Diese veränderte Relevanz von Wissenschaft betrifft sowohl eher anwendungsbezogene Disziplinen als auch die Grundlagenforschung und Fächer wie die Philosophie. Aus dieser Situation resultieren allerdings auch neue Möglichkeiten der internationalen Zusammenarbeit, des Erfahrungs- und Wissensaustauschs. So wechselten insbesondere in vielen naturwissenschaftlich-technischen Disziplinen gerade in der ersten Zeit nach dem Zerfall der Sowjetunion hervorragende russische Wissenschaftler entweder in kommerzielle russische Unternehmen oder zu westeuropäischen bzw. amerikanischen Institutionen und Firmen. Dagegen stellt sich die Situation der Geisteswissenschaften grundlegend anders dar: sie stehen nicht nur deshalb zur Disposition, weil sie als allzu konform mit dem Sowjet-System galten. Soziologie, Geschichte und Philosophie sind besonders bedroht, da neben jenem Verdacht und den genannten ökonomischen Problemen aufgrund der angeführten Wissenschaftsfeindlichkeit das allgemeine Interesse sich auf „daily horoscopes, advertisements for healers, interviews with witches“ (so Rabkin/Mirskaya, Science, 563) zu richten beginnt. Dabei käme diesen Fächern gerade in der aktuellen Umbruchsituation eine besondere Bedeutung zu. Sie hätten sich ihrer originären Aufgabe zu stellen, die Veränderungen in Staat und Gesellschaft zu reflektieren und Antworten auf aktuelle Fragen zu finden. Dazu bedürfen sie allerdings einer funktionierenden wissenschaftlichen Infrastruktur als Voraussetzung.
In diesem
Zusammenhang kommt der Philosophie, insbesondere der Geschichte der Philosophie
und hier wiederum nicht zuletzt der Philosophie Kants in der gegenwärtigen
Diskussion Rußlands eine besondere Bedeutung zu. Galt der Philosoph
des kategorischen Imperativs - der uns gebietet, so zu handeln, daß
die Maxime unseres Handelns zugleich als ein allgemei-nes Gesetz für
jedermann dienen kann -, in der Sowjetunion fast durchgängig nur als
Philosoph des Subjektivismus, als eine Art defizitärer Vorgänger
Marxens, so knüpft das wiedererwachte Interesse an Kant in Rußland
an eine lange Tradition an, die sogar auf Kant selbst zurückgeht,
der Vorlesungen auch vor russischen Offizieren gehalten hat.
Dabei existiert
in Rußland gerade auf dem Gebiet der Geschichte der Philosophie ein
vergleichsweise hohes Niveau: Vladimir Malachov (Gibt es eine Philosophie
in Rußland? - In: Osteu-ropa. Zeitschrift für Gegenwartsfragen
des Ostens. 43 (1993). H. 11, 1030-1038. 1035f.) nennt als Initiatorinnen
einer ernsthaften und seriösen Behandlung der Geschichte der Philosophie
Gajdenkos Heidegger-Buch von 1963 und Nelly Motroschilovas Arbeit über
Husserl von 1968. Andererseits waren russische Wissenschaftler lange
Zeit hindurch von der Teilnahme an internationalen Forschungszusammenhängen
nicht nur aus politischen Gründen ausgeschlossen, da viele von ihnen
bis zur Öffnung des Landes Fremdsprachen nicht beherrschten, deshalb
auf Übersetzungen angewiesen und dazu verdammt waren, Herausgebern
und Redakteuren, die ihrerseits permanent mit der Zensur zu kämpfen
hatten, zu vertrauen, oder aber mangels Übersetzungen auf die Auseinandersetzung
mit der nichtrussischen Philosophie überhaupt zu verzichten.
Doch selbst wenn Übersetzungen vorhanden waren, war eine Auseinandersetzung
mit westlicher Literatur nur auf vergleichsweise bescheidenem Niveau möglich
- Fachzeitschriften konnten nicht abonniert, internationale Tagungen nur
selten und unter Auflagen besucht werden, wirkliche Diskussions- und Arbeitszusammenhänge
konnten nicht entstehen: all das, was Thomas S. Kuhn in 'The Structure
of Scientific Revolutions' 1963 als Konstitutionsbedingungen für das
Entstehen einer ‘scientific community’ beschrieb, konnte sich im Falle
Rußlands allenfalls ‘intern’, nicht jedoch im Verhältnis zum
westlichen Ausland entwickeln. Diesen Zustand gilt es nun auch auf dem
Felde der Geschichte der Philosophie durch gemeinsame Anstrengungen - und
das heißt: vor allem durch die Entwicklung einer wirkliche Zusammenarbeit
ermöglichenden Infrastruktur - zu überwinden.
Ins Russische wurden aber nicht nur Kants Werke, sondern auch Abhandlungen nichtrussi-scher Kantforscher wie W. Windelbandt, H. Cohen, F. A. Lange, P. Natorp, F. Paulsen, A. Riehl, K. Vorländer oder I. Schulze übersetzt. Die im Westen formulierte Losung Zurück zu Kant! war Rußland also keineswegs fremd; sie verband sich sogar mit dem aufkommenden Neukan-tianismus, der als neue philosophische Bewegung Kant-Forscher aus allen Ländern zusammenschloß. Man reiste vorwiegend nach Marburg - so z. B. Boris Pasternak -, um bei Hermann Cohen, dem Haupt des Marburger Neukantianismus, zu studieren. So wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts das schon traditio-nell enge Verhältnis Rußlands zu Marburg - für das u. a. Michail Lomonossow steht, der Gründer der Moskauer Universität, der bei Christian Wolff studierte -, erneuert und befestigt. Nach der Oktoberrevolution galt eine der ersten ideologischen Attacken der neuen Machthaber der Philosophie Kants und der russischen Kant-forschung. Der Leninschen Schrift Materialismus und Empiriokritizismus von 1908 entlehnte Formeln erstarrten zu ideologischen Floskeln. Diese Formeln wiederzugeben und sich zu ihnen zu bekennen, sobald von Kant die Rede war, galt als unumgänglich. In der Folge war es bis in die Mitte der 50er Jahre hinein höchstens im intellektuellen Untergrund möglich, Kant zu studieren und zu interpretieren, ohne in ideologisch motivierte Einschätzungen und Denkklischees zu verfallen. Es gab im Rußland jener Zeit nur einige wenige, die dies unternahmen; viele namhafte Denker Rußlands, unter ihnen auch etliche Kant-Forscher, waren nach der Revolution emigriert, einige wurden gewaltsam des Landes verwiesen, beispielsweise mit dem sogenannten „Philosophenschiff“. - Damals war es somit äußerst gefährlich, sich zur Kantischen Philosophie zu bekennen. Es war daher nicht erstaunlich, daß in jener Zeit Kants Werke nur äußerst selten verlegt wurden. Die in der Stalin-Zeit zur Philosophie Kants publizierten - vorwiegend kleineren - Beiträge erschienen größtenteils in Sammelbänden. Die nachfolgende Tauwetterperiode Ende der 50er und 60er Jahre verbesserte dagegen auch die Situation der Kant-Forschung. In den 60er Jahren erschien eine von W. F. Asmus, A. W. Gulyga und Th. I. Oiserman bearbeitete Ausgabe von Kants Gesammelten Werken in sechs Bänden; in jüngster Zeit - den 80er und 90er Jahren - gab es eine Reihe weiterer Veröffentlichungen von Schriften Kants. Darüberhinaus nahm im Vergleich zu den vorausgegangenen Jahrzehnten die Zahl der Kant gewidmeten Bücher, Artikel und Disser-tationen in den 60er und ganz besonders in den 70er Jahren erheblich zu. In diesen Jahrzehnten entstanden außerdem dauerhafte Zentren der Kant-Forschung, so zum Beispiel an der Universität in Kants Heimatstadt Königs-berg/Kaliningrad.
Doch trotz dieses erst vor kurzem begonnenen Aufschwungs der editorisch-übersetzerischen Tätigkeit wie auch der Kant-Forschung befindet sich die russische Philosophie in der Mitte der 90er Jahre in einer äußerst problematischen Situation: die oben erwähnte sechsbändige Ausgabe ist vergriffen, die Nachfrage nach Kants Werken bleibt erstaunlich hoch. Zwar gibt es inzwischen Einzelausgaben, die aber in der Regel heutigen editorischen Anforderungen an Textgenauigkeit und Qualität der Übersetzung nicht genügen.
Es ist das ausdrückliche Ziel aller an der Ausgabe Beteiligten, einen Beitrag zur Reintegration der russischen Philosophie in internationale Diskussions- und Forschungszusammenhänge zu leisten. Für dieses Ziel kann Kant selbst als Gewährsmann dienen: nach seinem Selbstverständnis ist es die Aufgabe eines Lehrers der Philosophie, nicht nur Fachleute zu erziehen, sondern die Angehörigen eines Nachbarvolks oder eines benachbarten Kulturkreises insgesamt in die Arbeit des Philosophen einzubeziehen und zum Selbstdenken hinzuführen. Die Herausgabe der Werke Kants im Rahmen einer zweisprachigen Edition erfüllt damit neben den oben genannten, die heutige Situation der Philosophie in Rußland betreffenden Aufgaben einen vom Klassiker der deutschen Philosophie selbst gestellten Auftrag. Die Aufgabe des kulturellen, wissenschaftlichen und philosophischen Austauschs umfaßt bzw. bedeutet dabei im konkreten Fall im einzelnen: Aufbau einer wissenschaftlichen Infrastruktur, d. h. im konkreten Fall insbesondere: Bereitstellung einer wissenschaftlich-kritischen Ausgabe der Kantischen Texte; Wiedereinbeziehung der russischen Philosophen und Wissenschaftler in den internationalen Arbeits-, Forschungs-, Diskussions- und Publikationszusammenhang; Organisation eines internationalen und interdisziplinären - insbesondere die Fächer Philosophie und Slawistik in Rußland und Deutschland umfassenden - Forschungs- und Publikationszusammenhanges.
Diese neue Konstellation erforderte neue Initiativen, an deren Ende Gespräche mit einem professionelleren Verlag standen. Die renommierte Moskauer philosophische Stiftung hat mit Frau Prof. Motroschilova und Prof. Tuschling einen Vertrag für zunächst nur einen weiteren Band der Ausgabe abgeschlossen, sich allerdings dazu bereiterklärt, auch weitere Bände der Ausgabe verlegerisch zu betreuen. Diese Bereitschaftserklärung war gleichsam die Initialzündung zu einer zweiten Probephase, die nach den Schwierigkeiten bei Produktion und Vertrieb des ersten Bandes notwendig wurde. Unter neuen Bedingungen sollten nun die im Rahmen der Produktion des ersten Bandes gewonnenen Erfahrungen ausgewertet werden, indem erstmals zwei größere Schriften Kants editorisch und übersetzerisch bearbeitet wurden, nämlich die Grundlegung zur Metaphysik der Sitten und die Kritik der praktischen Ver-nunft. Dieser Band liegt - gleichsam als eine zweite ‘Nullnummer’ - seit Mai 1997 in Moskau vor. Er weist editorisch wie von seiner äußeren Erscheinungsform her deutliche Verbesserun-gen ge-genüber dem ersten Band auf. Allerdings spiegelt auch er die spezifischen Probleme einer Kooperation zwischen Deutschland und Rußland wider: auch bei der Produktion dieses Bandes traten die schon im Zusammenhang des ersten Pilotprojekts beanstandeten Kommunikationsprobleme deutlich hervor. Zu einer gemeinsamen Schlußredaktion ist es auch in diesem Fall nicht gekommen, was auch darin zum Ausdruck kommt, daß im gedruckten Band das Inhaltsverzeichnis nur in russischer Sprache vorliegt. - Die an wissenschaftliche Editionen zu stellenden Anforderungen zu erfüllen, ist somit nach wie vor Desiderat; ein Desiderat, das zu beheben nunmehr (nach der Zusage der Förderung seitens der Volkswagen-Stiftung) allerdings möglich geworden ist.
An positiven Erfahrungen aus beiden Probeläufen muß - neben dem Sachverhalt, daß es überhaupt gelang, zwei Bände herzustellen - zunächst die Qualität der editorischen und übersetzerischen Arbeit überhaupt angeführt werden. Die Herstellung der Texte hat gezeigt, daß sowohl die in Moskau unter der Leitung von Prof. Nelly Motroschilova arbeitende Forschergruppe als auch die in Marburg an der Ausgabe Beteiligten in der Lage waren, neben der bloßen Produktion der Texte alle Arbeiten zu leisten, die erforderlich sind, um die Bände mit einem erläuternden Apparat sowie - im Falle des zweiten Probebandes - auch mit einem nach dem Vorbild der Kant-Ausgaben Karl Vorländers in der Philosophischen Bibliothek erstellten Register zu versehen. Wurden in Rußland vorhandene Übersetzungen revidiert bzw. vollständig neue Übersetzungen angefertigt, so wurden die deutschen Texte in Marburg auf der Grundlage der EDV-Version der Schriften Kants, die von Prof. Lenders vom Institut für Phonetik der Universität Bonn vorgelegt worden ist, für die zweisprachige Edition vorbereitet. Positiv war schließlich auch die Resonanz, die die Idee einer editorisch-wissenschaftlichen Zusammenarbeit in Deutschland und Rußland erfahren hat. Diese Resonanz hat ihren Ausdruck nicht nur in der schon angesprochenen Unterstützung der Edition durch die deutsche Kant-Ge-sellschaft und die Akademie der Wissen-schaften und Literatur zu Mainz gefunden, sondern es ist darüber hinaus auch gelungen, neben der Alexander-von-Humboldt-Stiftung (für die Übernahme eventuell anfallender zusätzlicher Druckkosten) auch und vor allem die Volkswagen-Stiftung zu gewinnen, die das Projekt im Rahmen ihres Schwerpunktes Gemeinsame Wege nach Mittel- und Osteuropa ab 1997 für zunächst drei Jahre auf deutscher wie auf russischer Seite fördert.