Radtour durch Marokko (17.12.02-7.1.03)
Route - Reisebericht - Packliste

17.12.

 

 

Flug von Erfurt nach Agadir: bis auf kleinere Beschädigungen der Fahrräder und Verlust unwesentlicher Gepäckteile ging alles gut.

Wir fahren bis Inezgane (12 km), wo wir gerade noch eine offene Bank finden. Der Verkehr ist ungewohnt stressig und laut. Wind pfeift laut durch alle Ritzen des Hotels, in der Eingangshalle hinterlassen wir Schlammspuren.



Auf der (recht verzweifelten) Suche nach Spiritus lernen wir Mohammed kennen, der uns hilft und uns zum Tee einlädt. "Be careful: it's raining", gibt er uns mit auf den Weg.
18.12. Über Ait Melloul nach Ait Baha (56 km). Viel Metall- und ein bisschen Holz-Handwerk in den Nebenstraßen. Gearbeitet wird vor allem vor den Geschäften und auf den Gehwegen, viele Kinder sind als Transporteure unterwegs. Um 16h kommt eine Horde von Kindern offenbar aus einer Grundschule, und wir sehen zum ersten Mal eine unverschleierte Frau auf offener Straße.

19.12.

Übernachtung am Agadir Tizlan, wo wir die Erlaubnis zu zelten bekommen haben (47 km). Da wir kein Wasser mehr haben, fahre ich 4,5 km bis zum nächsten Dorf, wo heute (donnerstags) Souk sein soll.



 

Zwei Jungen, die noch nie eine Europäerin auf einem Rad gesehen zu haben scheinen, verkaufen mir dort Mineralwasser, Couscous und Fladenbrot.

Zurück bis zum Zeltplatz schaffe ich es gerade noch vor Einbruch der Dunkelheit.

20.12.

Rauf auf die Passhöhen in der Mittagshitze bis 1500, 1600 Meter.
Ziel ist die Oasenstadt Tafraoute (57 km).

 

Wo wir Pause machen, treibt ein Hirte seine Ziegen über die Straße. Ein Junges bleibt zurück, findet den Anschluss nicht mehr. Schließlich folgt es uns zu den anderen. Zwei junge Frauen begegnen uns Kräuter sammelnd im Wald, schäkern mit uns.

Berge: Die Kulisse wird schroffer, die Straßen menschenleerer, das Grün nimmt ab.


21.12.

Auf dem Campingplatz gibt es erst ab 9 Uhr fließendes Wasser. Auf der Passhöhe eine Schule, die Kinder reißen sich um die Luftballons, die ich aus der Hosentasche ziehe. Ein alter Mann auf dem Feld bittet um Zigaretten.

In einem Bergdorf machen Kinder eine Straßensperre, ein Stein fliegt nach uns, weil wir nicht anhalten.

Wir campen wild neben einem Fußballplatz zwischen Souk-Tleta und Souk-Jemaa (62 km), bauen das Zelt erst in der Dämmerung auf und schlafen sehr unruhig - nicht nur wegen dem starken Wind.


22.12.


Wir überqueren den Anti-Atlas bei furchtbarem Gegenwind, beschließen spontan, nicht weiter nach Osten zu fahren, und landen in Bou-Isakarn. Dort ist es laut und hässlich, wir nehmen einen Bus nach Tiznit und fürchten unterwegs um unsere Räder, die wir auf dem Dach scheppern hören.

23.12.

Der kam aber irgendwie nicht (bzw. nicht schnell genug für unsere europäischen Vorstellungen).
Zu ungeduldig für den Bus, starten wir doch per Rad und finden unterwegs einen Bus nach Inezgane. Am frühen Abend kommen wir dort am Busbahnhof an und nehmen spontan den nächsten nach Tazenakht.

Heute sind wir weit in den Osten gefahren, nach Tazenakht (davon selber gefahren: 67 km).
Ursprünglich wollten wir - nach lan-
gem Herumentscheiden - mit dem
Bus nach Taroudannt.

Ein Junge musste bis 23 Uhr im Hotel warten, um uns zu empfangen. Es ist sehr kalt hier, natürlich auch die Dusche...


24.12.


Die Wüste: flirrende Luft, gar nicht soo heiß und sehr schön. Neben uns ziehen sich Oasen an einem Wadi.

Kurz vor Foum Zguid schlagen wir hinter einer Düne das Zelt auf (88 km). Keine Fahrzeuge mehr nach Eindruch der Dunkelheit. Absolute Stille, die richtig in den Ohren dröhnt. Sternenhimmel wie noch nie gesehen, flimmernd. Ich suche verzweifelt den großen Wagen, sehe ihn allerdings, als ich um 3 Uhr nachts aufwache. Morgens hören wir aus weiter Ferne einen Esel.

 

25.12.

Nach der Nacht in den Dünen sind die Eier in der Plastiktüte (zum Schutz vor wilden Tieren waren sie extra in einem Baum aufgehängt) nur noch Matsch. Offenbar hatten wir Nachtfrost.

Morgens, noch im Dunkeln, wird der erste und einzige Plattfuß der Tour geflickt. Im Cafe de la Libertad in Foum Zguid treffen wir dann zum ersten Mal EuropäerInnen - Merry Christmas...

 


Nach dem Frühstück geht es mit ca. 21 km/h Richtung Tata. Obwohl die Szenerie nicht so wahnsinnig abwechslungsreich ist, wird die Wüste irgendwie nicht langweilig.

Abends finden wir die von Erika Därr beschriebene, wirklich paradiesische Stelle zum Baden und wild Campen vor Tissint (68 km).

26.12.

Bis Tissint geht es auf einer gewundenen Straße recht gut voran. Kaum Verkehr hier, am Ortsausgang Polizeikontrollstelle.

Nach dem Pass Richtung Westen, jetzt haben wir extremen Westwind und ärgern uns sehr über die Bus-Aktion, mit der wir doch dem Gegenwind entkommen wollten!!

 

Die Kräfte lassen nach, es geht bergauf, erstmals fahren wir in die Dunkelheit hinein bis nach Tata (82 km). Heute mal nicht campen.

Im Hotel treffen wir unsere europäischen FreundInnen von gestern wieder, essen zusammen Tadjine und verbringen einen Tag gemeinsam.


28.12.


Von hier aus wollen wir den Anti-Atlas noch einmal überqueren, nun von Süden nach Norden. Noch sind wir in der Wüste. Morgens um 8h messen wir noch frostige 3°C (nie wieder ohne Schlafsack-Inlet wegfahren!), tagsüber bleibt es meist unter 30°C.

In den Dörfern werden wir lautstark begrüßt und von einer Horde Kinder umringt, wenn wir anhalten.

Nach dem starken Gegenwind in der Ebene macht es Spaß, wieder Berge zu fahren. Wir übernachten gegenüber einer Oase vor Tagmoute/ Issafen (84 km).

29.12.

 

Die Straße nach Igherm folgt einem Wadi. Komisch, an einem völlig trockenen Fluss entlang zu fahren und sich vorzustellen, wie das hier ist, wenn Wassermassen kommen!

Als ich Briefe einwerfen will, eilen Frauen herbei, sie werden schnell mehr. Wir alle können kein Französisch - aber ich soll den Briefkasten wohl nicht benutzen. Dann halten sie Henna-geschmückte Hände auf, lachen, fragen nach Bonbons. Reizende Bekanntschaft.




Nach einem Wettrennen mit der lokalen Fußballmannschaft - zwei Handvoll Jungs mit grellen Trikots, die auf Rädern vom Training nach Hause fahren - zelten wir in den Bergen (64 km). Während wir kochen, schallt das Abendgebet herüber.

Nachts wache ich auf und höre, dass das Zelt würde von Tieren umstreift wird. Aber morgens ist alles unangetastet, auch das Essen. Panik umsonst.

30.12.

Nach endlosem Auf und Ab und
wieder Auf jetzt endlich die Abfahrt. Und wieder mehr Grün
.

Als ich zum Fotografieren anhalte, kommt ein Junge und bettelt. Da ich ihm weder Stifte noch Geld geben will, klaut er mir die Mandarinen vom Fahrrad. Ich schäme mich, dass ich ihm nichts abgegeben habe (ein Kilo Mandarinen kostet in Marokko umgerechnet ganze 20 Cent!).

 

Auf äußerst schlechter Straße geht es bis Taroudannt (74 km). Eine richtige Stadt, fast schon ungewohnt!

Wir haben vom Gebirge noch nicht genug und beschließen, morgen den Hohen Atlas zu überqueren.

31.12.

 

 

Im Hotel gibt es pain au chocolat zum Frühstück und (morgens) warmes Wasser!

Wir fahren tatsächlich an einem Tag bis auf die 2100-m-Passhöhe Tizi'n'Test hoch (49 km und ungefähr 2 km Höhenunterschied), wo uns ein malerischer Sonnenuntergang und die herzlichste Bewirtung unseres Lebens erwarten.


1.1.03

 

Das neue Jahr haben wir mit dem Wirt, dem Koch und drei alten Hirten begonnen, die sich an dem improvisierten Ofen aus ausgedienten Fässern wärmten. Eine Familie aus Frankreich war auch dort, mit ihnen und dem Wirt (ein Berber) tauschten wir stundenlang Urlaubs- und Lebenserfahrungen aus.

Zu essen gab es außer Fladenbrot und Sardinendosen nur Omelette Berber, zu trinken immer neue Kannen marokkanischen Minztees ("Whiskey Berber"). Mitternacht stoßen wir mit Sprite ohne Kohlensäure an. Ob man auch in Europa ohne Alkohol so intensiv und ausgelassen feiern könnte?

Erst seit drei Jahren haben sie dort oben Strom und sind auch nicht darauf angewiesen (das Licht brennt mit Gas); ein dauerhaftes Leben mit diesen sanitären Anlagen scheint uns überhaupt nicht vorstellbar.

 



Wir brechen ohne Kater auf, schaffen aber nur enttäuschende 57 km (auf dieser Seite des Atlas geht es viel auf- und abwärts, und die Höhenmeter von gestern spüren wir noch) und campen in der Nähe von Iljoukak.

2.1.

 

 

Nachts haben wir in den Bergen campiert und mit Flusswasser gekocht (inzwischen Routine mit dem Wasserfilter) und gebadet.

Richtung Marrakech werden wir zunehmend als TouristInnen wahrgenommen und behandelt. Allmählich lernen wir das Handeln.

Wir erreichen gegen 16h Marrakech (85 km). Unglaublicher Verkehr, Smog, Hitze und Lärm. Polizisten regeln den Verkehr. Die Hotelsuche ist hier schwieriger.

Schlangenbeschwörer, Geschichtenerzähler (auf arabisch) und Händler auf der Djama-el-Fna. Abends werden auf dem ganzen Platz Stände aufgebaut, um Essen zu verkaufen.


3.1.


In den Gassen Marrakechs verirren wir uns immer wieder und stoßen auf die Koranschule, eine Gewerkschaftszentrale und die Synagoge (macht keinen authentischen Eindruck). Viele streunende Katzen, Störche.

 

 

 

 

 

 

 

Zum ersten und einzigen Mal können wir eine Flasche Wein kaufen.


In den Hinterhöfen wird gearbeitet: Gerbereien, Bäckereien, Schafzucht, Schlosser, Lampenbauer, viele Zahnärzte...
In den Straßen der Gewürz- und Seifenhändler riecht es besser.

Ein Junge begleitet uns schon lang; als wir keine Lust mehr auf Herumirren haben, lassen wir uns schließlich von ihm führen und geben ihm Geld dafür.


In einem Terrassencafé an der Djama-el-Fna versuchen wir uns zu entspannen.
Mittags tönt das Gebet aus der Moschee gegenüber (es ist Freitag).Wir sehen, wie unzählige Menschen zum Gebet zusammenkommen. Immer neue Teppiche werden herbeigeschleppt, manche begnügen sich mit Pappkarton. Wo sind die Frauen?


4.1.

 


Geimsames Frühstück mit unseren Bekannten aus Foum Zguid, danach mit dem Bus bis Essaouria an der Westküste. Essaouria ist sehr hübsch, mediterran, offensichtlich touristisch ausgerichtet und ungewohnt (eigentlich eher befremdlich) sauber.

 

 



Der Campingplatz liegt außerhalb. Wir treffen drei Leute aus den Niederlanden wieder, die wir schon in Taroudannt gesehen haben. Sie sind schon neun Monate unterwegs.

Im Hafen werden hölzerne Schiffe für den Fischfang gebaut.

6.1.

Busfahrt nach Agadir, danach mit dem Rad weiter nach Inezgane (12 km). Unsere ausgehandelten Buspreise liegen inzwischen weit unter dem, was wir anfangs noch bereitwillig bezahlt haben.

Der Busfahrer ist sehr jung und fährt unglaublich schnell, vor allem in den Serpentinen. Uns ist schlecht; offenbar nicht nur uns: Plastiktüten werden verteilt...

Obwohl wir die Sprache nicht verstehen, sind wir in der ausgelassenen Stimmung in dem überfüllten Bus irgendwie voll intergriert.

 

7.1.

In Inezgane haben wir Mohammed und seine Familie zuhause besucht. Wir haben mit Fragen gelöchert über Religion, Geschichte, Kultur und alles, was wir unterwegs nicht verstanden haben.

Aziza hat uns erklärt, wie man Couscous richtig kocht, und Mohammed, wo wir heute noch Sachen kaufen können.


Streifzug durch Märkte und Geschäfte. In dieser Stadt erinnern wir uns überall an die Befremdung und Unsicherheit, die wir hier an unserem ersten Tag verspürt haben.

Per Rad nach Agadir (12 km), die Strecke vom ersten Tag. Pappkarton besorgen, um die Räder mehr schlecht als recht für den Rückflug zu verpacken. Landung bei Dunkelheit und -22°C.