es war das erste Mal, daß sie im Theater war.

Allmählich hatte sich das Theater gefüllt, das Licht wurde schwächer und schwächer. der Vorhang öffnete sich und das Stück begann. Die Menschen lachten und waren begeistert. Als das Stück endete, wurde das Theater wieder hell und es wurde lange Applaus geklatscht. Auch sie war hingerissen, aber nicht nur von dem Stück, sondern überhaupt von ihrem ersten Theaterabend.

Die kälte ließ sie aus ihren Träumen hochschrecken. Sie saß auf dem gleichen Platz, recht weit vorne, am Mittelgang, doch das Theater war dunkel und kalt. Sie kuschelte sich tiefer in ihre dicke Jacke. Wie lange war dieser Abend jetzt her? Lange! Sehr lange!! Ihr Vater war schon seit fünf Jahren tot. Sei rechnete nach. Vor genau 34 Jahren hatte sie diesen Abend erlebt.



Elke Lengert: Kurz vor zwölf

Down in Pennsylvania

Vorsichtig pirschte er sich an den Bahnhof heran. Es war stockdunkel und kein Laut durchdrang diese Nacht. Nie hatte er geglaubt, daß er sich jemals in einer solchen Situation befinden würde. In den vergangenen Wochen hatten sich die Angriffe gegen Ausländer derart verschärft, daß viele seiner Freunde bereits geflohen waren - nach Österreich, in die Schweiz. Gott sei Dank lag die Grenze relativ nahe. Er hatte bis zuletzt getönt, daß alles sich binnen kurzer Zeit wieder einrenken würde, schließlich waren sie doch alle in Deutschland geboren und waren somit Deutsche - sollten die leicht bräunliche Hautfarbe und der südamerikanische Teint plötzlich tödliche Hindernisse sein? Er konnte und wollte es nicht glauben - bis gestern. Gestern waren wieder einmal Bombenanschläge verübt worden, auf Geschäfte, die von Ausländern geführt wurden. Es gab sieben Tote.

Er konzentrierte sich auf jeden seiner Schritte. Ein einziger Laut würde ihn verraten. Er mußte einfach in diesen Güterzug hineingelangen und weg - weg von diesem Schauplatz voller Haß. Er hatte die Treppen zu den Gütergleisen erreicht und schlich vorsichtig hoch. Dort, er sah den letzten Wagon des Zuges. Nur noch wenige Meter bis zur Rettung. Sein Herz raste, bis jetzt war alles klar gelaufen. Immer näher kam er dem Ende des Zuges. Fast jubilierte es in ihm.

Plötzlich zuckte er, wie von einem Schlag getroffen zusammen. Höhnisches Gelächter erschallte hinter ihm. "Ha", rief eine Stimme hinter ihm, " noch so ein feiges Schwein, daß abhauen will, dem werden wir es zeigen. Los Jungs immer drauf, die Dreckskerle können alle kräftig was aushalten". Schon spürte er den ersten kräftigen Tritt, er fiel zu Boden und schrei gegen diese Ungerechtigkeit.

Schweisgebadet wachte er auf. Kalte Angst kroch ihm über den Rücken. Wo war er? Was war passiert? Nur langsam beruhigte er sich. Er hatte geträumt - nach all den BErichten über Angriffe gegen Ausländer hatte er einen solchen Alptraum gehabt. Würde es wirklich wieder einmal so weit kommen?



Barbara Coolhaas: Elli

Blackwells Island

John stand da und dachte an sein bisheriges Leben.
Es war immer alles so gelaufen, wie sie es von ihm erwartet hatte. Und nun hatte sie es getan. Sie hat mich einfach im Stich gelassen. Nun liegt sie bei einem anderen Mann im Arm. Die ganzen letzten Jahre habe ich für sie geopfert und mein Leben für sie umgestaltet. ich bin nicht mehr ich selbst.

Vor ein paar Jahren sagte sie " Du mußt mehr Geld verdienen, wir brauchen eine größere Wohnung" Ich bin sofort losgerannt und habe den Job, den ich liebte, aufgegeben, um mehr Geld zu verdienen. Zusätzlich habe ich eine große Geldsumme von meinem Ersparten investiert. Kaum waren wir umgezogen, mußte ich schon wieder ran: "John, wenn wir jetzt schon hier wohnen, dann brauchen wir auch ein neues Auto, meinst du nicht? Oder sollen die LEute denken wir wären arm?" Nächsten Monat ist der Wagen abbezahlt, den den ich ihr daraufhin gekauft habe. Kaum waren wirvon Autokauf zurück, stellte sie die nächste Forderung: " Ich brauche einen neuen Pelz!" Wozu das alles? " Mein alter ist schon völlig unmodisch!" Ich nahm einen weiteren Kredit auf und erfüllte ihr auch diesen Wunsch Zum Dank sagte sie: " Danke, Schatz, wurde auch Zeit." Jetzt bin ich finanziell ruiniert und sie ist auf und davon bei einem anderen.

Nun stand er hier mitten in der Nacht und völlig alleine auf dieser alten Brücke, unter ihm der Fluß. Hier und da brannten in den umliegenden Häusern noch Lampen, alles war ruhig und es wäre doch so einfach, alle Probleme zu beseitigen. Was habe ich denn noch auf dieser Welt, dachte er. Ich werde einfach springen, dann ist dieses elende Leben endlich vorbei.
" John tu es nicht" rief eine Stimme. "John, mach dich nicht unglücklich! Ich liebe dich doch. Komm weg von der Absperrung! Komm, wir fangen noch mal von vorne an."

Elli!! Da stand sie nun, wieder mit einer Forderung an mich. Die Frau, die mein Leben mit ihren ewigen Forderungen ruiniert hatte. Nein!!, Diesmal nicht!. Jetzt mach ich was ich will. Mit diesem Gedanken sprang John in den Tod.



Anja Simon: Einsam

Allein im Theater

"Hilfe, ich bin so dämlich! Ausgerechnet heute muß ich arbeiten. Dabei wäre ein fantastischer Film im gernsehen gekommen. Aber wenn man auf das Geld angewiesen ist?!" Juliß Cramer, 16 Jahre alt, sitzt im abgedunkelten Vorführraum des Grand-Cinemas. Draußen ist ein wunderschöner Sommertag: Muttertag!

Im Kino ist es still, erst als der Vorspann beginnt, bemerkt Juliß in einer der ersten Reihen eine Gestalt. Sonst ist das Kino leer. "Eigentlich lohnt es sich ja nicht, für eine Person den Film laufen zu lassen. Wie ist sie denn reingekommen, bei mir hat sie die KArte nicht abreißen lassen. Ach ja, Ich war ja zu spät dran - der dumme Bus." Der Hauptfilm beginnt. Juliß interessiert sich nicht dafür, sie hat ihn schon mindestens 15 Mal gesehen. "Armes Mütterchen, an einem Tag wie heute ganz allein in einen Kinofilm zu gehen. Sie hat bestimmt keine Familie. Wie schrecklich muß es sein, wenn man alt ist, wenn man niemanden hat, der einen wenigstens am Muttertga besucht. Ihr Mann ist bestimmt schon lange tot und ihre Freunde werden von ihren Kindern und Enkelkindern besucht." Juliß beobachtet stumm die alte Frau. Plötzlich beginnen ihre Schultern zu zucken. Unterdrücktes Schluchzen dringt bis zu Julia, die unbeweglich in der letzten Reihe sitzt. "Wie einmasam muß sie sein! Und wie unglücklich! Wahrscheinlich hat sie doch Kinder und Enkelkinder. Aber bei dem schönen Wetter hatte bestimmt niemand Lust eine einsame alte Dame zu besuchen, noch dazu, wenn nichts dabei herausspringt!" Ärgerlich starrt Juliß einige Zeit auf die Leinwand - ohne etwas von der Handlung mitzubekommen. Die alte Frau hat sich wieder gefaßt. Verhalten schnauzt sie sich und holt eine Schachtel Pralinen aus ihrem Korb, der im Gang steht. "Die waren bestimmt für ihre Enkelkinder gedacht", denkt Juliß mit grimmiger Miene. "So eine Gemeinheit, die Frau so zu enttäuschen, sie haben bestimmt erst heute abgesagt. Ich kann das Gespräch förmlich hören: "Guten Tag Mutter ... Alles Gute zum Muttertag! ... Wann wir kommen? .. Ja , weist du die Kinder und bei dem Wetter - naja und weil Herb doch sonst so wenig Zeit hat, naja , wir wollten einen richtigen Familientag machen, so mit Picknick und so... nah, du weist schon. Wir melden uns demnächst bei dir, ja? Gut... bye Mutter!"

Vor Wut stampfte Juliß laut mit dem Fuß auf. Wie auf Kommando wird es dunkel im Kino, der Vorhang geht zu und das Licht blendet auf. Einen kurzen Augenblick bleibt sie noch mit geschlossenen Augen sutzen. Die alte Frau ist aufgestanden und geht auf den Ausgang zu. Kurz vor Julias Platz bleibt sie stehen: " Oh, guten Tag Julia!" Juliß erhebt erstaunt den Blick: " Grandma..."



Katy Quednau: Mordgedanken

Blackwells Island

Eine ganze weile saß ich schon in der Bar. Mir schräg gegenüber, mit dem Rücken zu mir, saß ein junger Mann. Obwohl ich ihn nur von hinten sehen konnte, bemerkte ich seine Traurigkeit, er schien ganz geknickt. Er leerte jetzt schon sein sechstes Glas. Armer Kerl, dachte ich. Plötzlich stand er auf, bezahlte und ging aus der Bar. Ich mußte ihm folgen, wer weiß wozu er im Stande ist. In letzter Zeit hörte man wieder von Leuten, die mit dem ihrem Leben Schluß machten. Schnell zahlte ich und folgte ihm unauffällig. Ohne sich umzudrehen oder zu gucken wo er hinlief, ging er durch die dunkle Stadt. Er sprach zu sich selber, doch ich konnte ihn nicht verstehen, nur Bruchstücke, wie " fürchterlich" oder: "den morgigen Tag überstehen" Sein Weg führte zum alten Bahndamm, Richtung Fluß. Ich hatte keinen Zweifel, er wollte sich umbringen. Wir näherten uns der Brücke. Sie war ungefähr 100 Meter hoch und die Strömung des Flusses war so stark, er hätte keine Überlebenschance. Viele waren schon im Fluß ertrunken, man las es ja immer wieder in den Zeitungen.

Bis jetzt hatte er sich noch keinmal umgeschaut und war gut in der Mitte der Brücke angelangt. Es war recht dunkel, nur der Mond spiegelte sich auf der Wasseroberfläche und der Wind pflegte mir durchs Gesicht. Ich ging weiter, vielleicht hatte er es sich überlegt. Plötzlich aber ging er zum Geländer und schaute runter. Mir stockte der Atem, ich sah noch, wie er die Hände hoch nahm und irgendwas sagte, wie: " ...hab ich's geschafft" Jetzt mußte ich eingreifen. Mit einem Satz war ich bei ihm und hielt ihn am Arm fest. " He! Was soll das Mann? Lassen Sie mich los!" Er schlug um sich. " Halt, warten sie doch, man kann Probleme auch anders lösen," versuchte ich ihn zu beruhigen. "Probleme! Probleme!!, Was für Probleme? Sie kriegen gleich Probleme." Ich war etwas verwirrt. "Sie wollen garnicht hier runter springen?" " Ich bin doch nicht lebensmüde", antwortete er mir. Dann erzählte ich ihm von meinen Vermutungen und er fing an zu lachen. Die Brücke war eine Abkürzung, er wohnte auf der anderen Seite des Flusses und seine Absicht war es nichtsich umzubringen, sondern er dachte an seine bevorstehende Hochzeit. Wir lachten noch eine Weile auf der Brücke und schließlich wünschte ich ihm noch alles Gute für seine Hochzeit und seine Zukunft.



Cordula Jennissen: Eifersucht

New York Movie

Immer noch konnte sie es nicht fassen. Wie versteinert stand sie am Fuß der Treppe und starrte zu ihm hin. Warum ging er allein ins Kino? Sonst unternehmen sie doch immer alles zusamenn. Heute jedoch hatte er gesagt, er habe keine Zeit und nun saß er dort vorn, um sich zu amüsieren! Nachdenklich blickte sie auf das Teppichmuster. Er war ein Zufall gewesen, ihn plötzlich in der Stadt zu sehen. Unbemerkt war sie ihm gefolgt. "Soll ich mich ihm nun zeigen, oder nicht?" Ratlos zupfte sie an ihren Haaren. "Warum bin ich auch so neugierig gewesen?"

Plötzlich drängte sich eine bildhübsche junge Dame an ihr vorbei. Doch sie war so tief in Gedanken versunken, daß sie sie nicht weiter beachtete. "Ich glaube, es ist doch besser, wenn ich mich ihm nicht zeige!" Rasch warf sie noch einen Blick auf ihn - und erstarrte. Ihr Herz begann schneller zu schlagen. Die schöne Frau war schnurstracks auf ihn losgesteuert und gerade dabei, sich neben ihn zu sezten. Kochende Wut stieg in ihr hoch, als er sich ihr lachend zuwandte. Plötzlich warf er zufällig einen Blick zurück und sah sie. Sein Lächeln verschwand. Er wurde ernst.

Tief erschüttert und den Tränen nah rannte sie die Treppe hinauf. Plötzlich rief jemand ihren Namen. Hastig wurde ihr Arm ergriffen. " Liebling das Ganze ist ein Mißverständnis!" Wütend fuhr sie herum. " Ach ja?" Dabei fiel ihr Blick auf die Fremde, die nun auch herbeikam. Neugierig betrachtete diese sie. Ehe sie ihrem Zorn weiter Luft machen konnte, fragte er: "Darf ich dir meine Schwester vorstellen? Sie fühlte sich in letzter Zeit etwas vernachlässigt und war ein bißchen eifersüchtig auf dich. Deshalb mußte ich dir ihr versprechen, den heutigen Abend ganz allein ihr zu widmen." " Oh, da möchte ich nicht stören!" Lächelnd winkte die andere ab und reichte ihr die Hand. " Ach was, ich freue mich, Sie endlich kennenzulernen."


Christina Gassner: Die Begegnung

New York Movie

Catherine O'Neill stand in ihrer Uniform im Aufgangsportal des Kinos. Sie war Studentin für Schauspiel und Gesang und verdiente sich nebenbei ein wenig Geld als "Empfangsdame" im Pariser "US-Palace". Ihr großer Wunsch war es, einmal berühmt zu werden und sie bewunderte die großen Leinwandstars von früher. An diesem Tag lief wieder so ein alter Schwarz-Weia-Film, aber es waren kaum Besucher da, Catherine seufzte und lehnte sich in Träumereien versunken an einen Tisch, der hinter ihr stand. Sie würde alles drum geben, ein ebenso unvergeßlicher Star zu werden. Als sie in ihrem Traum gerade bei der Verleihung eines "Oscars" angekommen war, klopfte es an der Tür. Catherine runzelte ärgerlich die Stirn.

Mißnutig darüber, daß man sie aus ihrem schönen Traum geholt hatte, richtete sie sich auf. "Immer diese Zuspätkommer", dachte sie. Sie öffnete die Tür und vor ihr stand eine kleine alte Frau, die am Stock ging. Sie hatte ein Gesicht voller Runzeln und Falten und schneeweißes Haar. " Hm, ich habe gehört, daß heute ein alter Schwarz-Weia-Film läuft, hm, ist das richtig?" "Ja sicher. Gehen sie doch bitte hinein." Catherine zeigte der alten Damen den Weg. Dann ging sie wieder an ihren Platz zurück und fiel in erneute Tagträume. " Entschuldigung", hörte sie plötzlich eine Stimme neben sich, " darf ich mich setzen?" Die alte Frau stand vor ihr. "Die schon wieder", dachte Catherine und deutete auf zwei Stühle neben sich: " Bitte." Die Frau setzte sich und seufzte. " Wissen sie", begann die alte Frau, "ich habe die Hauptrolle in diesem Film da gespielt, ich bin Belinda Evignon." Sie zeigte auf die Leinwand. " Ich lebe jetzt in einem Altersheim" , fügte sie hinzu, " und bin schwer krank und heshalb dachte ich," sie schluchzte, " ich komme sozusagen noch ein letztes Mal und sehe mir an, wie ich einmal vor langer Zeit gespielt und ausgesehen habe." Die alte Dame blickte auf ihre Schuhe und erhob sich mühselig. " Na, ich will sie nicht länger aufhalten. Auf Wiedersehen." " Wiedersehen..." stammelte Catherine und sah der merkwürdigen alten DAme nach, die gerade den Raum verließ. Sie konnte es einfach nicht glauben. Das sollte die bekannte, tolle Belinde Evingnon gewesen sein?
Einige Wochen später brach Catherine ihr Schauspielstudium ab.



Marija Pilicic: Ein langweiliger Abend

New York Movie

Eigentlich ist es ja ein guter Job. Er ist gut bezahlt, ich sehe viele Leute und lerne auch viele kennen. Aber das Beste daran ist, daß ich die ganzen Filme im Kino kostenlos sehen kann. ich bin dort namlich Platztanweiserin. Heute läuft leider schoin wieder "Die Vögel" von Alfred Hitchcock. Ich hab ihn schon so oft gesehen, daß ich die ganzen Dialoge und Szenen auswendig kenne. Es wird wohl ein ziemlich langwieriger Abend! Oh, die ersten Besucher kommen...

So, meine Arbeit ist getan; das Kino war schon lange nicht mehr so voll. Am Besten stelle ich mich ganz nach hinten neben die Tür, da kann ich nämlich am Besten die Besucher beobachten und außerdem noch welche hereinlassen, die zu spät kommen.

Das Licht geht langsam aus und die Musik verstummt. Während der Film beginnt, fange ich an die Leute zu beobachten. In der vorletzten reihe ganz am Rand fällt mir ein junger Mann auf. Von hinten sieht er ziemlich gut aus: kurze dunkle Haare und - er hat noch seinen Mantel und Schal an. Sehr merkwürdig! Na ja es gibt eben einige mysteriöse Menschen. Ich beobachte weiter... Plötzlich höre ich in meiner Nähe ein Rascheln. ich schaue zu der Richtung hin und sehe wie dieser merkwürdige Mann aus der vorletzten Reihe langsam aufsetht. dabei bemerke ich, daß er seine Hände tief in die Manteltasche gesteckt hat. Jetzt steht er neben mir! Ich warte darauf, daß er etwas sagt, aber - nichts, kein Wort! Also frgae ich ihn, ob ich irgendwie helfen könnte. Er flüsterte mir leise zu: "Halt Dein Mund, Schätzchen, und wenn Du auch nur einen Ton von dir gibst, dann knalle ich Dich ab!" Schon sehe und spüre ich, wie er mir eine Waffe in den Bauch hineinschiebt. Vor lauter Angst und Panik weiß ich nicht, war ich tun soll! also mache ich lieber das, was er gesagt hat. Schon schiebt er sich hier zur Tür und preßt mir seine verschwitzte Hand an meinen Mund. ich kann es nicht fassen, als ich im Vorraum keinen erblicke. Wo sind denn die ganzen Kolleginnen u8nd Kollegen? Er fragt mich, nun etwas lauter, wo denn die Kasse sei. Ich nicke bloß mit meinem Kopf in die Richtung, weil ich immer noch Angst habe, etwas zu sagen. Sein Gesicht leuchtet auf einmal auf, er dreht sich zu mir um und sagt: " Danke Schätzchen, aber es tut mir sehr leid für dich!" ich höre nur noch sein furchterregendes Lachen und den Schuß...

Ich blicke um mich und sehe, daß ich im Kino-Vorführraum auf dem Boden liege. Ich bin ganz naß vor Schweiß. Vorsichtig fasse ich mich an den Bauch, doch ich blute nicht. Jetzt schaue ich zur vorletzten Reihe und - der "Mörder" sitzt ganz friedlich da, wie am Anfang. Langsam begreife ich - ich bin eingeschlafen und der Mord war bloß ein Traum! Eins steht fest, entweder kündige ich, oder ich bin nur noch Platzanweiserin für Kindervorstellungen.



Tanja Tarbiat: Mein Kind

Railroad Sunset

Licht aus. Türen zuschließen .... endlich Feierabend. Veronique, ich komme! Voller Vorfreude schlendere ich so über die Gleise, hüpfte vergnügt von Bohle zu Bohle, wie ein kleines Kind. ich lächelte bei dem Gedanken: kleines Kind. Gänsehaut lief mir den Rücken rauf und runter. Man kann diese Gefühl des bald-Vater-werdens nicht beschreiben. Mein Schmetterling (so nannte ich Veronique immer) war im 7. Monat schwanger. der Doktor meint es sei ein sehr gesundes Kind, so daß die Geburt wohl ohne Komplikationen verlaufen wird.Die ganze Zeit über lächelte ich. Mir viel es überhaupt nicht auf, erst als ich daran dachte.

Gott,... wie ich mich auf mein..., mein Kind freue. Alles war schon vorbereitet, sogar ein eigenes Zimmer wird mein Kind haben. Mit vielem Spielzeug. Wir haben sehr viel Geld in die Babykleidung und -möbel und in Speilsachen gesteckt. Zwar hat das Geld nicht ganz gereicht (weil wir für später noch etwas sparen wollten,) aber es war durchaus zufridenstellend.

Es wurde immer dunkler, bis die Sonne entgültig hinter dem kleinen Hügeln verschwand. Doch es war noch hell genug, um den Weg zu erkennen. ich genoß diese ruhige Atmosphäre und dachte wieder an veronique und mein Kind - unser Baby. ich galube, ich werde ein guter Vater werden. Mit allen seinen Problemen soll mein Kind zu mir kommen können, ich werde immer Zeit haben für mein Kind. Die Schienenwaren immer undeutlicher zu erkennen, daoch war jede Angst sinnlos, um diese Zeit fuhr kein Zug mehr über diese Strecke, und Leute sind hier Leute sind hier in dieser gottverlassenen Gegend auch nicht zu finden... Ich war allein mit meinen GEdanken an meine Frau und mein Kind.

Doch plötzlich erstarb mir jeder Gedanke. ich hörte ein höllisches Geräusch. Mein rechter Fuß war eingeklemmt. Die Weiche war durch Fernbedienung für den morgigen Schnellzug nach Whitney gestellt werden.



Sandra Attula: "Bye, Bye" oder "Auf den Hund gekommen".

Cap Cod Evening

Ich erinnere mich noch gut an jenen Tag im Frühling letzten Jahres. es war kurz nachdem sich dieser dumme Postbote mal wieder zu uns getraut hatte. So ein Angsthase ist mir noch nie untergekommen. Der rennt ja schon weg, wenn er mich nur sieht. Aber darum geht es heir ja gar nicht. Jedenfalls brachte dieser Kerl einen Brief mit, genauer gesagt mehrere.Dieser eine aber hatte etwas komisches an sich, außer seinem abstoßenden, muffigen Geruch. einerseits schien er nämlich etwas Gutes zu beinhakten, andererseits aber auch etwas Schlechtes. Woher ich das weiß, fragt ihr? Ganz einfach, dafür habe ich ein gespühr. Ich bin nicht umsonst ein Hund und dazu noch ein Colly. mein Herrchen, der Sohn des Hauses, war vollkommen aus dem Häuschen und sprang durchs ganze Haus (ich dachte zuerst, er sei von einer Hornisse gestochen worden). Mum und Paps aber, wie Tom sie nennt, schienen vom Inhalt des Breifes nicht so begeistert zu sein und machten ziemlich bedenkliche Gesichter. ich selbst entschied mich aber dazu, es meinem Herrn gleich zu tun. Das gehört sich ja auch so. Heute glaube ich, das war ein Fehler! Warum? Seid doch nicht so neugierig. ihr werdet schon noch alles früh genug erfahren.

Einige Tage später lag eine Aufbruchstimmung in der Luft. Sachen wurden durch die Gegend getragen und in eine große Tasche gepackt. Das kam mir ja schon Spanisch vor und tatsächlich ging mein Herrchen am nächsten Tag fort. Mum und Paps verabschiedeten ihn vor dem Haus. Als ich Tom nachlief, befahl er mir zurückzubleiben. Das konnte und wollte ich nicht begreifen. Ich war der festen Meinung, daß ich zu ihm gehöre. Ich konnte ihn doch nicht im Stich lassen. Da beugte er sich zu mir herunter, streichelte mich und sagte: " Mein kleiner Freund, dort, wo ich jetzt hingehe, ist kein Platz für dich. Ich vertraue dir das Haus an. Du hast die Verantwortung dafür. Paß gut auf alles auf bis ich wieder da bin." Das war natürlich etwas anderes. Diesen verantwortungsvollen Posten konnte ich nicht verlassen. Also lief ich schwanzwedelnd zurück. ich sah ihm noch lange, stolz auf meine Aufgabe, nach, während Paps bedrückt auf den Stufen zur Eingangstür saß und Mum, den Tränen nahe, neben ihm stand.

Seit diesem Tag habe ich mein Herrchen nie mehr gesehen, erfülle aber noch immer meinen Job. Ich vermisse ihn und seine Eltern anscheinend auch. Oft sagen sie: " Warum mußte Tom auch eingezogen werden? Er ist doch noch so jung. Ich habe Angst vor der NAchricht, daß er gefallen sei." Das aber, verstehe ich nicht. Ich weiß nicht, was "eingezogen" ist und was so schlimm daran ist, wenn jemand hinfällt. Ach! Das Wichtigste hätte ich fast noch vergessen. Letzte Woche kam wieder so ein Brief, wie der vor einem Jahr, der so komisch gerochen hat. Ich habe schon befürchtet, daß etwas passiert ist, weil da wieder diese Stimmung im Hause war. Aber im gegenteil dazu waren Mum und Paps sogar froh. Mum kniete sich zu mir, nahm mich in den Arm und sagte: " Dein Herrchen kommt nach Hause." Das war die schönste Nachricht, die sie mir bereiten konnten.

Ich kann es kaum noch erwarten, ihn endlich wieder hier zu haben, aber er ist immer ncoh nicht wieder da... - doch was ist das? Höre ich da nicht ein Auto? Da muß ich doch gleich mal nachsehen. Herrchen!! Mein Herrchen ist wieder da!! Ich hab' dich ja so vermißt! Zur Begrüßung bekommt er einen dicken Schmatzer Und jetzt mußt du mit mir spielen. Huch, das war wohl zu stürmisch! Jetzt liegt er auf den Boden. Nah, das macht n ichts. Aber wie riecht der denn? Nach Lehm und Schwefel und, schnüff, schnüff, nach Schießpulver?! - Jetzt verstehe ich, wo er war und eines ist klar: Wenn ich das vorher gewußt hätte, hätte ich ihn niemals gehen lassen.



Sandra Attula: Das verpaßte Rendezvous

Hotel Window

Es herrscht absolute Stille. Seit Stunden sitzt Mary in ihrem Hotelzimmer und starrt die Tür an. Ihre Gedanken stehen ihr sichtbar ins Gesicht geschrieben. Eine gespannte Stimmung erfüllt den Raum. Was wird geschehen, wenn er diese Stille unterbricht? Wird sich ihre Enttäuschung in Wut umwandeln? Oder wird sie sich im Zaum halten können? Es vergehen noch weiter Stunden, die sie mit Hut und Mantel bereit, auf dem Sofa verbringt. Endlich fährt eine dunkel-grüne Limosine vor.

Doch sie sitzt noch immer starr und ohne die geringste Regung da, auch als es klopfte und ein gut aussehender Mann eintritt " Liebstes, ich...", versucht er zu sagen. Doch noch bevor er seinen Satz beenden kann, bricht sie in Tränen aus, springt auf und läuft auf ihn zu, so als ob sie ihn umarmen wollte. Doch kurz vorher stoppt sie ab und faucht ihn an: "Du Schuft, ich hoffe für dich, daß du eine gute Erklärung hast. Ich warte bereits seit sechs Stunden auf dich, du, du, du..." "Es tut mir wirklich leid..." "Leid? Es tut dir leid? Ist das alles, was du zu sagen hast? Ich will wissen, wo du warst." "Liebling, bitte hör mir doch zu. Laß mich bitte alles erklären. Ich hatte einen guten Grund..." "Einen guten Grund!

Einen guten Grund dafür, mich einen Tag vor der Hochzeit in deisem stinkenden Hotel sitzen zu lassen. Gibt es auch nur eine Rechtfertigung dafür, nicht einmal angerufen zu haben?" "Ich - ich hatte mir eine Überraschung ausgedacht, aber irgendwie ist alles schiefgegangen. Ich habe ein Haus für uns gekauft, aber es hat viel länger gedauert, als ich wollte." "Ein Haus!" Ihr Gesicht klärte sich wieder auf. "Ja dann..."


Miriam Korff: Illusionen in New York

Hotel Window / Selbstportrait

Wie sollte es nun weitergehen? Warum gerade Anton? Es kam ihr vor, als wär' es die Ironie des Schicksals. letzte Woche war Anton nach New York geflogen. eindrücke wollte er sammeln, für sein neues Buch. Für eine Mordgeschichte. Und nun war er selber das Opfer einer Schießerei geworden. Erneut fühlten sich ihre rotgeweinten Augen mit Tränen. Melancholisch blickte sie aus dem Fenster des Warteraums im Hotel, in dem ihr Mann gewohnt hatte. Draußen war es bereits dunkel und man konnte sehen, wie sich der Nebel langsam über die ganze Stadt legte. Es war als würde diese fast umheimliche Witterung Sophiß in ihrer Stimmung bestärken. Als sie für einen kurzen Moment vom Rezeptionstelephon aus ihren Gedanken gerissen wurde, sah sie besorgt auf die Uhr. Wo mochte ihr Schwager Hannes nur beleiben. Er hatte sie nach New York begleitet um die Sachen abzuholen und um Anton zu identifizieren. Dich schnell holten sie ihre Gedanken wieder ein. Im Streit hatten sie sich getrennt! Sie hatte ihm vorgeworfen, er würde sie vernachlässigen! Sich seinber Schreiberei aufopfern. Dabei hatte sie doch ganau gewußt, wieviel ihm das alles bedeutete. Sie hatte gewußt, was sie mit Anton heiratete: Seine Schreib-Leidenschaft! Sie bereute zutiefts! Sie hätte nicht so gemein sein dürfen, ihn vor die Wahl zu stellen. Jetzt hatte sie ihn unwiderruflich verloren. Für immer. Draußen fing es an zu regnen. Ein paar Leute aus der Hotelvorhalle fingen an zu fluchen. Doch Sophiß war das alles egal. Was konnte schlimmer sein, als Regen im Herzen? "Ich hasse dich", hatte sie zu ihrem geliebten Mann gesagt. "verschwinde aus meinem Lebenm". Was hatte sie getan? Ein schluchzen schüttelte ihren Körper. Von weitem hörte die eine Stimme nach ihr rufen. Sie erschrak zutiefst. Das war doch nicht Hannes'Stimme gewesen! Das war doch Anton! Sie versuchte sich immerlich zu beruhigen. Das konnte doch nicht sein. Sie drehte sich um. Ihr Herz klopfte unendlich schnell. D a stand er vor ihr. Zwei Koffer in der Hand. Seinen alten Hut auf und den Mantel an, den sie ihm vor drei Jahren zu Weihnachten geschenkt hatte! Sie sprang auf. Die Tränen liefen ihr über das Gesicht. Sie stürzte auf ihn zu und umklammerte ihn mit ihren zitternden Armen. " Anton, oh Anton. Ich dachte, du wärst tot. Hättest mich alleine zurückgelassen. Oh mein Gott, ich danke dir.Ich bin so froh, daß ich dich wiederhabe. Es tut mir alles so leid. Du darfst mir nicht mehr böse sein. Du lebst! Du lebst! Oh, ich liebe dich._ Dann hielt sie inne. Verstört, daß Anton keine Reaktion zeigte, sah sie ihn an . Sei wurde kreidebleich. Sei sah in das Gesicht ihres Schwagers, der mit gesenkter Stimme sagte: " Sophiia, ich bin es, Hannes. Anton ist doch tot!" Dann wurde ihr schwarz vor Augen.



Christina Gassner: Inkognito

Night shadow

Ein alter Mann ging über die Straße. Es war fast 24.00 Uhr und stockdunkel. Einzig das spärliche Licht der Laternen erleuchtete einen Teil der Straße. Der Mann trug einen langen, etwas unmodernen Mantel, Handschuhe und einen Hut. Erdachte nur noch daran, so schnell wie möglich nach Huse zu kommen. Plötzlich spürte er eine Bewegung hinter sich. Sein Herz schlug schneller, aber er dregte sich dennoch entschlossen uzm. Er sah gerade noch, wie sich eine Katze ins dichte Gebüsch flüchtete. der Alte passierte die nächste Strßenlaternen. Es schien ihm, als stünde jemand hinter ihm. Ihm fröstelte und er zog die schultern zusammen. Dann zwang er sich, nach hinten zu sehen, doch da war nichts als sein eigener Schatten. "Oh Gott, ich sehe Gespenster", dachte der Mann und stöhnte innerlich. Er ging weiter. ertfernt hörte er das Geräusch eines Autors. Das gleichmäßige Brummen des Motors wurde lauter und lauter und dem Alten stockte der Atem. "Hoffentlich tun sie mir nichts, ausrauben, kidnappen oder snat was. Ach, ich bin ja nur ein alter Mann, was soll mir schon passieren", versuchte er sich selbst zu beruhigen. Das Auto kam dicht heran - und fuhr vorbei. endlich, nach schier endloser Zeit, erreichte er ein Hotel. Er sah sich um und überquerte die Straße. Dann vergewisserte er sich nochmals, daß er nicht beobachtet wurde. Er seufzte: "Wer achtet schon auf einen alten, schwachen Mann? Ich bin wirklich verrückt." Er berat das Hotel durch den Hintereingang und fuhr mit dem Personalfahrstuhl in die vierte Etage. Er schloß das Zimmer auf und ging sofort in das Bad. "Geschafft", dachte er und zog sich die Maske ab. Erschöpft ließ sich Michael Jackson in den nächsten Sessel sinken.



Martina Bürvenich: Der gefaßte Entschluß

Zwei Fischerboote

Schweißüberströmt setzte sie sich ans Ufer eines Seitenarms des Ärmelkanals. Es würde nicht mehr lange dauern, bis es dunkel wird. Hätte sie doch zu Hause bleiben sollen? Nein, auf keinen Fall. Das ewige Gerede ihres jüngeren Bruders und immer dieselbe Leier der Eltern gingen ihr auf die Nerven. Sei wollte weg, einfach weg, ihr eigenes Leben leben. Doch, wo wollte sie hin? Sie hatte kein Ziel. Vielleicht nach Irland? Dazu mußte sie den Kanal überqueren. Geld hatte sie keines, doch da standen ja Boote. Die schienen keinem zu gehören, da sie schon alt und morsch aussahen. An einer Kette waren sie festgebunden, so wie sie an ihre Familie. Von alleine konnte sich keines lösen. Wenn es aber doch so wäre, dann würde das Boot einsam, ohne Ziel auf dem Meer herumirren. So wie sie, ohne Ziel, einsam, einfach in der Welt herumirrend. Der Entschluß aber war gefaßt, sie wollte von zu Hause weg. Jetzt stand sie auf und näherte sich langsam einem der Boote. An einer Leine zog sie eines zu sich heran. Doch was war das? Mit großen Augen schaute sie ein Mann an. Auch in den anderen Booten lagen Männer. So schnell sie kamen, rannte sie fort. Sie wollte nach Hause, nur noch nach Hause zu ihren Eltern. Sie hatte doch zu viel Angst allein, ohne ihre Familie.



Christiane Hucke: Einsamkeit

Morning Sun

Ohne ihn, ist es unerträglich in dieser Wohnung. Gleich morgen früh werde ich mich nach einer anderen umsehen. Seine Sachen hingen noch im Schrank, aber er wollte heute abend vorbeikommen, um sie abzuholen. Nach dem schrecklichen Streit gestern Abend, hatte John sie verlassen. Die Tatsache, daß Paggy schwanger war, störte ihn dabei kein bißchen, sie solle doch sehen, wie sie das Kind großziehen würde, er sei verheiratet und wolle es auch bleiben. Sie erinnerte sich noch an den Tag, an dem John ihr von seiner Frau erzählt hatte. Sie fiel damals aus allen Wolken, da sie von einer Hochzeit mit John geträumt hatte. Die Beziehung zwischen den beiden veränderte sich nur wenig. Auch lernte sie seine Frau kennen, aber John hatte nicht die Absicht, sich scheiden zu lassen.

"Ich hasse Christine", dachte Paggy, als sie aus dem Fenster sah. Die glitzernden Sonnenstrahlen, fielen auf ihr Bett, und die Sommerblumen dufteten vom naheliegenden Park. in diesem Moment hatte Paggy einen Entschluß gefaßt. Christine wüprde nicht ihr Leben zerstören. Um diese Zeit war Jahn in der Firma, und Christine wäre zu dieser Zeit alleine in der Wohnung. Paggy nahm das Arsen-Gift und fuhr zur Wohnung von John und Christine. Christine öffnete. " Hallo Paggy, schön, daß wir uns einmal wiedersehen. Komm doch rein, und wir trinken zusammen einen Kaffee." " Ja gern, aber setz dich ruhig hin, ich mach schon den Kaffee für uns". Als Paggy mit dem Kaffee wiederkam, hielt Christine ihr eine Pistole an den Kopf. " Ich weiß, daß du mich töten willst, ich habe gesehen, wie du etwas in den Kaffee getan hast. Jetzt trink ihn auch. Du nimmst diese Tasse, ich nehme die andere." Als beide den Kaffee getrunken hatte, fiel Christine mit Schmerzen zusammen. " Tja, du hast wohl doch den falschen Kaffe getrunken. Tut mir leid für dich."

Bevor Paggy die Wohnung verließ, schrieb sie einen Zettel: "An John. Nun können wir endlich ein Familie werden."



Anja Simon: Deutschland 1943

Compartment C, Car 193

Ratatata Ratata - monoton und gleichmäßig braust der Zug durch die Landschaft. Der Rauch verschlechtert die Sicht, trotzdem kann man Wälder und Wiesen vorbeifliegen sehen. Marianne Pauli sitzt in einem der Abteile. Sie ist allein. Im Zug ist es still, so still wie es in einem Zug eben sein kann. Die meisten Reisenden schlafen noch. Andere, wie Marianne sitzen irgendwo und lesen oder handarbeiten. Jemand, der von außen durch die Abteiltür Marianne entdeckt, würde meinen, sie lese. Aber Marianne hat seit einer Stunde nicht die Seite umgeblättert. Als der Schaffner vor einiger Zeit ankündigte, daß man gerade Deutschland verließe und in wenigen Sekunden in der Schweiz sei, hatte er den Eindruck, daß die mittelalte, blonde Frau einen Moment lang erschrocken sei, sich dann jedoch wieder entspannte. Seit dieser kurzen Unterbrechung hatte sie, ohne sich zu bewegen, vor sich in einem Roman geblickt; "Und ewig bleibt die Liebe", eine Liebesschnulze über eine Bergschönheit und ihren Freund. Plötzlich stöhnt Marianne auf: "Warum nur Werner, warum?" Und endlich rollen sie, die Tränen; sie weint lautlos, nur ihr Körper wird durch das unterdrückte Schluchzen durchgeschüttelt. Der Zug durchfährt gerade einen ziemlich langen Tunnel. Die Lichter gehen an und blenden sie. Marianne Pauli steht auf, streicht ihr schwarzes Kleid glatt, richtet den ebenso schwarzen Hut. Das Heft fällt auf den Boden. Ohne darauf zu achten, tritt sie darauf, öffnet ihre Abteiltür und tritt auf den Gang. Das Licht ist hier etwas trüber, die Luft kühler. Auf dem Weg zu der Toilette am Ende des Wagons sieht sie weder nach links, noch nach rechts. Ein Mann, der gerade sein Abteil betritt, zieht den Hut. Sie reagiert gar nicht. Am Ende des Wagons wird es wieder hell. Die ersten Sonnenstrahlen erhellen die Landschaft. Es wird ein schöner Tag. Marianne öffnet die Tür. Der Zugwind reißt sie ihr aus der Hand. Die Frau wischt sich mit der Hand noch einmal über die Augen, ballt die Fäuste und springt. Ihr Hut fliegt noch etwas durch die Luft, landet, als der Zug vorbei ist, neben den Gleisen. In diesem Moment wird einige 100 Km weiter nördlich ein Mann an die Wand des KZ's Dachau gestellt. "Der Jude Werner Pauli wird wegen Landesverrat zum Tode durch Erschiessen verurteilt!" Fünf Schüsse knallen. "Marianne...", schreit er und sinkt in sich zusammen.



Katrin Erdmann: Ein alter Freund

Cap Cod Evening

Es war ein lauer Sommerabend. Marie und ihr Bruder Aron sahen sich fragend an. Mit tränenerstickter Stimme flüsterte sie: "Er war zehn Jahre lang unser bester Freund. Wir können ihn doch jetzt nicht so einfach abgeben!" Auch Aron sah man an, wie sehr ihn diese Sache bedrückte. Er wollte seine Schwester nicht verletzen, dennoch mußte endlich ein Schlußpunkt gesetzt werden. Aron erwiderte deshalb sanft: "Oh Gott, ich weiß doch, wie sehr du an Tommy hängst, aber er kostet einfach zu viel. Er frißt mehr als andere und der jüngste oder schönste ist er auch nicht gerade." Entsetzen spiegelte sich in Maries Augen wider. Wie konnte ihr eigener Bruder nur so hartherzig sein? Jetzt war es endgültig um ihre Fassung geschehen. Sie schluchzte laut auf: "Du widerwärtiges, gefühlloses Ekel! Tommy nicht schön zu nennen. Gut, er ist schon zehn Jahre alt und sein Rotbraun entspricht vielleicht auch nicht deinem erlauchten Geschmack, aber nach zehn Jahren treuen Dienstes hielte ich es für angebracht, ihm auch die letzten drei oder vier Lebensjahre das Gnadenbrot zu gewähren!" Aron begann, sich langsam selbst wie ein Schwerverbrecher vorzukommen. Als er Tommy anblickte, schien ihn dieser plötzlich traurig anzusehen. Er würde eben noch etwas auf eine eigene Studentenbude verzichten müssen, denn hatte seine Schwester nicht recht? Lächelnd sah er Marie an: "Ich sehe es ein, sein erstes Auto kann man nicht so einfach verkaufen, oder auf den Schrottplatz bringen. Unser Tommy gehört einfach zur Familie. Ich werde ihn behalten!"



Cathrin Franken: Sommerzeit

Summertime

Immer wieder waren Menschen verschwunden und nach Stunden, Tagen oder erst nach Wochen tot aufgefunden worden. Es waren immer Urlauber, nie Einwohner. Doch seit diesen Vorfällen ging die Touristenzahl drastisch zurück. Bob hatte an diesem Tag nur wenig Kundschaft in seiner Autowerkstatt gehabt und daher schon früher geschlossen. Er hatte ein merkwürdiges Gefühl gehabt. Schon den ganzen Tag über. Er war zu Sally gegangen, um sich zu beruhigen und mit ihr über die Probleme des Tages zu sprechen. Sally und er, sie kannten sich eine Ewigkeit, schon aus dem Sandkasten heraus. Irgendwann einmal waren sie ein Paar gewesen, aber das hatte nicht geklappt. Sie sah toll aus und hatte - wie immer - wenig an. Er mochte das überhaupt nicht, denn ihr starrten alle Männer hinterher. Aber Sally machte das nichts aus, im Gegenteil: sie genoß es. Er haßte es, wie ihr diese Urlaubsbengel nachstarrten, die glaubten, Sally und den anderen Dorfmädchen mit ihrem Geld imponieren zu können. Aber jetzt brauchte Bob sich ja keine Sorgen mehr zu machen. Er hatte ja Fernando, und der würde das schon regeln, so wie bisher. Doch jetzt dachte er nicht mehr daran, jetzt saß er mit Sally auf der Veranda und dachte an die Urlauber. Daß sie so vergnügt war, störte ihn. Diese unverschämten Urlauber. Sie hatten kein Recht, sich an Sally zu vergreifen. Sie gehörte ihm, er liebte sie wie eine Schwester, die es zu beschützen galt. "Ich habe ge- sehen, wie diese, diese Typen an dir 'rumgefummelt haben", schrie er jetzt. Er war nun wütend. Sallys unschuldiges, junges Gesicht ließ ihn verzweifelt auf sie einschimpfen. "Oh Gott", dachte er, "sie ist so jung und hübsch". Tränen rollten über seine Wangen. "Bring sie alle um, alle! Keiner darf ihr zu nahe kommen", hatte er Fernando befohlen und ihn bezahlt. Es war das einzig Richtige, das er hatte tun können. Er war so wütend. Bob war außer sich, er wollte sie doch nur beschützen. In seinem Anfall holte er aus und schlug Sally mitten ins Gesicht. Sally rannte weinend ins Haus und knallte die Tür hinter sich zu.

Was hatte er getan? Bob verstand die Welt nicht mehr. Erst einmal mußte er sich beruhigen, dann würde er Sally nachgehen und sie um Verzeihung bitten. Er war viel zu aufgeregt, um das Rascheln im Laub wahrzunehmen. Dann, plötzlich schloß sich eine eiskalte Hand um seinen Hals und drückte zu. "Hasta la vista, Ferienboy", war das letzte, was er vernahm. Und er kannte die Stimme.



Tanja Tarbiat: Der Blumenmann

Night Windows

Ich schlenderte über die schon leeren, fast ausgestorbenen Straßen am Broadway. Die schwere Tasche hatte ich natürlich bei mir - wie immer, wenn ich Loretta besuchte. Wir liebten uns sehr - schon seit Jahren. An einem Straßencafé, das noch geöffnet hatte, machte ich kurz halt, setzte mich, bestellte mir einen Bananenmilchshake und beobachtete das Paar, das mir schräg gegenüber saß. Es war schön, die beiden zusammensitzen zu sehen. Sie liebten sich bestimmt sehr. So wie Loretta und ich uns liebten. Aus dem alten Radio ertönten die aktuellen Elvis-Schnulzen. Ich schlürfte meinen Bananenmilchshake und dachte dabei an Loretta. Wie gut, daß ich die schwere Tasche dabei hatte, der Inhalt würde ihr bestimmt gefallen. Ihr gefiehl es immer, wenn ich die Tasche dabei hatte. Dann sah sie mich erst verstört mit ihren kastanienbraunen Augen an, lächelte verstohlen, so daß man ihre kleinen Grübchen sah und fing an, mit mir zu reden. Die Elvis-Schnulze wurde unterbrochen, und es erfolgte eine Sonderdurchsage. Die Bevölkerung wurde gewarnt vor einem ziemlichen Übeltäter. Schon wieder waren zwei junge Mädchen tot aufgefunden worden. Erschlagen, beide! Ja, ja, man sollte als Frau abends nicht mehr alleine durch diese Straßen gehen. Die armen Dinger taten mir leid. Ich streichelte meine Tasche, bezahlte meinen Milchshake und ging weiter, in der Hoffnung, Loretta heute noch zu treffen. An einem Blumenstand, ein paar Straßen weiter, der auch noch um diese Zeit geöffnet hatte, kaufte ich alle Rosen, die es noch zu kaufen gab. Die Verkäuferin sah mich an und lächelte: "Ja, ja, einmal möchte man nochmal so jung sein und von solchen Kavalieren wie Ihnen Rosen geschenkt bekommen. Und auch noch solche schönen Rosen. Passen Sie bloß auf, es ist schlimm in letzter Zeit mit diesen Frauenmorden nicht wahr?" "Tja, ich werde auf sie Acht geben. Das tue ich bei all meinen Freundinnen!" Die alte Dame sah ihn etwas verstört an, lächelte dann aber wieder. Ich nahm die Blumen in die eine, meine schwere Tasche in die andere Hand und ging weiter. Ich würde sie heute schon treffen. Sie, mit ihrem langen, lockigen, braunen Haar und ihrer Bilderbuchfigur - einfach traumhaft. Ich bog in einen Hof hinein, hier würde Loretta bestimmt sein. Jaaa, da war sie. Sie kam die Treppe, die zum Hof führte herunter. Wollte wahrscheinlich die Wäsche reinholen. Ich lief auf sie zu und streckte ihr die Blumen entgegen. Die Reaktion war wie immer. Sie sah mich an. Zuerst verstört, dann lächelte sie, nahm die Blumen und bedankte sich. Ich bückte mich, um an meine Tasche zu kommen, öffnete sie und holte den schweren Vorschlaghammer heraus. Ich sah das Entsetzen in ihren Augen, doch es war zu spät. Wie immer. Es war zu spät für Loretta. Ich holte aus und schlug zu. Die Arme hatte noch nicht einmal Zeit, um zu schreien. Ich hörte einen dumpfen Schlag, als ich ihren Schädel traf. Sie war sofort tot. Ich sah sie mir an, lächelte, packte meinen Hammer wieder ein, versuchte die Blutflecken wegzuwischen, hob die Blumen auf, die sie hatte fallen lassen, und ging. Und morgen würden sie wieder die Bevölkerung warnen vor einem Mörder mit Hammer.



Ute Corsten u. Marion Vank: Scheidung mit Folgen

Night Windows

Alice Schwarz schmiß die Tür hinter sich zu und ließ sich auf ihr großes, weiches Bett fallen. Die Füße schmerzten ihr von der Arbeit, und so streifte sie die engen Pumps von ihren Füßen. "Jetzt ein heißes Bad", dachte sie sich und stand wieder auf. Sie hatte gerade ihr Kostüm ausgezogen und wollte sich an ihr rosa Negligée machen, als das Telefon ertönte. Sie zögerte. War er es etwa schon wieder? Seit sie die Scheidung durchgebracht hatte, hatte er sie nicht mehr in Ruhe gelassen. Sie hatte auch schon die Polizei verständigt, aber auch die konnten ihren Ex-Mann nicht davon abhalten, sie psychisch unter Druck zu setzen. Sie bekam täglich Briefe oder Anrufe von ihm, in denen er ihr drohte, ihr etwas anzutun, wenn sie nicht zurückkäme. Das Telefon hörte nicht auf zu klingeln. Fest entschlossen nicht abzuheben, zog sie den Stecker aus der Dose. Doch ihr Glaube daran, sich danach besser zu fühlen, schwand dahin. Sie überfiel ein panisches Angstgefühl. Das Gefühl, er sei überall. Im Schrank, an der Tür, hinterm Fenster... Plötzlich knallte es und ein kräftiger Windstoß durch fuhr das Zimmer. Alice wagte nicht, sich umzudrehen. Sie stand da, in ihrem Negligée und fror, doch sie wagte es nicht, sich auch nur einen Zentimeter zu bewegen. Was, wenn er nun da stände, hinter ihr, womöglich bewaffnet oder im Begriff, sie zu vergewaltigen. Sie spähte nach einem Verteidigungsmittel und griff, ohne weiter nachzudenken, nach der Cognacflasche, die vor ihr stand, drehte sich in Sekundenschnelle um und schleuderte die Flasche in Richtung Fenster. Es fehlte nur ein Millimeter, dann hätte sie getroffen. Doch die Nachbarkatze hatte noch einmal Glück und floh ruckartig wieder aus dem Fenster.



Sabine von der Gathen: Die Ruhe vor dem Sturm

Gas

Es war ein gewöhnlicher Spätnachmittag. Jeff saß im Laden seiner Tankstelle. Aus dem Radio tönte die flotte Musik eines Lokalsenders. Leute kamen so spät selten vorbei. Es war überhaupt eine nur selten befahrene Straße, an der er vor 27 Jahren eine Tankstelle eröffnet hatte. Mit den Einnahmen kam er gerade über die Runden. Das Radio, aus dem jetzt die Anfangsmelodie der Nachrichten erklang, gehörte auch schon seit längerer Zeit zu seinem Leben. Auch die Nachrichten brachten das Übliche, eine Rede des Präsidenten zur Lage der Nation, Lokalmeldungen aus North Carolina, die neuesten Ergebnisse der Stanley-Cup-Finals. Jeff wollte schon das Radio ausstellen, als der Wetterbericht ertönte: "Morgen wird im östlichen Teil des Bundesstaates ein Hurrican erwartet. Die Bevölkerung wird gebeten, Gartenmöbel und ähnliche Gegenstände, die leicht wegfliegen können, in Sicherheit zu bringen. Nähere Angaben folgen in der nächsten Sendestunde." Jeff fiel fast sein Glas aus der Hand. Er beeilte sich, zu den Zapfsäulen vor dem Laden zu kommen, um alles zu befestigen, was sich irgendwie bewegen konnte. Währenddessen dachte er nach: Ein Hurrican - ein Alptraum. Wenn die Tankstelle beschädigt werden würde, konnte er einpacken. Warum hatte er bloß nie etwas gespart, nur so für den Notfall? Aber er wußte selbst warum. Zum Sparen gab es nichts, allein die Fahrtkosten zur nächsten Stadt, 58 Meilen entfernt, verschlangen eine Unsumme Geld. Schon zweimal war er überfallen worden, obwohl die Tankstelle wirklich keine Goldgrube war. Und nun auch noch ein Sturm, der ihm alles nehmen konnte, was er besaß. Er ging in den Laden zurück, wo er sich im 1. Stock eine kleine Wohnung eingerichtet hatte. Er setzte sich in den Sessel, der im Wohnzimmer stand. Was würde passieren? Die nächsten Stunden würden entscheidend sein. Jeff schaltete das Fernsehen an. Die Nachrichten: "... kam es durch einen Fehler im Computer des Wetteramtes zu einer Falschmeldung über einen angeblichen Hurrican, der unseren Bundestaat bedrohe."



Stefanie Wald: Das Schicksal

Room in New York

Ich machte das Radio in meinem Auto an, um meinen Gedanken etwas Luft zu machen. Nervös schaltete ich von einem Sender zum anderen. Nachrichten, das Wetter, aber keine Musik. Endlich hatte ich einen Sender mit Musik gefunden und legte mich entspannt in die weichen Sitze meines Mercedes zurück. Aber so richtig entspannen konnte ich mich nicht. Denn ich sah das Ehepaar Winter auf der anderen Straßenseite im Wohnzimmer ihres Hauses sitzen und warten. Ich war wegen ihnen gekommen, aber ich schaffte es einfach nicht, auszusteigen und zu ihnen zu gehen. Ich wußte nicht, wie ich es ihnen sagen sollte. In meiner zwanzigjährigen Dienstzeit ist es mir schon oft so gegangen. Man weiß nie genau, wie man es den Leuten sagen soll und wie sie reagieren. Es ist nicht immer einfach. Viele hören auf zu arbeiten, vernachlässigen so ihre Kontakte zu anderen Menschen und werden schließlich depressiv. Sie vergessen alles um sich herum. Ich habe das schon oft erlebt. Manche werden dann sogar in geschlossene Anstalten eingeliefert, wo sie für den Rest des Lebens bleiben. Als ich aus meinen Gedanken erwachte, sah ich dieses junge Ehepaar immer noch vor ihrem Haus stehen. Sie starrten in die dunkle Nacht hinaus. Es fing an, kühl zu werden, doch das machte ihnen nichts. Sie warteten, ganz in Gedanken versunken. Ich fragte mich, wie und ob ich es ihnen überhaupt sagen sollte. Aber ich mußte, das war meine Pflicht. Wir hatten ihnen versprochen, sie zu benachrichtigen, falls etwas passieren würde. Ich konnte sie nicht länger in diesem wartenden Zustand lassen. Entschlossen öffnete ich die Tür meines Wagens, stieg aus und ging zu ihnen hinüber. Als sie mich erblickten, rannten sie auf mich zu und sahen mich nervös und fragend an. "Was ist mit ihm? Bitte sagen sie es uns", bat mich die junge Frau. Jetzt mußte ich es ihnen sagen: "Ja, es ist war, der Schein ist echt. Wir haben noch einmal alles überprüfen lassen. Sie haben sechs Richtige im Lotto, sie haben drei Millionen gewonnen. Herzlichen Glückwunsch!"



Nicole Kramer: Die unangebrachte Fete

Summer Evening

"Ich halte es nicht mehr aus, ich muß mit dir reden!" Sue nahm Joe an die Hand und zog ihn mit sich raus. Eigentlich hatte sie damit warten wollen. Bis morgen. Oder bis nächste Woche. Sie wollte ihm ja schließlich nicht die Fete verderben. Obwohl es für die Fete sowieso keinen ihr bekannten Grund gab. Draußen lehnten sie sich an die kleine Mauer der Terrasse und lauschten einen Moment der Musik. Sie drang vom Inneren durch die Holztür nach draußen. "Was wolltest du mir denn so Wichtiges sagen?" Joe sah seine Freundin erwartungsvoll an. Das Lampenlicht schien ihr ins Gesicht. Joe merkte mal wieder, was für eine hübsche Freundin er hatte. Sue sagte nichts. Sie starrte nur geradeaus. Die Musik setzte aus. Die Stimmen wurden gut hörbar. Das nächste Lied fing an. Sue verzerrte ihr Gesicht, sagte aber immer noch kein Wort. Es war eine warme Sommernacht. Trotzdem fing sie an, in ihrer kurzen Hose und in ihrem Top zu frieren. Joe legte seinen Arm um sie und nickte ihr aufmunternd zu. "Ich weiß, du willst wieder rein", sie schluckte, "aber ich weiß nicht, wie ich es dir sagen soll." "Sag es doch einfach, so schlimm kann es doch gar nicht sein", erwiderte er. Sue packte die Wut. Warum wollte ihr Freund immer alles verschönen? Warum konnte er nicht auch mal an was Negatives denken? "Wir ziehen weg", rief sie ein wenig zu laut. "Weg!" rief sie ein zweites Mal. Joe blieb ganz ruhig. Sue starrte ihn fassungslos an. Die Musik stoppte. Man hörte wieder die Stimmen, und wieder setzte die Musik ein. Alles ging seinen gewohnten Gang. "Na, sag was", forderte Sue aufgebracht, "sag irgendwas!" Aber anstatt etwas zu sagen, steckte er zwei Finger in den Mund und pfiff zweimal so laut, wie er konnte. Die Tür flog auf. Seine Freunde kamen alle heraus. Sie stellten sich um das Paar herum auf. Alle grinsten. Waren fröhlich. Sue verstand die Welt nicht mehr. Jetzt waren sie, Sue und Joe, genau fünf Jahre und fünf Monate zusammen, und sie kannte ihn immer noch nicht genau. Einer von Joes Freunden öffnete drei Flaschen Sekt. Ein anderer verteilte Gläser. Ein dritter goß ein. Joe erhob sein Glas, stieß es leicht an Sues und fragte sie laut: "Willst du meine Frau werden?" Alle sahen sie gespannt an. Die Sekunden kamen ihnen wie Stunden vor, bis Sue begriff und nickte. Schliealich lachten alle, auch Sue.



Cordula Habig: Endlich Urlaub

Summer Evening

"So habe ich mir unseren ersten gemeinsamen Urlaub nicht vorgestellt", seufzte sie beim Spülen. "Hast du etwas gesagt, ich habe nichts verstanden", kam es hinter einer Zeitung aus dem Wohnzimmer hervor. "Nein ich habe nur angemerkt, daß ich mir das alles etwas anders vorgestellt habe". "Wieso, es entspricht doch alles unseren Wünschen: Ein Ferienhaus mit Schlafzimmer, Bad, Wohnzimmer und Küche in Strandnähe. Damit hast du mir schließlich lange genug in den Ohren gelegen. Wir stehen morgens auf, frühstücken und gehen an den Strand oder machen Ausflüge. Gestern zum Beispiel waren wir in Florenz. Ich finde, du hast wirklich keinen Grund, dich zu beklagen". "Nein? Habe ich nicht? Wer steht morgens als erste auf und macht das Frühstück, während du noch im Bett liegst und dich ausschläfst? Wer räumt den Tisch ab und spült? Und wer macht die ganze andere Hausarbeit? Das ist so für mich kein richtiger Urlaub." Sie warf das Trockentuch in die Ecke und ging nach draußen. Er konnte deutlich die Tür knallen hören. Eine Weile blieb er ziemlich verdattert mit seiner Zeitung sitzen. Hatte sie das Recht, sich so zu beschweren? Bot er ihr nicht fast alles? Das bißchen Hausarbeit, davon wird sie schon nicht sterben. Wer arbeitet denn tagein, tagaus und kommt abends todmüde nach Hause? Er hatte sich den Urlaub redlich verdient. Sie würde sich schon wieder beruhigen und wieder hereinkommen. Nach einer Weile ging er auf den Balkon. Sie stand mit traurigem, ernstem Gesicht auf dem Balkon und stützt sich auf der Brüstung ab. Sie tat ihm nun doch leid, irgendwie hatte sie ja doch recht. "Es tut mir leid, so habe ich das noch nicht gesehen." Sie antwortete nicht, sondern preßte ihre Lippen fest aufeinander. Schließlich ging er schweigend wieder hinein, hob das Trockentuch auf und begann das restliche Geschirr abzutrocknen.



Vanessa Dworak: Nachts im Büro

Office at Night

"Frau Ingwer, kommen Sie schnell ins Büro". Klick. Das Tuten ertönte. Verwirrt legte Irene auf. Ihr Chef rief sie mitten in der Nacht an. Was hatte das zu bedeuten? Doch Irene hatte keine Zeit mehr, sich weitere Fragen zu stellen, denn, nach der Stimme ihres Chefs zu urteilen, mußte sie zusehen, daß sie schnell zu ihrem Arbeitsplatz käme. Nach 15 Minuten betrat sie das Vorzimmer des Büros. Alles war dunkel. Was war hier los? Hatte sich etwa jemand einen Scherz mit ihr erlaubt? Durch die Ritze der Tür, die zu dem Zimmer ihres Vorgesetzten führte, fiel ein schwacher Lichtschein. Sie öffnete die Tür. Ihr Boss saß an seinem Schreibtisch und blätterte nervös in den Papieren herum, die überall verteilt waren. "Verdammt", rief er aus, "Frau Ingwer, geben sie mir die Rehberg-Akte, schnell, wir haben keine Zeit zu verlieren!" Nun völlig irritiert griff Irene in den Aktenschrank und holte die Akte heraus. Als Sekretrin eines Privatdetektivs hatte sie gelernt, keine Fragen zu stellen, doch jetzt konnte sie nicht mehr an sich halten. Während sie die Akte überreichte, fragte sie: "Was hat das...?" "Nicht jetzt", unterbrach der Detektiv sie. Er überflog die Akte. "Mist, ich habe es doch gewußt. Kommen sie, wir müssen hier weg, bevor es zu spät ist..." Ein grausames, quietschendes Geräusch unterbrach ihn. Ihr Herz klopfte laut. "Verdammt, es ist zu spät. Sie haben mich entdeckt", schrie er. Beide starrten zur Tür. Was würde als nächstes geschehen? Ihr Chef zog seine Waffe hervor und baute sich vor der Tür auf. Irene kauerte sich hinter den Aktenschrank. Sie hatte das Gefühl zu sterben. Ein lautes Rumpeln war zu hören. Irenes Boss riß die Tür auf. "Miau", neugierig blickte eine kleine Katze in das Zimmer. Mein Gott.



Cordula Jennissen: Nächtlicher Besuch

Night Windows

Mitten in der Nacht wachte sie auf. Ihr Kopf brummte. "Ich glaube, ich nehme besser noch eine Tablette." Mit zittrigen Fingern knipste sie das Licht an und holte langsam, auf wackeligen Beinen das Glas Wasser von der Kommode. Sie fühlte sich trotz ihrer Grippe gleich wohler, als das kühle Naß durch die Kehle rann. Bevor sie zurück ins Bett kroch, öffnete sie noch das Fenster. "Ach, endlich frische Luft!" Zufrieden atmete sie tief ein. Dann stellte sie das Glas auf das Nachtkommödchen und stieg unter die Bettdecke. Bald lag das Zimmer wieder im Dunkeln. Die Augen fielen ihr zu. Plötzlich aber war sie wieder hellwach. Sie meinte, ein Kratzen gehört zu haben. Oder hatte sie sich das nur eingebildet? Nein, da war dieses Geräusch schon wieder. Heiß und kalt lief es ihr den Rücken runter. Sie zitterte. Da, auf einmal glaubte sie, ihr würde das Herz stehenbleiben. Vor ihrem Fenster wurde eine dunkle Gestalt sichtbar. Ein Kopf erschien und starrte in das Zimmer - sie an. Ihre Hände tasteten langsam die nähere Umgebung ab. Wo war ein Waffe? Verzweiflung packte sie. Sie fühlte sich einsam und verlassen. Ihr Mann war mit dem Sohn ins Kino gegangen. Niemand war in der Nähe. Womit nur sollte sie sich wehren? Langsam glitt der nächtliche Besucher in den Raum und war plötzlich verschwunden. Klein zusammengekauert hockte er unter dem Fenster. Nachdem er wenige Sekunden in die Stille hineingehorcht hatte, kroch er auf dem Boden auf sie zu. Ihr Atem stockte. Der Schädel schien zu zerspringen. Da, nun hatte der Einbrecher sie erreicht. Vorsichtig hob er den Kopf. Klirr! Glas zersprang. Ein lauter Schrei durchdrang die Stille. Dann folgte wieder Ruhe. Rasch knipste sie das Licht an. Was sie sah, ließ fast ihr Herz stillstehen. Der ganze Boden war mit Scherben übersät, und mittendrin lag der Eindringling mit einer blutigen Schramme, die über die Stirn lief. "Tom", schrei sie. "Oh, Tom!" Sie stand auf und holte rasch Verbandszeug. Während sie ihn verarztete, öffnete er die Augen. "Mama!" Erleichtert lächelte sie ihn an. "Warum erschreckst du deine Mutter so und steigst in mein Fenster ein?" "Ach", seufzte er, "weißt du, Pap und ich haben unsere Schlüssel vergessen und kamen nicht mehr ins Haus. Deshalb bin ich, als wir dein offenes Fenster sahen, hier hochgeklettert." "Aber warum habt ihr nicht geklingelt?" "Du bist doch krank. Wir wollten dich nicht aus dem Schlaf holen".



Christiane Hucke: Das fehlende Stück

Compartment C, Car 193

Plötzlich tauchten wieder ein paar Bilder ihrer Vergangenheit auf. Sie waren wie Fotos, die unvollständig, wie ein Puzzle nebeneinander lagen. Sie erinnerte sich an das Meer, die untergehende Sonne und die tosenden Wellen. Sie dachte außerdem an das riesige Hollywoodschild an den Hügeln von L.A.. Claire versuchte ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen. Seitdem sie an Anämie litt, war ihr Leben völlig durcheinander geworfen worden. Noch nicht einmal an den Unfall konnte sie sich erinnern. Eine Frau, die Claire erzählt hatte, daß sie Polizistin sei, berichtete, daß ein gewisser Richard sie an jenem Abend im angetrunkenem Zustand in den Teich geworfen habe und daß sie eine Kreditkarte auf den Namen Claire Olsen, geb. Rabber bei sich gehabt habe, aber weiter hatte sie nichts erzählt, auch nichts von Hollywood. Man hatte ihr damals geraten, dorthin zu fahren, vielleicht würde sie ja jemanden erkennen und sie könnte sich wieder an alles erinnern. Inzwischen war der Zug in Georgiß angekommen. Von hier aus dauerte er nur noch eine Stunde bis zum Bahnhof von Atlanta. Sie bemerkte, daß es schon dämmerte und die Sonne wie ein riesiger Feuerball unterging. Sie schlief ein, und als sie aufwachte, war der Zug schon in Atlanta. Eilig packte sie ihre Sachen zusammen und nahm das nächstbeste Taxi zum Flughafen. In Hollywood angekommen, sah sie ein großes Schild, auf dem ihr Name stand. Der Chaffeur würde sie sicher zum "Richardson" fahren. Als sie das Auto verließ, stand plötzlich ein Mann vor ihr, der einem Bär ähnelte. "Hallo Claire!" Claire sah den jungen Mann verdutzt an. Sollte er etwa ihr Mann sein? Claire versuchte sich zu erinnern. "Sagen Sie, ich leide unter Gedächtnisverlust, bitte helfen Sie mir weiter. Sind wir vielleicht verheiratet?" "Nein, Lady, leider nicht. Ich werde dir auf die Sprünge helfen. Es war vor einem Jahr, wir haben uns am Meer getroffen, weil es sonst zu auffällig gewesen wäre. Du wolltest mit mir wegen deines Mannes sprechen." "Meines Mannes? Sie kennen ihn." "Ja, er sollte durch mich ermordet werden. Du sagtest, er hätte dir viel Kummer bereitet, und du wolltest an das Versicherungsgeld." Claire wurde weiß im Gesicht. "Und.... und haben Sie... es getan?" "Ja, natürlich, was ich mache, das mache ich richtig, glaub mir."



Daniela Stratmann: Die "Dame"

Compartment C, Car 293

Der Zug fuhr an. Im Wagon 293, Abteil C, saß eine Dame. Das Abteil wurde durch das Licht auf dem Gang angenehm erhellt. Es war Nacht. Wie lange würde die Fahrt dauern? Sieben Stunden? Ja, sieben Stunden hatte man ihr gesagt. Sie lehnte sich zurück, doch sie konnte sich nicht entspannen. Der Schaffner kam. Sie war freundlich und schien gelassen. Als er gegangen war, atmete sie tief durch, doch sie konnte sich noch immer nicht richtig entspannen. Sie las in Zeitschriften, um sich abzulenken. So vergingen drei Stunden. Dann kam die Grenze. Der Zug verlangsamte seine Geschwindigkeit. Sie wurde aufgeregter und stellte sich ans Fenster. Doch der Zug hielt nicht, sondern fuhr wieder schneller. Jetzt ließ sie sich auf ihren Sitz fallen, war erleichtert und entspannte sich völlig. Vor lauter aufkommender Freude zog sie ihre Schuhe aus und streckte sich auf den Sitzen aus. Welch ein Freiheitsgefühl. Endlich über die Grenze! Nun konnte sie die Fahrt richtig genießen. Es dämmerte langsam. Sie blickte aus dem Fenster und betrachtete die schöne Landschaft. Die Zeit verging. "Noch eine halbe Stunde", dachte sie und malte sich aus, was sie in Paris alles würde tun können. "Es ist doch herrlich, frei zu sein", sagte sie zu sich selbst. Als der Zug in Paris hielt, wurde plötzlich und völlig abrupt die Abteiltür geöffnet. Zwei Polizisten traten ein und verhafteten sie, unter dem Verdacht, ihren Mann am Abend zuvor vergiftet zu haben.



Kirsten Kleine-Limberg: Fahrt ins Ungewisse

Compartment C, Car 193

Alice saß alleine in einem Abteil des Zuges nach Texas. Sie hatte sich aufgrund eines Telegrammes, das ihr Stiefvater ihr geschickt hatte, sofort auf die Reise gemacht. Das Telegramm lautete: Alice komm sofort nach Texas, schnell. Darauf hatte sie blitzschnell reagiert, mitten in der Nacht ihre Koffer gepackt und war zum Bahnhof gegangen, in der Hoffnung, noch einen Zug zu erwischen. Sie hatte Glück, denn nach fünf Minuten war der nächste Zug nach Texas gekommen. Als Alice im Zugabteil saß, war sie ziemlich nervös, da sie nicht wußte, was auf sie zukam. Alice dachte die ganze Zeit nach, aus welchem Grund sie so schnell nach Texas kommen sollte. Ob etwas mit Heinz, ihrem Stiefvater passiert war? Ach nein, das konnte nicht sein, denn er hatte ihr doch das Telegramm geschickt. Konnte ihrer Mutter etwas passiert sein? Nein, es war ihr immer gut gegangen, und sie war ja auch gerade erst 50 Jahre alt. Allerdings, sie hatte sie schon seit vielen Jahren nicht mehr gesehen. Das Rattern des Zuges riß Alice aus ihren Gedanken! Gegen sechs Uhr hielt der Zug in Abilene. Sie hatte kein gutes Gefühl, als sie den Zug verließ. Am Bahnhof nahm sie sich ein Taxi, da sie noch fünfzehn Meilen vor sich hatte, um an die Farm ihrer Eltern zu kommen. Als sie ankam, waren alle Zimmer hell erleuchtet. Das war verwunderlich, denn ihre Eltern waren nie vor neun Uhr aufgestanden. Sie ging zur Tür und stellte fest, daß sie unverschlossen war. Sie öffnete langsam die Tür und trat ein. Es war vollkommen still. Jetzt wurde es Alice ganz anders um's Herz und rief ganz aufgeregt: "Mutti, Heinz, wo seid ihr? Ist niemand da?" Sie rannte durch das ganze Haus und betrat schließlich auch als letztes Zimmer des Hauses: das Schlafzimmer. "Nein, Nein, Mum, Heinz", schrie sie hysterisch. Ihre Mutter lag regungslos auf ihrem Bett und ihr Stiefvater lag ebenso leblos quer auf ihr. "Oh nein," rief sie und wurde bewußtlos. Als Heinz den dumpfen Knall hörte, der dadurch verursacht wurde, daß Alice mit ihrem Hinterkopf gegen die Marmorplatte der Kommode fiel, sagte er: "Ich glaube, wir können jetzt aufhören, ihr etwas vorzuspielen, ich denke, sie hat begriffen, daß sie sich zukünftig mehr um uns kümmern soll."



Sabine Becker: Ein Tag wie jeder andere

Gas

Heute war ein Tag wie immer, ruhig, nur wenige Autos kamen noch an der alten Tankstelle vorbei. Ben wollte gerade schließen, als er das Geräusch eines Motors hörte. Sollte da ein Auto um diese Zeit noch nach Derrington unterwegs sein? Seitdem der alte Christopher dort tot aufgefunden worden war, traute sich niemand mehr dorthin. Angeblich sollten da die Geister der Toten sich für ihren letzten Kampf vor nunmehr fast einhundert Jahren rächen. Die Leute erzählten immer noch von diesem Fluch, daß für jeden toten Indianer ein Weißer sterben müsse. Das Motorengeräusch kam näher und näher und schließlich sah er einen Chevrolet, der langsam die Straße entlangfuhr. Als der Wagen näher kam, konnte Ben zwei junge Männer und ein Mädchen erkennen. Langsam fuhr das Auto an die Zapfsäule, und der Fahrer stieg aus. "Einmal volltanken", rief er Ben zu. Er war 20, höchstens 22 Jahre alt. Nach einiger Zeit faßte Ben sich ein Herz und fragte die jungen Leute, was sie denn in so einer verlassenen Gegend und um diese Uhrzeit suchten. "Derrington", sagte der Fahrer und lachte. Nun lehnte sich der zweite Mann aus dem Fenster und sagte, sie hätten keine Angst vor Geistern. "Mensch Opa, nun mach dir mal nicht gleich ins Hemd. Wir werden den Geistern einen gehörigen Schrekken einjagen, da sei mal sicher". Der Fahrer zahlte, stieg in sein Auto und brauste davon in den Wald von Derrington. Mitten in der Nacht wachte Ben auf und ging in die Küche, um etwas zu trinken. Als er wieder nach oben gehen wollte, hörte er wieder das Motorengeräusch. Ben zog sich seine Jacke über und ging vor die Tür. Nach wenigen Sekunden sah er im Licht des Vollmondes den roten Chevrolet aus dem Wald und an ihm vorbei zurückrasen. Vielleicht hatte er sich ja auch geirrt, aber hatte er da eben nicht nur zwei Personen im Auto sitzen sehen?



Sandra Attula: Das verpaßte Rendezvous

Western Motel

Es herrscht absolute Stille. Seit Stunden sitzt Mary in ihrem Hotelzimmer und starrt die Tür an. Ihre Gedanken stehen ihr sichtbar ins Gesicht geschrieben. Eine gespannte Stimmung erfüllt den Raum. Was wird geschehen, wenn er diese Stille unterbricht? Wird sich ihre Enttäuschung in Wut umwandeln? Oder wird sie sich im Zaum halten können? Es vergehen noch weiter Stunden, die Mary neben ihren bereits fertig gepackten Koffern verbringt. Endlich fährt ein grüner Cadillac mit quietschenden Reifen vor. Eine Autotür wird zugeschlagen und dann, dann wird die Zimmertür aufgerissen. Noch immer sitzt Mary steif auf ihrem Bett und starrt den jungen Mann, der im Türrahmen steht, voller Verbitterung an. Er versucht etwas zu sagen, doch dazu kommt er nicht mehr. Mary bricht in Tränen aus und rennt auf ihn zu, als ob sie ihn umarmen wolle, doch kurz vorher stoppt sie ab und faucht ihn an: "Du Schuft, ich hoffe du hast eine gute Erklärung. Ich warte bereits seit sechs Stunden auf dich, du, du, du..." "Mary, es tut mir wirklich leid..." "Leid? Es tut dir leid? Ist das alles, was du zu sagen hast? Ich will wissen, wo du warst." "Mary, bitte hör mir doch zu. Laß mich bitte alles erklären. Ich hatte einen guten Grund!" "Einen guten Grund! Wäre es nicht vielleicht möglich gewesen, ein Telephon zu finden? Es kann nichts geben, was es rechtfertig, mich einen Tag vor der Hochzeit sechs Stunden in diesem abscheulichen Zimmer sitzen zu lassen." "Aber Mary, ich hatte mir eine Überraschung für dich ausgedacht, aber irgendwie ist alles schiefgegangen. Ich habe ein Haus für uns gekauft, aber das hat länger gedauert, als ich wollte." "Ein Haus!" Marys Gesicht klärte sich wieder auf. "Ja dann..."



Svenja Horn: Bruder wechsel Dich

Compartment C, Car 293

"Ja Jonny, ich habe erreicht, was ich mir zum Ziel gemacht habe. Du hast mich unterschätzt, und jetzt ist es zu spät für dich", dachte Clarissa, lehnte sich zufriden zurück und schaute durch das Abteilfenster in die Dunkelheit. "Sie müssen achtgeben. Der Zug wird gleich den Bahnhof erreichen." In der Tür stand der ältere Mann mit dem auffallenden Hut, mit dem sich Clarissa auf der Fahrt lange unterhalten hatte. "Danke, ich werde aufpassen." Die Tür schloß sich und Clarissa begann sich vorzustellen, wie Ralph sie empfangen würde. So lange Zeit mußte sie ihre Gefühle für Ralph verstecken, aus Furcht, ihr Mann könnte entdecken, daß sie den Bruder ihres Mannes liebte. Doch nun war John tot, verbrannt in seinem Wagen. Ralph sträubte sich am Anfang gegen den Plan, John umbringen zu wollen. "Er ist mein Bruder, bitte vergiß das nicht", hatte er Clarissa gesagt. Doch sie war fest entschlossen. "Ich kann so nicht mehr leben, ich werde noch wahnsinnig. Ich liebe diesen Mann nicht mehr, und keiner wird Verdacht schöpfen, wenn er mit seinem Wagen verunglückt. Jeder weiß, daß er sich nie an irgendwelche Geschwindigkeitsbeschränkungen gehalten hat." Nun aber, nach dem Unfall, war ihre Stimmung heiter, und je mehr der Zug sein Tempo verringerte, desto schneller begann ihr Herz zu klopfen. Dort in der Ferne sah sie eine Gestalt, die Ralph glich. Sie nahm ihre Koffer und hatte einige Mühe, mit ihnen aus dem Zug zu kommen. Ja, das mußte er sein. Es war sein Mantel. Sie ließ die Koffer fallen und rannte auf ihn zu. "Ralph, hier bin ich." Der Mann drehte sich um und als sie ihm ins Gesicht schaute, wurde sie blaß und stand versteinert ohne jeden Gesichtsausdruck vor ihm. "Clarissa, du hast dich zu früh gefreut. So schnell kannst du mich nicht aus deinem Leben vertreiben."



Isabelle Collmann: Schicksal am Broadway

Nighthawks

Marilyn, die kleine Frau Mitte 30, mit zarter Figur und blondem Haar, saß wie so oft mit depressivem Gesichtsausdruck an der Theke seiner Bar, die sich am Ende des Broadways an einer Ecke befand. Er kannte sie wegen ihrer häufigen Besuche gut und ahnte, daß sie mit Problemen beladen war. Meistens kam sie, bestellte sich drei Wodka pur, trank sie wortlos aus und verschwand ebenso wortlos wieder. Auch heute war sie wieder gekommen, hatte sich auf den Barhocker gesetzt und ihre drei Wodka bestellt. Sie schien noch verschlossener zu sein als sonst. Kurz nachdem sie das dritte Glas getrunken hatte, betrat ein Mann die Bar. Er ging auf Marilyn zu und redete auf sie ein. Marilyn reagierte jedoch nicht. Sie starrte nur geradeaus, so als befände sie sich in einer anderen Sphäre. Nach einer Weile verließ der Mann achselzuckend die Bar. Der Barkeeper beschloß, Marylin im Auge zu behalten, weil sie ihm heute besonders apathisch erschien. Kurze Zeit später ging Marylin schwankend mit ihrer kleinen Handtasche zur Toilette. Als sie nach längerer Zeit noch nicht wieder zurück gekommen war, ging er ihr nach. Hatte sie sich etwa etwas angetan? Hätte er sich doch mehr um sie gekümmert. Er fand sie schließlich in der Toilette, auf dem Boden sitzend. "Marylin, was ist los mit ihnen? Geht es ihnen nicht gut" " Nicht gut? Doch, Louis, doch. Es geht mir gut, Wirklich gut. Ich dachte ich müßte sterben, ich hätte Krebs, aber ich habe gerade erfahren, daß die Geschwulst gutartig ist. Eigentlich bin ich gerade neu geboren worden."



Anja Freund: Rache

Compartment C, Car 293

Sie mußte immer wieder an Eddie denken. Eddie, warum war er jetzt nicht bei ihr? Aber das war unmöglich, denn ihr Mann war seit einer Woche tot. Sein irrsinniger Beruf hatte ihn umgebracht. Sie hatte ihn immer wieder angefleht, seinen Beruf aufzugeben, da er viel zu gefährlich sei, doch nun war es zu spät. Er hatte seit ca. einem Jahr schon an diesem Fall gearbeitet, und er war der Lösung sehr nahe gewesen. Es ging um diesen Drogenring in London, den er schon so lange beobachtete, aber er fand nichts, womit er ihn auffliegen lassen konnte, doch plötzlich bekam er von einem Informanden wichtige Hinweise auf den Sitz dieses Drogenrings. Doch noch bevor er ihnen nachgehen konnte, wurde er von dieser Bande an einem gewittrigen Donnerstag abend in der Nähe seines Büros ermordet. Mary Anne war total verbittert und fest entschlossen, die Mörder ihres Mannes zu finden und auch den Drogenring auffliegen zu lassen. Das war auch der Grund, warum sie jetzt im Zug in Richtung Manchester saß. In ihrem Abteil studierte sie die Pläne und Aufzeichnungen ihres Mannes zu dem Fall, die er ihr hinterlassen hatte. Ganz unerfahren war sie in seinem Beruf nicht gewesen, denn sie hatte ihm schon öfter bei seinen Recherchen geholfen, also war sie fest entschlossen, diesen Fall zu Ende zu bringen. Durch einen Under-Cover-Agenten hatte sie den Namen des Drogenbosses erfahren und beschloßen, ihn in eine Falle zu locken. Sie hatte mit dem Gangster ein Treffen vereinbart, um ihm belastendes Material zu verkaufen. Als sie nun die Lagerhalle betrat, in der sie sich treffen wollten, wurde sie von einem Scheinwerfer geblendet. Ein Mann kam auf sie zu, durchsuchte sie nach Waffen und forderte sie anschließend auf, auf den schwarzen Wagen zuzugehen, der Boss würde sie erwarten. Vor dem Wagen blieb sie stehen. Die getönte Scheibe senkte sich. "Hallo, Mary-Ann, wie schön dich wiederzusehen." Sie starrte mit großen Augen und offenem Mund auf den "Boss". "Eddie".



Marija Pilicic: Scherben im Büro

Office at Night

Das war meine Chance. ich mußte es ihm mitteilen. Wir waren ganz alleine im Büro, denn wir machten noch spät abends Überstunden. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und schmuggelte meinen Brief zwischen die Akten, die er gerade anfangen wollte durchzusehen. Ich hatte es getan. Ich konnte er kaum glauben. Schnell tat ich so, als ob ich sehr beschäftigt sei. Ich stand schräg hinter ihm. Ich konnte sein Gesicht nur von der Seite sehen, aber es reichte aus, um seine Reaktion mitzubekommen. Er merkte nicht, daß ich ihn eingehend betrachtete. Er hatte ein schönes Gesicht. Seine Züge waren sanft, seine Nase und sein Mund wohlgeformt. Wie lange träumte ich schon davon, dieses Gesicht zu berühren und diesen Mund zu küssen. Ich schrak aus meinen Gedanken auf, als er plötzlich mit seiner angenehm tiefen Stimme zu mir sagte: "Hilary, können Sie bitte Kaffee kochen? Wenn Sie schon einmal dabei sind, können Sie sich doch auch eine Tasse holen und sich zu mir setzen." Ich konnte es nicht glauben, er hatte mich dazu eingeladen, mich zu ihm zu setzen. Ich war so glücklich, daß ich nur nicken konnte. Schnell ging ich hinaus. Während der Kaffee kochte, machte ich mir noch schnell die Haare und schminkte mich neu. Dann ging ich mit dem Tablett ins Büro zurück. Sofort bemerkte ich, daß Brian meinen Brief las, in dem stand, was ich für ihn empfand. Ich ließ vor lauter Schreck das Tablett fallen. Alles zerbrach. Ich Trampel, was sollte er von mir denken. Sicherlich würde er nun ungehalten reagieren. Brian sah zu mir auf. Langsam ließ er den Brief sinken. Er sah mich ernst an, blickte dann auf die Scherben und die Kaffeeflecken auf dem Boden. Er stand auf, ging um den Tisch herum und sah mich unverwandt an. Ich war so verwirrt und kam mir dummm und albern vor. Wie konnte ich ihm nur diesen Brief schreiben. Und dann noch das Tablett. Endlich öffnete er den Mund. "Hilary! Erstens! Räumen Sie die Sauerei weg. Und zweitens ...", er begann zu grinsen, "liebe ich dich auch."



Andrea Rath: Trauer ohne Ende?

Automat

Ich saß in einem Automatencafe, das die ganze Nacht geöffnet hatte, weil ich wieder einmal nicht schlafen konnte. Wieder stieg große Trauer über den Tod meines Mannes in mir auf. Ich liebte ihn doch so sehr, und wir waren erst zwei Jahre verheiratet. Wer hätte gedacht, daß unsere Ehe so kurz sein würde? Er hatte schon öfter Probleme mir dem Herzen gehabt, und als er an einem Abend von der Arbeit kam, sah er sehr blaß aus und konnte nur sehr schlecht Luft holen. Er atmete sehr schwer und ging auf den Balkon, um mehr Luft zu bekommen. Ich war die ganze Zeit über bei ihm, und er packte sich plötzlich an sein Herz. Ich brachte ihn zum Sofa und rief das Krankenhaus an. Meine Befürchtung, er habe einen Herzinfarkt gehabt, bestätigte sich. Er lag zehn Tage auf der Intensivstantion, dann starb er an einem zweiten Infarkt. Ein Gast betrat das fast leere Cafe und ging auf die Automaten zu. Er erinnerte mich an den Mann im Reisebüro. Freunde hatten mir nach der Beerdigung geraten, eine Reise zu unternehmen. Im Reisebüro hatte man mir dann eine Kreuzfahrt empfohlen. Ich war erst mit einem der neuen grünen Fernreisezüge an die Ostküste gefahren. Da trug ich noch Trauerkleidung. Am Schiff angelangt nahm man mich und die anderen Passagiere freundlich auf. Drei Monate waren eine lange Zeit, ich hatte ein Menge netter Leute kennengelernt und mich äußerlich gut erholt. Ich hatte die Trauerkleidung abgelegt und nach der Reise noch meine Eltern und Schwiegereltern besucht. Ich hatte gehofft, nun genug Kraft zu haben, einen neuen Anlauf zu nehmen. Aber als ich in die Stadt zurückkam, kam auch die Trauer wieder. Kaum eine Nacht schlief ich richtig, oft ging ich stundenlang einsam durch die Straßen. Würde ich es wohl jemals schaffen, die Trauer zu überwinden? Ein Schatten fiel auf mein Gesicht. "Darf ich mich zu Ihnen setzen?" Ich blickte von meiner Kaffeetasse auf. Der Mann aus dem Reisebüro, er war es tatsächlich. "Wie geht es Ihnen, wie war die Kreuzfahrt?" Er setzte sich zu mir und lächelte. "Sagen Sie bloß, Sie können auch nicht schlafen bei Vollmond?"



Tanja Köhler: Böse Überraschung

Compartment C, Car 293

Sie wußte nicht mehr, zum wievielten Mal sie seinen Brief nun las. Als sie ihn zum ersten Mal auseinanderfaltete, hatte sie nicht im geringsten geahnt, daß es einmal der letzte sein würde, den sie von ihm bekommen sollte. Er hatte doch geschrieben, daß er seine Wohnung in den nächsten Tagen auflösen wollte, um danach für immer zu ihr zu ziehen. Statt dessen saß sie nun mit tränenüberströmtem Gesicht im Zug und war auf dem Weg zu seiner Wohnung. Der Tunnel durch den der Zug gerade fuhr, und ihre dunkle Kleidung, paßten zu ihrer Stimmung. Um den Rest seiner Sachen zu holen, begab sie sich in seine fast völlig ausgebrannte Wohnung. Der einzige Raum, den das Feuer nicht angegriffen hatte, war das Schlafzimmer. Wie man ihr gesagt hatte, hatte James die Küche nicht mehr rechtzeitig verlassen können, bevor er von dem ausströmenden Gas ohnmächtig geworden war und eine Kerze schließlich das Feuer entfacht hatte, dessen Flammen ihn verbrennen ließen. Der Gedanke daran ließ ihr Tränen ins Gesicht schießen. Lange war sie nicht mehr in seiner Wohnung gewesen und im Schlafzimmer standen inzwischen ein paar andere Möbel. Ach wäre er doch bei seinem letzten Besuch nur schon bei ihr geblieben. Sie hatten bereits Zukunftspläne gemacht und wollten in diesem Jahr heiraten. Sie wurde aus ihren Gedanken gerissen, als ihr Blick auf James' Nachttisch fiel. Dort stand das Foto einer ihr unbekannten Frau. Schlagartig verwandelte sich ihr Schmerz in Wut. Warum war sie nur so dumm gewesen und hatte nie etwas von der anderen bemerkt? Nein, sie konnte, sie wollte nicht glauben, daß er sie betrogen hatte. Und doch! Sie hielt es in der Wohnung nicht mehr aus. So schnell wie möglich nach Hause zu fahren, war alles, was sie wollte. Der Gedanke an die andere Frau quälte sie noch immer, als sie spätabends die Tür zu ihrer Wohnung aufschloß. Als sie das Wohnzimmer betrat, blieb ihr fast das Herz stehen. James saß im Sessel und las Zeitung. Tausend Gedanken schossen ihr durch den Kopf. Er war doch tot! Endlich fielen sie sich in die Arme. Dann erzählte sie dem erstaunten James, daß er angeblich verbrannt sei. "Wo warst du denn", fragte sie, und das Bild der Frau fiel ihr wieder ein. James erzählte, sein Nachmieter sei einige Tage früher in die Wohnung gezogen, er habe deshalb noch ein paar Tage bei seiner Schwester verbracht, und seine plötzliche Ankunft bei ihr, war als Überraschung gedacht.



Stephanie Döpper: Der Schuß

Night Hawks

Langsam gingen Laura und James die Straße hinunter. Sie wurde noch immer von Weinkrämpfen geschüttelt. Immer weider sagte sie: "Er ist tot, ich weiß es!" "Sei ruhig", zischte James und zog sie in die Bar an der Ecke. Sie setzten sich an die Theke und James bestellte zwei Drinks. Laura war immer noch außer sich: "Irgendjemand hat ihn erschossen. Ich weiß es ganz genau, ich habe doch den Schuß gehört..." "Red keinen Unsinn, da war kein Schuß. Du mußt etwas anderes gehört haben." "Aber warum fiel er plötzlich von der Brücke", entgegnete Laura. "Woher soll ich das wissen? Ein Schuß war's nicht", erwiderte James. "James", sagte Laura, "wir müssen zur Polizei gehen und sagen, was passiert ist." "Nein", schrie James. Als er merkte, daß der Barkeeper aufmerksam wurde, sprach er leiser: "Wir nehmen noch heute einen Zug nach Frankreich und keiner wird uns mit dem Vorfall in Verbindung bringen." "Aber..." "Kein aber", erwiderte James, bezahlte die Drinks und ging hinaus. Laura folgte ihm. "Komm", sagte er, "wir müssen noch ein paar Sachen holen und dann verschwinden wir." Auf einmal ertönte eine Polzeisirene. Der Barkeeper hatte das Gespräch der beiden mit angehört und sofort die Polizei benachrichtigt. "Verdammt, die Bullen", rief James und lief in voller Panik los. Laura hinter ihm her. Doch sie waren nicht schnell genug. Unglücklicherweise liefen sie auch noch in eine Sackgasse. Jetzt gab es kein Entkommen mehr. Plötzlich zog James eine Pistole aus seiner Jackentasche. "James", schrie Laura. Auf einmal wurde ihr alles klar. James hatte Jonny umgebracht. "Du warst es. Du hast Jonny erschossen", rief Laura und fing hysterisch zu schreien an. Für James war das zuviel. Er war mit den Nerven am Ende. Die Sirenen und nun auch noch Lauras Geschrei. Er richtete die Pistole auf Laura. "Wenn, dann sterben wir gemeinsam." Ein Schuß fiel. James sackte zusammen und lag reglos da. Einer der Polizisten hatte auf ihn geschossen; er war sofort tot. Laura kniete sich weinend neben ihn: "Ja James, du hast recht. Wenn, dann sterben wir gemeinsam", flüsterte sie und nahm ihm die Pistole aus der Hand.



Melanie Becker: Blutiges Schauspiel

Night windows

Zum Glück hatte ich jetzt meine Ruhe. Der Tag war stressig, und ich war froh, in meiner neuen Wohnung zu sein. Es war schon schwer, hier in dieser Gegend eine preiswerte Wohnung zu bekommen. Doch endlich schien ich Glück gehabt zu haben. Ich freute mich auf ein kühles Bier und wollte einfach die Beine hochlegen. Als ich zum Kühlschrank ging und beiläufig aus dem Fenster schaute, fuhr ich fast aus meiner Haut. Ich traute meinen Augen nicht. Ich schaute noch einmal, doch der Schein trügte nicht. In dem Haus gegenüber, das heißt in der Wohnung gegenüber, wurde ich Zeuge eine Tat, die ich bisher nur aus Filmen kannte. Eine Frau, Mitte 30, stand vor einem Mann und stach immer wieder mir dem Küchenmesser auf ihn ein. Ihr Geschicht war verletzt, der Mann schien zu schreien und überall dieses Blut. Mir wurde übel. Ich wollte wegsehen und schaute in die Nebenwohnung rechts davon. Ich konnte es nicht fassen, auch dort ging es kriminell zu. Zwei Männer würgten und schlugen eine Frau. Ihr Gesicht war grün und blau. Sie rang nach Luft, doch die Männer ließen nicht ab von ihr. Was sollte ich tun? Ich schaute auf die Straße und sah eine Menschenmenge von bestimmt 100 Personen vor dem Haus stehen. Ich war also doch nicht der einzige, der von der Höllentat mitbekommen hatte. Die Schreie der Opfer hatte wohl alle Mitbewohner der Straße angelockt. Ich rannte hinunter um zu helfen - schließlich war ich Augenzeuge. Es war entsetzlich. Ich mußte mich durch die Menschenmenge kämpfen. Endlich kam ich an die Haustür, als ein älterer Mann auf mich zukam. "Herzlichen Glückwunsch! Sie sind der 10.000 Besucher unserer Aufführung >>Die Morde in der Fontänengasse<<" und haben soeben für ein Jahr freien Eintritt in unser Fabrik-Theater gewonnen."



Kathy Quendrian: Mein neuer Cady

Gas

Ich fuhr mit meinem Auto, einem Cadillac, in Richtung Tennessee. Auf der Landstraße war nicht viel Verkehr, weshalb mein Tempo auch nicht gerade gering war. Auf dieser Straße fuhren nie viele Autos. Am Nachmittag merkte ich, wie mein Magen nach Essen verlangte, und ich suchte in meinem Handschuhfach nach Kaugummi. Fürs erste mußte das reichen. Plötzlich wurde der Wagen langsamer, ohne daß ich meinen Fuß vom Pedal nahm. Ich trat das Gaspedal durch, doch es half nichts. Schließlich blieb der Wagen liegen. Ich schaute auf die Tankanzeige. Er war leer. Das durfte doch nicht war sein. Ich hatte die ganze Zeit kein einziges Mal auf den Tank geschaut. Ich stieg aus, um den Ersatzkanister zu holen. Doch außer meinen Sachen und dem Koffer befand sich nichts im Kofferraum. Auch das noch. Jetzt hatte ich schon einen neuen Wagen, und ausgerechnet der Ersatzkanister fehlte. Mir blieb nichts anderes übrig, als zu schieben. Ich war schon einige Stunden unterwegs, als ich von weitem Tanksäulen sah, oder bildete ich mir das nur ein? Nein, ich hatte recht und je näher ich kam, umso deutlicher erkannte ich, daß ein Mann an der Tanksäule stand. Auf meine Augen konnte ich mich verlassen. Ich war mir nicht sicher, aber es schien, als würde er die Tankstelle schließen. Ich schrie ihm zu, er solle noch warten, doch er konnte mich nicht hören, ich war noch zu weit entfernt. Es dämmerte schon, und als ich endlich ankam, war die Sonne schon untergegangen. Ich schob meinen Wagen neben die Tankstelle und schaute, ob noch jemand da war. Vergebens. Ich setzte mich in meinen Caddy und vor lauter Hunger, Erschöpfung und Müdigkeit schlief ich ein. Ich wachte auf. Inzwischen hatte es angefangen zu regnen, und Nebel lag in der Luft. Es mußte früher Morgen sein, da es langsam hell wurde. Ich sprang aus dem Wagen. Erschrocken hielt ich inne. Schräg gegenüber stand ein Auto, doch ich konnte bei dem Wetter niemanden sehen. Langsam ging ich auf das Auto zu, da sprang die Tür auf. Mir fiel ein Stein vom Herzen, als ich erkannte, daß es eine Frau war. Eine junge und hübsche dazu. Sie erzählte mir, daß sie es am Abend zuvor gerade noch bis hierher geschafft hatte, weil ihr Reifen platt war und sie keinen Ersatzreifen hatte. Ich fing an zu lachen. "Einen Ersatzreifen habe ich, mir fehlt Benzin." "Und ich habe einen Kanister mit Benzin im Kofferraum." Da hatten wir uns nun die ganze Nacht um die Ohren geschlagen, und dabei hatten wir alles, was wir brauchten.



Elke Lengert: Die Nachricht

Seß Watchers / Compartment C, Car 293

Gleichmäßig ratterten die Räder des Zuges über die Schienen. Ich versuchte die gamze Zeit, mich auf das Buch zu konzentrieren. Vergeblich. Immer wieder schweiften meine Gedanken zu all dem, was geschehen war. Erst vor einer Woche war Bernd fortgefahren. Es war alles wie gewöhnlich gewesen. Er hatte zwei Wochen Urlaub gehabt, die für uns beide ganz toll gewesen waren. Wir hatten den ganzen Tag am Strand im Liegestuhl gelegen und uns ganz entspannt. Dann mußte er wieder los, diesmal nach Finnland auf eine Baustelle seiner Firma. Doch gestern, gestern war passiert, was ich schon so lange wie einen Alptraum vor mir gesehen hatte. Bernd hatte einen Unfall. Mitten in der Nacht hatte ich ein Telegramm erhalten. "FRAU LAURA TIMPE STOP SOFORT KOMMEN STOP UNFALL AUF BAUSTELLE STOP ZUG AB HAMBURG 17 UHR NEHMEN" Sicher sollte ich kommen, um ihn zu identifizieren. Irgendwie hatte ich alle notwendigen Sachen zusammengepackt und mich nach dem Zug erkundigt. Jetzt saß ich in der Bahn. Ich schaute von meiner Lektüre auf, die ich während der ganzen Zeit angestarrt hatte. Mein Blick schweifte aus dem Fenster. Der rötliche Abendhimmel, der sich am oberen Rand schon dunkel verfärbte, spiegelte die gleiche Leere wieder, die ich zur Zeit auch empfand. Wie sollte es weitergehen? Ohne Bernd? Ich stand auf und ging auf den Gang, um mir ein wenig die Füße zu vertreten. Der Zug fuhr in einen Bahnhof ein und hielt. Plötzlich spürte ich eine Hand auf meiner Schulter. "Christiane." Ich drehte mich um. Die Frau eines Arbeitskollegen von Bernd. "Nadja, was machst du denn hier?" Ich hielt inne. "Du in Schwarz? Hast du etwa auch eine Telegramm... - Komm!" Ich führte sie in mein Abteil. Wir setzten uns und ich legte fast instinktiv meinen Arm um ihre Schulter. Stockend begann sie zu erzählen. "Ich weiß nicht, Christiane, es sieht wirklich schlecht aus", beendete sie meinen Bericht. Es war, als ob ihr eine Last von den Schultern genommen wurde. Ich erzählte ihr auch von mir und dem Telegramm. Zusammen fuhren wir nach Finnland. In Finnland stiegen wir einige Male um, bis wir endlich nach Oulu kamen, wo die Baustelle lag und wo die Firma eine Niederlassung hatte. Dort angekommen lag das Haus wie ein schwerer, hoffnungsloser Klotz vor uns. Wir gingen die Stufen hinauf. Nadja wollte direkt hinein, doch ich blieb stehen und wollte erst wieder einen halbwegs klaren Kopf bekommen. Um uns herum liefen viele Bauarbeiter ein und aus. Plötzlich rief Christiane: " Nadja!" Mir stockte der Atem. Neben ihr stand Bernd. Ich flog ihm entgegen. Tausend Gedanken purzelten durch meinen Kopf. Warum? Was war hier los. Ich dachte, er sei... Bernds Gesicht war ernst. Aber er lebte doch! Er blickte zu Nadja. "Es tut mir leid Nadja, was deinem Mann passiert ist. Ich habe extra Christiane das Telegramm schicken lassen, damit sie dich abholt und du nicht allein fahren mustest."



Martina Bürvenich: Die letzten fünf Minuten

Western Motel

Rums, die Tür flog auf. Mit einem Ruck saß sie auf dem Bett. Damit hatte sie nicht gerechnet. Ohne anzuklopfen, betrat Jim das Zimmer. Jim sah sie an. Was für eine schöne Frau! So ein schönes rotes Kleid. Auf wen wartete sie wohl? Ob sie Ihren Urlaub genoß oder auf Geschäftsreise war, er wußte es leider nicht. Wie wohl ihre Stimme klang? "Was suchen sie denn hier", fragte sie. "Das ist mein Zimmer, suchen sie sich gefälligst ein anderes." "Ja, aber..., die Empfangsdame an der Rezeption sagte doch Parterre, Zimmer Nr. 6." "Das kann nicht sein, mir wurde vor einer halben Stunde das gleiche gesagt." Mit seinen großen Schritten ging er auf sie zu. Vor ihr blieb er stehen, mit großen aufgerissenen Augen. Sein Mund sprang auf. Sah er das richtig? In der linken Hand hielt sie plötzlich einen 38er Revolver. Wollte sie auf ihn schießen, ihn etwa töten? Ehe Jim sich umsah, hatte er das Ding schon auf der Nase sitzen. Und... Jim riß ihr den Revolver aus der Hand und drückte dabei ab. Schwer getroffen sank sie auf das Bett zurück. Was sollte er jetzt machen, er hatte das doch ganz anders geplant? Er hob sie vom Bett und schob sie einfach darunter. Dann ging er aus dem Zimmer und stieg in sein Auto.



Miriam Korff: Das gestohlene Patent

Compartment C, Car 293

Endlich saß sie im Zug. Bevor sie in ihr Abteil gegangen war, hatte sie sich noch einmal umgesehen. Nichts Auffallendes. Hier hatte sie endlich ihr beklemmendes Angstgefühl verloren. Unmöglich, hier konnte niemand sein, der hinter ihr her war. Vielleicht hatten sie das Fehlen des Planes noch gar nicht bemerkt. Knapp drei Stunden war es jetzt her, daß sie Clemens getroffen hatte. "Sei vorsichtig, Lene! Laß diese Stück Papier nie aus den Augen." Das hatte sie bis jetzt auch noch nicht gemacht. Sie war zum Hamburger Hbf gefahren und war einfach in den Zug gestiegen. Niemand konnte wissen, daß dieses heftartige "Etwas" ein gestohlenes Patent für ein neues Medikament war: PENIZILLIN. Jetzt saß sie in ihrem Zugabteil. Die Sonne ging gerade unter, und ihr gegenüber saß ein schlafender Mann. Sie hatte das Gefühl, daß diese Idylle nicht trügen konnte. Neugierig sah sie sich zum ersten Mal die Zahlen und Buchstaben an. Es war schon getestet, und sie und ihr Bruder würden eine Menge Geld verdienen. Diese innerliche Sicherheit, in der sie sich befand, ließ das Gefühl der Müdigkeit in ihr aufsteigen. Ruhig schloß sie die Augen, während ihre Hände auf dem wichtigen Dokument ruhten. Kurz darauf war sie eingeschlafen. Ihr Schlaf war tief, doch geplagt von wilden Alpträumen. Immer passierte etwas schreckliches mit dem Patent. Plötzlich schreckte sie, durch einen lauten Ausruf geweckt, hoch: "Grenze, Zollkontrolle!" Sie sah sich um. Der Mann aus ihrem Abteil war weg. Ihre Hände umklammerten das Dokument. Die Tür flog auf: "Guten Abend. Haben Sie etwas zu verzollen?" Marlene schüttelte den Kopf. Sie war nicht fähig, auch nur einen Ton hervorzubringen, und ihr Herz klopfte schnell und laut. "Was haben Sie denn da in der Hand? Kann ich das bitte sehen?" "Nein, ich..." Sie spürte die Röte in ihrem Gesicht. "Bitte!" Der Mann in Uniform trat einen Schritt auf sie zu. Seine Stimme war nicht mehr so freundlich. "Jetzt ist es aus", dachte sie und übergab mit zitternden Fingern das Patent. Der Zollbeamte schlug das Papier auf und fing plötzlich an zu grinsen. "Aber junge Frau, dafür brauchen sie sich doch nicht zu schämen! Soetwas liest doch jeder einmal gern!" Verwirrt blickte sie dem Mann nach, der die Tür schloß und seine Runde weiter fortsetzte. Sie schlug das Patent auf, und ihre Augen wurden groß vor Entsetzen. Was sie sah, war ein Kinder-Comic.



Stephanie Kayser: Unerwartete Hilfe

Western Motel

Isabell von Staufen fuhr erleichtert zusammen, als die Zimmertür laut in das Schloß fiel. Endlich waren sie fort. Isabells Schicksal lag in ihren Händen. In den Händen von Verrückten. Wie lange war sie schon von der Außenwelt abgeschlossen? Ein paar Tage, zwei Wochen, einen Monat? Durch die ständige Gefangenschaft, hatte sie jegliches Zeitgefühl verloren. Früher war sie nie lange allein gewesen, fast immer hatte irgendein Kindermädchen oder einer der Vormunde die Zeit mit ihr verbracht. Auch jetzt war sie, bis auf wenige Minuten täglich, nie allein. Mindestens zwei der vier Entführer waren stets in ihrer Nähe. Bekleidet waren sie mit schwarzen Kapuzenumhängen. In Isabells Gegenwart blieben sie stets stumm. Nur durch die Wände drangen ab und zu Wortfetzen an ihr Ohr. Ihre Überlegungen über die Entführer brachten sie auf fast lustige Gedanken. Der kleinste der Entführer, der stets ein Bein etwas nachzog, erinnerte sie an ihren ältesten Cousin Antonius. Aber - Antonius ein Einführer? Das war unmöglich für sie. Antonius war stets darauf bedacht, an ihren Erlebnissen teilzunehmen, alles über sie und ihren Tagesablauf zu erfahren.

Eher traute sie Johann etwas Kriminelles zu. Ihrem zweiten, jüngeren Cousin. Erst vor kurzem hatte er sich bei seiner Familie in Europa gemeldet. Seine Jugend hatte er in den U.S.A. verbracht. Dort, wo sie jetzt gefangen war... Natürlich, ihr wurde alles klar! Er hatte ihr Ferienhaus in Californiß schon vor einiger Zeit ausgekundschaftet, hatte jeden Schritt der Entführung sorgfältig geplant. Es war kein Wunder, daß sie so hinterrücks, in ihrem Ferienhaus überfallen worden war. Der größte der Entführer wird es sein, die anderen waren viel zu schmächtig. Hier stoppten ihre Gedanken und ihr Blick schweifte durch das Zimmer, der Sessel, ihre zwei Koffer, das Bett. Plötzlich der rettende Einfall! Sie nahm ihre große Parfumflasche aus dem Koffer und setzte sich zurück auf das Bett. Plötzlich fuhr ein Auto mit hoher Geschwindigkeit vor das Haus und bremste mit quietschenden Reifen. Schnell postierte sich Isabell neben der Tür. Da waren die Entführer wieder. Kurze Zeit später haute jemand an die Tür. "Aufmachen!" Isabell rührte sich nicht. Nach einigen Stößen gegen das Holz der Tür, stürmte eine Person herein. Ohne zu überlegen, holte sie aus und schlug zu. Lautlos sackte die Person zusammen.

Sie blickte auf den Boden. Natürlich! Johann! Sie hatte es auch vorher schon gewußt. Sie wollte sich gerade abwenden, da stutzte sie. Warum hatte er eine Polizeimarke in der Hand? Ihr wurde schwarz vor Augen, als sie Antonius durch den kaputten Türrahmen mit höhnischem Gelächter ins Zimmer treten sah.


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e-mail an Dr. Karsten Uhde
Stand: 28.03.2000